Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 65 (14.8.1893)
- Date
- 1893-08-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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-— . -4 . 1253 „Sicherlich." „Ihr schuldet meinem Hause in Berlin noch 240 Lire aus einer alten Verrechnung." „Das ist richtig." „Ihr geltet als insolvent." „Ich bin so unglücklich, mein Herr. Als ich vor zwei Jahren erkrankte, war ich gezwungen, meinen Laden zu schließen; die Kunden verliefen sich, und nachdem ich das Bett verlassen hatte, war ich außer Stande, meine Gläubiger zu zahlen. Nun besitze ich fast nichts, als diese Reste meiner Maaren. Wenn ich mich kräftig genug fühle, fahre ich durch die Straßen, um meine Bücher auszubieten, aber glaubet mir, o Herr, ich verkaufe gar wenig " Der arme Deutsche wurde feuerroth und sagte in einem Tone, der mürrisch klingen sollte: „Ja, wer zwingt Euch denn zu zahlen, wenn Ihr arm seid und kränklich? Wäret Ihr es doch, der die alte, vergessene Geschichte aufrührte und Geld bot für eine Schuld, die längst abgeschrieben war und als verloren galt." „O, was denkt Ihr, Herr! Ich will zahlen, ich will meinen ehrlichen Namen wieder, „c’e per l’onore della casa.“ Es ist wegen der Ehre des Hauses." Dann zog er all sein Geld aus der Tasche und zählte zwei Fünf-Lire-Scheine, etwas Silber und ein Häufchen Kupfer hin, nicht ganz zwanzig Lire. „So, Herr, und im nächsten Jahre, wenn Ihr nach Livorno kommt, zahle ich wieder etwas." „Nicht doch," sagte der Deutsche; „ich soll Euch im Aufträge des Hauses für zehn Perzent, also für vierundzwanzig Lire, die ganze Schuld quittiren." Dabei wußte er nicht, ob er lachen sollte oder weinen, und der kleine Croccolo wußPs dann ebensowenig. Er lief aufgeregt hin und her, von einem Laden zum anderen, und brachte endlich die fehlenden vier Lire zusammen. Gierigen Blickes verfolgt er bierauf die Hand des Reisenden, welcher ihm bestätigt, daß die ganze Schuld beglichen sei. Er faltet streichelnd das Papier, fährt nochmals liebkosend mit der Hand darüber, birgt es auf seiner Brust, und strahlenden Antlitzes hebt er die Schultern in die Höhe, wendet die Handflächen nach außen und murmelt, wie entschuldigend: „e'ö per l'onore della casa." Am selben Tage noch wurden wir gute Freunde. „Signor Davide", wie man ihn kurzweg im Ghetto zu Livorno nennt, und ich; sehr gute Freunde wurden wir, so daß er mich einlud, ihn bald zu besuchen, er hätte mir etwas zu zeigen. Ein schneidig kalter Wind wehte von der See her, als ich mich entschloß, sein Heim aufzusuchen, und nichts erinnerte an diesem Tage daran, daß man in Italien lebe, als die unheizbaren Zimmer und die unwtrthlichen Gasthausräume. Nahe dem Geburtshause Montefiore's, eine gebrechliche Treppe hinan, in einem verwahrlosten Baue, dort fand ich die vermorschte Thür zu Croccolo's Wohnung. Ein schmieriger, zersetzter Strick versah die Stelle des Glockenzuges und nach heftigem Läuten wurde ich eingelassen. In einer kahlen Stube, deren Kellerluft das Blut erstarren machte, auf einem ärmlichen Bette, lag unter einem Bündel Decken das winzige Männchen. Vor der Kälte ins Bett geflüchtet und obwohl fiebernd vor Unbehagen, besteht er darauf, aufzustehen, um mir seine geheimen Schätze zu zeigen. Ein Kohlenbecken wird hereingebracht, die starren Glieder zu wärmen, dann öffnet er die Thür des Nebenzimmers und wir stehen in einer — Synagoge, in Croccolo's Famtlien-Synagoge. Ein Heller großer Raum, in der Mitte ein rundes Empor, von welchem herab die Thora verlesen wird, umgeben von Gttterwerk in prächtiger, alter Holzschnitzerei, schöne Betpulte, alterthümliche Messingleuchter und endlich im Osten das Allerheiligste, der Schrank mit den Thorarollen, verhüllt durch eine Decke von kostbaren Stoffen. Im selben Gegensätze wie der künstlerisch vornehme Raum zu dem armseligen Wohnhause stand der Croccolo der Synagoge zu dem kleinen, zitternden Geschöpfe von vorhin. Hohe Genugthuung und Stolz verklärten sein runzeliges Gesicht, als er mir alle Gold- und Silbergefäße zeigte, die Hände, Schilder und Thürmchen, welcher an hohen Festtagen die Thorarollen zieren, die kunstvollen Stickereien, mit denen die Schränke und Pulte bedeckt werden. In seliger Demuth küßt er jedes heilige Geräth, mit Inbrunst die Thora; schwelgend in Erinnerung an die Zeit, da seine Familie zu den vornehmsten der Gemeinde gehörte, scheint er ganz entrückt der armseligen Gegenwart. Mein weltlicher Sinn schreckt ihn aus seiner Verzückung. „Verzeiht, Ihr seid krank, leidet Noth und besitzet solche Schätze. Machet ste doch zu Geld." „Wo denkt Ihr hin, Herr! Das Meiste und Kostbarste ist Widmung befreundeter Familien, und eher will ich sterben, als dieses kostbare Erbe meiner Voreltern dem Antiquar überliefern. „Diese Schätze reizen mich nicht, das Uebel ist blos, daß ich die Miethe für diesen Raum aufbringen muß — das richtet mich vollends zu Grunde. „Oft bat ich die Gemeindevorstehung, mir diese Bürde abzunehmen, aber sie haben kein Geld. Dann