Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-08-21 · Heft 67 (21.8.1893) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 67 (21.8.1893)
Date
1893-08-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448379--36957-2485001
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1289 Auch dem Hirten ging das Unglück des Bürgermeisters nah?. Es ekelte ihm vor den Menschen, die sich wie eine Heerde Irrsinniger von verrückten Führern leiten und zu allem Bösen verführen laffen und um keinem von ihnen zu begegnen, wandte er sich dem Walde zu. Der Tag neigte sich seinem Ende entgegen. Die Strahlen der Sonne fielen schräge auf und die Bäume bildeten lange Schatten. Der Wald lag stille da und geschäftig spielend hüpften die Eichhörnchen von Zweig zu Zweig. Ein Reh, welches mit seinem Jungen jetzt in die Lichtung des Waldes trat, äugte vorsichtig umher, ehe es, langsam äsend das freie Feld betrat. Ein Flug Rebhühner steigt rasch in die Luft empor und erschrocken fährt das junge Reh zusammen und eilt an die Seite seiner Mutter, welche zärtlich sein Fell leckt. Jetzt knistern trockene Zweige; mit einem mächtigen Satze haben die beiden Thiere den schützenden Wald erreicht und verschwinden in dem Dickicht desselben. Nun werten leichte Schritte hörbar; langsam kommt ein junges Mädchen aus dem Walde geschritten; vorsichtig sieht es sich nach allen Seiten um und als es Niemand erblickt, seufzt es laut auf, geht zurück und erscheint, einen alten Mann an der Hand führend, wieder. Es ist Rahe! und ihr Vater, welche den ganzen Tag ruhelos im Walde umhergeirrt sind. „Laß uns hier ein wenig lagern," sagte Beujamin, auf das weiche Gras deutend, „bald kann ich nicht mehr weiter; in einer Stunde ist die Nacht hereingebrochen und dann wollen wir versuchen, ungesehen in unser Haus zu gelangen." Er lagerte sich in das schwellende Gras und Rahel setzte sich ihm zur Seite. Trübe sah sie vor sich hin und beobachtete ängstlich den erschöpften Vater. Sein Athem ging rasch, fieberhaft glänzten seine Augen und in dicken Tropfen stand der Schweiß auf seiner Stirne. „Wie mag unser Haus aussehen", begann Rahel nach einer Weile; „vielleicht auch sind wir thöricht geflohen, während Niemand daran dachte, uns etwas zu Leide zu thun." „Möchtest Du recht haben, meine Tochter; ich bin zufrieden, wenn mein Haus noch steht und der angerichtete Schaden nicht allzugroß ist. Du kennst die Menschen noch nicht; wecke die Bestie in ihrer Brust, so sind Löwen, Tteger und Leoparden im Vergleich mit ihnen Lämmer; nichts ist ihnen heilig, nichts schonen sie. Wären wir nicht geflohen, wer weiß, ob wir nicht unser Leben hätten lassen müssen." Rahel nickte zustimmend. Sie dachte an die vielfachen Gefahren, welchen der Vater und auch sie selbst in der letzten Zeit ausgesetzt gewesen und sie wunderte sich, daß bis jetzt alles so gut abgelaufen war. Da, was war das? Hörte sie nicht vorsichtige Tritte hinter sich? Aengstlich blickte Rahel sich um und erschrack heftig, als sie, wie aus der Erde gewachsen, jetzt den Hirten vor sich stehen sah. „Ei, guten Abend. Fräulein Rahel", sagte er freundlich; „hier also finde ich Euch endlich; guten Abend, Herr Caro! Haben Sie einen Spaziergang gemacht?" „Lasse den Spott," erwiederte Benjamin, „und sage mir lieber, wie es im Dorfe aussteht." „Wie soll es aussehen? Wie gewöhnlich. Die Straßen sind ruhig —" „Und die Antisemiten? Sind die fremden Hetzer fort?" „Ja, Benjamin; Ihr könnt beruhigt hetmkebren. Ihr werdet Euer Gehöft zwar etwas beschädigt wiederfinden, aber noch steht es fest in seinen Mauern; den rothen Hahn, den man darauf setzen wollte, habe ich fortgejagt." „Du?" fragten Benjamin und Rahel wie aus einem Munde. „Erzähle!" Und der Hirt erzählte, auf welche Weise er das Schlimmste vom Hause des alten Mannes abgewandt habe. Als er geendet hatte, sagte Benjamin mit zitternder Stimme: „Dank Dir, Fritz, tausend Dank. Jetzt aber begleitest Du uns nach Hause und übernachtest bei uns, daß ich Dir morgen Deine gute That reichlich lohnen kann." „Meine That bedarf keines Lohnes", entgegnete der Hirt bescheiden; „Ihr habt mir schon so viel Gutes erwiesen, daß ich mich freue, Euch auch einmal dienen zu können." Mit Hilfe des Hirten erhob sich Benjamin und trat, gestützt auf den Arm seiner Tochter, in Begleitung des Hirten den Heimweg an. Unterwegs theilte der Hirt seinen Begleitern auch den Unfall mit, der den Bürgermeister betroffen, und Benjamin war darüber tief betrübt. „So schädigt der Antisemitismus Alle und Jeden", sagte er; „der einmal ins Rollen gebrachte Stein ist schwer aufzuhalten; er zerschmettert Jeden, der sich ihm hemmend in den Weg stellt." „Und wer hat ihn ins Rollen gebracht?" sagte bitter der Hirt, „niemand anders als der Müller. Gott straf' ihn." „Seid stille Fritz und flucht keinem Menschen; es muß jeder sein Thun selbst verantworten und gerade der Müller Bastian ist unglücklich genug. Der Antisemitismus hat ihn fast vollständig rutntrt; der Thor, er meinte, er könnte schieben und wurde doch nur selbst geschoben." Der Hirt stickte beistimmend. Schweigend tra-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.