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Der Israelit · 1893-08-21 · Heft 67 (21.8.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 67 (21.8.1893)
Date
1893-08-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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V f : > I I i>" ■ U\ 1292 servatlven gründlich vor, indem er sie als schlimme Volksausbeuter hinstellte und ihnen Treubruch vorwarf. Die Konservativen hätten im Widerspruch mit den zwischen ihnen und den norddeutschen Antisemiten getroffenen Abmachungen bet der letzten ReichStagswahl auch in denjenigen Wahlkreisen, welche den Antisemiten überlassen bleiben sollten, eigene Kandidaten aufgestellt. Da habe er es denn für seine Pflicht gehalten, den Herrschaften eine empfindliche Züchtigung angedeihen zu lassen, indem er fich in ihrem, sichersten Wahlkreis, dem Neustettiner, aufstellen ließ. Diesen Wahlkreis hätten zur Strafe für ihre Treulosigkeit die Konservativen verloren; das sei aber noch nicht genug, bet den nächsten Wahlen werde man ihnen ganz Htnterpommern abnehmen. Im weiteren Verlauf seiner Rede entwarf Ahlwardt sodann eine drastische Charakteristik der Konservativen. Bis zum Jahre 1843 hätten sie das Vorrecht gehabt, das Volk ganz allein scheeren zu dürfen. Von 1848 ab hätten die Juden mit ihnen um dieses Vorrecht gestritten, was zu den politischen Kämpfen zwischen Liberalismus und Konservatismus geführt habe. In diesen Kämpfen hätten jedoch meistens die Juden durch ihre Schlauheit gesiegt. Als die Konservativen sahen, daß sie ohne fremde Hilfe nicht fertig würden, hätten sie Stöcker und Liebermann losgelaffen, damit diese ihnen Sukkurs aus dem Volke brächten. Sie hätten den antisemitischen Vorspann damals sehr gut gebrauchen können. Heute dagegen, da der Antisemitismus sich zu einer starken, selbstständigen Partei entwickelt habe und nicht mehr gewillt sei, den Junkern Spanndienste zu leisten, erdreisteten sich diese, sowie ihre Schildknappen, die Stöcker, Liebermann, Ltmann (Dresd. Nachr.) und Konsorten, den reinen Antisemitismus zu beschimpfen und ihn selbst, den Reinsten unter den „Reinen" zu verunglimpfen. Man habe sich nicht entblödet, ihn und seinen Anhang Radau-, Rupel- und Scandal - Antisemiten zu nennen. Daraus mache er sich jedoch weiter nichts. Er werde seine Pflicht thun nach wie vor. In diesem Sinne sprach Ahlwardt zum großen Gaudium seiner Zuhörer noch ein Langes und Breites, wobei er unentwegt über den Stöcker und die Stöckergenoffen Herzog. Es lag stellenweise sogar Verstand und Sinn in dem kindlichen Spiel. Was Redner über das Verhältniß der Konservativen zp den Antisemiten Stöcker'scher und Liebermann'scher Prägung sagte, das entsprach — zum Theil wenigstens — den tatsächlichen Verhältnissen. Dieser Zweig des Antisemitismus ist wirklich nur eine Sukkursale des sich trotz der großen Worte, in denen er sich zu ergehen pflegt, doch innerlich ohnmächtig fühlenden Konservatismus. Die Anlehnung der Konservativen an die Antisemiten, die auf Tivoli ihren deutlichsten Ausdruck fand, war das Vorspiel zur Bankerotterklärung jener Wirthschaftspartei, welche ihre egoistische Jnteressenpolitik hinter dem konservativen Aushängeschild zu verbergen sucht, in Wirklichkeit aber schon längst mit den konservativen Doktrinen gebrochen hat. Der Bankerott selbst wird nicht ausbleiben und es ist sehr leicht möglich, daß zu seiner definitiven Herbeiführung selbst ein Ahlwardt wesentlich beitragen wird. Der Genius der Weltgeschichte bedient sich häufig unwürdiger Werkzeuge zur Verwirklichung seiner Pläne. Diejenigen, welche glaubten, daß Ahlwardt, nachdem er sich im Reichstag durch seine „Enthüllungen" so schmählich blamirt habe, politisch todt sei. wurden schon eines andern belehrt, als sie später erfuhren, daß derselbe Mann zweimal in den Reichstag gewählt worden war. Heute können sie und können wir Alle überzeugt sein, daß dieser Mensch noch eine beachtenswerthe Rolle spielen wird, wenn auch nur als Gährungserreger inmitten all der politischen und sozialen Fäulniß, die ihn umgibt. Und er selbst scheint eine dunkle Ahnung zu haben von seiner Mission. Er bereitet sich auf große Thaten vor und will, wie er am Dienstag Abend des Näheren erörterte, in der nächsten Reichstagstagung den Antrag stellen, „das von den Juden erworbene Vermögen durch den Staat sequestriren zu lassen, dagegen alle von Juden gegen Christen ausgebrachte Sequestrationen und Pfändungen so lange ruhen zu lassen, bis die Judenfrage erledigt sei." Stürmischer Beifall folgte diesen Ausführungen des großen Sozialreformers. Das beweist doch wohl klar und deutlich, daß dem Gedanken an die von den Sozialisten verkündete „Expropriation der Expropriateure" in diesen Kreisen durch die bisherige antisemitische Agitation bereits tüchtig vorgearbeitet, daß die Achtung vor dem Eigenthum hier schon vollends untergraben ist. Allerdings hat es einstweilen noch den Anschein, als ob das nur bezüglich des „jüdischen Eigenthums" der Fall sei — wer aber die Leute, welche hier hauptsächlich in Betracht kommen, näher kennt, der weiß, daß sie schließlich rücksichtslos alle Konsequenzen ziehen und Sturm laufen werden gegen alles und jegliches Eigenthum. Herr Ahlwardt aber wird ihnen auch dabei mit gutem Beispiel vorangehen. Er will stets das, was seine Hintermänner wollen und seine ganze Größe besteht darin, daß er die feine Witterung hat für das, was in den untersten Schichten vorgeht und was sich dort an neuen Strebungen vorzubereiten und an neuen Begierden zu regen beginnt ..... i

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