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Der Israelit · 1893-08-14 · Heft 65 (14.8.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 65 (14.8.1893)
Date
1893-08-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Gebäude angesammelt hatten, alle auf einmal mitsprechen wollten, konnte man zu einer Verständigung nicht gelangen. Der von Dr. Löwenthal gemachte Vorschlag, die Colonisten mögen unter sich eine aus lOMitgliedern bestehende Deputation wählen, welche Deputation alle Bitten und Wünsche der Colonisten Dr. Loewenthal vorlegen sollten, wurde von der ganzen Colonie mit großer Freude ausgenommen. Nun begannen die Wahlen. Die Colonisten waren klug genug, um unter den ältesten und erfahrendsten Männern ihre Vertreter zu suchen. Die Frage der Löhnung wurde dahin gelöst, daß in Zukunft den Colonisten der dritte Theil des Lohnes, welcher auf ein Dollar 20 Centavos Papier pro Tag festgesetzt wurde, in Baar ausgezahlt und die restlichen zwei Drittel in das Haben der resp. Conti gebucht werde. Jetzt wollten die Colonisten endlich erfahren, wieviel Land jede Familie erhalle, wieviel landwirthschaftliche Geräthe und Vieh jeder Familie zuertheilt würde und welchen Preis sie hierfür zu zahlen hätten. Die von Dr. Loewenthal in Aussicht gestellten Bedingungen, welche aber nicht als definitiv anzusehen waren, denn Dr. Loewenthal mußte vorerst die Zustimmung des Baron Hirsch einholen, waren folgende: Jede Familie erhält je nach der Anzahl der Familien-Mitglieder 50 oder 25 Hectar Landes, 8 resp. 4 Ochsen, ein Pferd, eine Kuh, einiges Geflügel, zwei resp. 1 Pflug, eine Egge und die sonst nöthigen Haus- und landwirthschaftlichen Geräthe. Für das Land hätten die Colonisten 100 Frcs. Gold pro Hectar zu zahlen. Die ganze Schuld, d. h. der Preis des Bodens, die Haus- und landwirthschaftlichen Geräthe, das Vieh und die bis zur ersten Ernte erhaltenen Vorschüsse in Lebensmittel und Kleidung, ist in 5 gleichen Jahresraten zu tilgen und soll den Colonisten 5°/0 pro anno an Zinsen berechnet werden. _ Feuilleton. Kroccoto's Synagoge. Ein Kardinal als Gründer einer jüdischen Gemeinde! Wer erschrickt da? Ach. diese Eminenz ruht längst im Grabe und ihr Geist, deß bin ich sicher, weilt im Kreise der Seligen, nahe, ganz nahe dem Throne des Allerhöchsten, der die Liebe bedeutet. Ferdinand, aus dem sürstlichen Geschlechte der Mediceer, erhielt im Jahre 1562 den Kardinalshut und galt als einflußreiches Mitglied des pästlichen Hofes. Fünfundzwanzig Jahre später starb sein Bruder Franz ohne Thronerben, was ihn veranlaßte, die hohe geistliche Würde niederzulegen, um die Regierung des Großherzogthums Toscana zu übernehmen. Das war um die Zeit der Renaissance, Kunst und Wissenschaft ihre Wiedergeburt feierten und ein Völkerfrühling über die Welt kam, dessen Blüthen noch heute die Menschheit erquicken. In Spanien aber sträubte man sich gegen die Regungen des neuen Geistes, und wessen Knochengerüst zu fest war, um sich der Inquisition zu beugen, der mußte anderwärts seine Heimat suchen. So kam es, daß Ferdinand I. von Toscana den vertriebenen spanischen Juden in dem neu entstehenden Livorno eine Zufluchsstätte bot. Die neuen Bürger des Kardinal- Großherzogs lohnten seine Menschenfreundlichkeit, indem sie den kleinen Landungsort, der im Jahre 1551 nur 749 Einwohner zählte, alsbald zur wichtigsten Handelsstadt Italiens erhoben, dessen Hafen von allen Flaggen der Welt begrüßt wurde. Im zehnten Jahre seiner glorreichen Regierung wurde der Israelitische Hilfsverein gegründet, der nunmehr auf eine dreihundertjährige Thätigkeit zurückblickt, und im Jahre 1606 war die vom Kandinal begründete Gemeinde groß und reich genug um die herrliche Synagoge aus karrarischen Marmor aufzubauen. Die Stadt zählte bis 60,000 jüdischer Einwohner, darunter sehr viele reiche und angesehene Familien, zu denen auch die Croccolo zählten. Wie viele Juden es heute in Livorno giebt, ich konnte es nicht erfahren. Sie behaupten dort: ein Mensch sei wie der andere, und der Staat, welcher Geld- und Blutsteuer von allen Unterthanen gleichmäßig einhole, hätte kein Recht, nach ihrer Konfession zu fragen. Sie sind eben noch weit zurück dort unten in der — Statistik. So viel ist sicher: Livorno verlor sehr viel an Genua, und die Judengemeinde wird alljährlich kleiner und ärmer. Mit dem Retchthum und der Größe der Gemeinde schwand auch der der Familie Croccolo, und ihr letztes Mitglied ist klein — so klein und arm, ach, so arm — doch das will ordnungsgemäß erzählt sein. Ein kleines Menschenkind schiebt einen langen, bücherbeladenen Karren vor sich her durch die Straßen von Livorno. Der Gestalt nach scheint's ein halbwüchsiger Knabe; das faltige Angesicht;edoch und die müden Augen, die von schwerem Leid erzählen, sie belehren mich, daß die Jahre und der Kummer über seinen Körper hinausgewachsen sind. Ich durchsuche die Literaturschätze, welche den Karren bedecken, und versuche ein Gespräch anzuknüpfen, dem der kleine Mann ausweicht — soweit es nicht seine Bücher betrifft. Indes nähert sich ein junger Mann, der unschwer als Deutscher zu erkennen ist, und zwischen ihm und dem zwerghaften Buchhändler entspinnt sich folgendes Gespräch: „Seid Ihr Signor Davide Croccolo?"

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