Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 66 (17.8.1893)
- Date
- 1893-08-17
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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im Jahre 1878 von Juden aus Jerusalem angelegt, später aber verlassen worden war; nun wurde sie zum zweiten Male, und zwar von russischen Emigranten besetzt. Aber welches war das Schicksal dieser eben genannten fünf Kolonien? Sie geriethen alsbald in die grösste Noth, und sahen sich nicht lange nach ihrem Entstehen am Rande des Verderbens. Diese Thatsache bedarf kaum der Erklärung. Man denke sich einen Menschen, der mit unvorhergesehener Gewalt aus dem Fenster eines hoch gelegenen Stockwerkes herabgestürzt wird. Ob dieser Unglückliche im Fallen wohl Ruhe und Zeit haben wird, darüber nachzudenken, auf welche Weise er unten am Besten ankommen kann? Keineswegs! Er stürzt zu Boden, ganz wie es der Zufall fügt, er kann nichts überlegen, und vermöchte er es auch, die Gewalt des Stosses, den er empfangen, und die Kraft, mit welcher die Erde ihn nach ewigen Naturgesetzen anzieht, würden gar bald sein ganzes Klügeln vereiteln. Und in eben derselben Lage befanden sich die Juden, welche die ersten Kolonien in Palästina gegründet hatten. Der Pöbel hatte sie in Russland und Rumänien zum Lande hinausgejagt, wie man Jemanden zur Thüre hinauswirft, oder — um in dem Bilde zu bleiben — aus dem Fenster stürzt. Es ist ja richtig, bei etwas geschärfterem Blicken in die Zukunft, bei etwas weniger Optimismus hätten sie nicht so lange zu warten brauchen, bis man sie hinauswarf. Sie hätten freiwillig gehen können, und wären dann in der Lage gewesen, ihre Kolonien mit Ruhe, Besonnenheit, Sachkenntnis^ kurz mit voller Ueberlegung auszusuchen und einzurichten. So aber wurden sie Hals über Kopf aus dem Hause geworfen, um, hiervon noch ganz betäubt, in Palästina sich wiederzufinden und nun mit wirrem Kopfe und zerschlagenen Gliedern an das wichtige Geschäft der Ansiedelung zu gehen. Ausser dieser Ueberhastung Seitens der unmittelbar Betheiligten war für die Gründung der ersten Kolonien in Palästina noch der fürchterliche Lärm charakteristisch, mit welchem die unbetheiligten Zuschauer, vor Allem die jüdischen Blätter in Russland und Rumänien, diese Angelegenheit begleiteten. Diesen Blättern bot jener Vorgang einen erwünschten Stoff, einen unerschöpflichen Quell, um jahrelang ihre Spalten damit zu füllen. Gierig verschlang der Leser jede Nachricht über Palästina, ohne zu prüfen, woher sie stammte. Wer aber waren denn jene Berichterstatter, die sich in der Presse uns r-rer Glaubensgenossen so breit machten? Es waren Personen, die von dem, worüber sie schrieben, von landwirtschaftlichen Angelegenheiten nämlich, nicht die mindeste Sachkenntniss hatten, Personen, die in kleinstädtischen Verhältnissen lebten und von der Welt draussen eine höchst unklare Vorstellung hatten; sie posaunten nun in die Welt hinaus in übertriebenen Berichten, mit kindisch erregter Phantasie, von dem, was um sie vorging, und von dem sie kaum die Hälfte verstanden. Es war eben hier, wie überall; die kleinen Füchse, um mit der Bibel zu reden, hatten wieder einmal den Weinberg verdorben, der grossen Sache durch übel angebrachten Eifer geschadet. „Schriftsteller“, d. h. Knaben, welche kaum der Schulbank entwachsen waren, hatten sich aufgeworfen, um „Richter zu sein in Israel“, in Alles mischten sie sich, überall ertheilten sie unerbetenen Rath, und vor Allem war es ihre Taktlosigkeit, ihre Indiscretion, welche der an sich grossen Idee schier ein frühes Grab bereitete. Und hierzu gesellte sich noch ein weiterer Fehler, nämlich der, dass sie das ganze Wesen der Auswanderung verkannten. Seine Heimath verlassen und hinaus in die Fremde pilgern, sollte nach wie vor vernünftiger Weise nur der Ausfluss unabweislicher Noth bleiben, Niemand, der sich dazu nicht ernstlich und in der That gezwungen sieht, sollte zum Wanderstabe greifen, vor Allem sollte er dazu nicht verlockt werden. Und es war daher verkehrt, der Auswanderung eine hochpolitische Grundlage zu geben, und von weitgehenden Plänen zu sprechen, als sei das Land schon besetzt und bebaut von Millionen von Juden, und als handele es sich nur darum, diese wirtschaftliche Occupation des heiligen Landes in allen ihren Consequenzen auszunutzen. — Was in Folge dieser Zerfahrenheit und dieser Reihe von Thorheiten eintreten musste, liess dann auch in der That nicht lange auf sich warten. Das Centralcomite in Gal atz (Rumänien) hatte unter heftigen Stössen in die Reclametrompete, für einen viel zu hohen Preis, nämlich für 90 Francs pro Hektar in Galiläa Land gekauft, um darauf 50 Auswandererfamilien anzusiedeln, von denen der erste Theil am 11. November 1882 unter ungeheurem Jubel der jüdischen Bevölkerung von Galatz aus in See ging, um die Kolonie „Samarin“ (später „Sichron-Jaakob“) zu gründen. Ihnen voraus waren schon am 18. August desselben Jahres 28 Familien mit im Ganzen 228 Seelen nach Palästina zu Schiffe abgereist, und hatten dort die Kolonie „Rosch-Pinah“ mit einem Flächenumfänge von 270 Hektar angelegt. Das war das ganze Resultat vieljähriger bombastischer Thätigkeit, das die winzige Frucht jahrelangen ruhmredigen Treibens, — eine neue Illustration für den alten Satz: ^parttiriunt montes, nascetur rtdiculus mus, — gewaltig hatten die Berge gekreist, und ein winziges Mäuslein hatten sie geboren. Aber all’ die Reklame war keineswegs so harmlos gewesen, sie hatte die türkische Regierung mit Misstrauen erfüllt. Die Erfahrungen, welche die hohe Pforte in den letzten hundert Jahren mit Freund und Feind gemacht hatte,