Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 65 (14.8.1893)
- Date
- 1893-08-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448377--36909-2484951- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXIT. Jahrgang. Erste Beilage zu M 65 des „Israelit". L«1t-»d«r Artikel. Die Kolonien des Waron Kirsch. Von Lucien Gerbet. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ein in der Nähe einer Lagune (Teich) etwas höher gelegenes Terrain wurde umzäunt und Mauricio hatte seinen Friedhof. Nach jüdischem Gebrauche darf der erste Todte nicht allein auf einem Friedhof ruhen, es muß eine lebende Seele in seiner Nähe sein. Es wachten dort in Folge dessen einige Männer, doch schon den nächsten Tag war die Wache nicht mehr nöthig. Die schlechte Witterung horte nach und nach auf, die Colonisten erholten sich von den erlittenen Strapazen und cs konnte endlich an Arbeit gedacht werden. Im Anfang d. h. die ersten einige Wochen, war jede Arbeit unmöglich, theils wegen der andauernd schlechten Witterung, theils weil weder Handwerkszeuge noch Material vorhanden waren. Als schließlich Nichts mehr im Wege stand und gearbeitet werden konnte, waren es die Colonisten, welche nicht arbeiten wollten oder besser gesagt, sie wollten alle arbeiten, wollten aber für ihre Arbeit bezahlt sein. Dr. Loewenthal war anderer Ansicht. Alle zusammen müßten wirken, meinte er, um auszubaueu das große Werk und wir sollten die Colonisten dazu anspornen und sie dahin bringen, ganz uneigennützig ihre Arbeitskraft in den Dienst der guten Sache zu stellen. Es gelang uns aber nicht, den Wunsch des Dr. Loewenthal praktisch durchzuführen. Vielleicht konnten wir die Colonisten nicht überzeugen, weil wir selbst nicht überzeugt waren. Die Idee ist schön, erhaben, ideal, sehr ideal, und kann nur dem Geiste eines Mannes entsprungen sein, welcher selbst uneigennützig handelt. Wären vielleicht die Verhältnisse andere gewesen, wir meinen damit alles, lvas sich seit der Flucht aus Rußland zugetragen und inbegriffen die damalige Lage in Mauricio, wäre das alles anders gekommen, hätten sich die Ereignisse glücklicher abgespielt, so wollen wir es nicht als ganz ausgeschloffen dahinstellen, daß es dann vielleicht doch möglich gewesen wäre, so ideale Denkungsart Leuten, welche nur reale Bitterkeit erfahren, beizubringen, obzwar wir selbst dann noch an der Durchführbarkeit des Wunsches Dr. Loewenthal's zweifeln. Als die Einwanderer nach Mauricio kamen, somit Colonisten wurden, erhielt ein Jeder ein kleines Buch, in welchem alle Vorschüsse, welche ihnen die Verwaltung gab, eingetragen und die Colonisten sahen nun mit Schrecken ihre Rechnung immer größer werden, also ihre Schuld anwachsen; jetzt wurde von ihnen verlangt, daß sie alle für die Colonie arbeiten, ohne ihre Arbeit bezahlt zu erhalten. Wir wollen auch noch bemerken, daß sich unter den Colonisten Familienväter befanden, welche ganz allein herüber gekommen sind und ihre Familien ganz mittellos in Rußland zurückgelaffen haben. Diese waren es auch, welche auch dann sich zu arbeiten weigerten und die andern Colonisten daffelbe zu thun überredeten, als Dr. Loewenthal uns in Folge unsere Berichte ermächtigte, den Leuten zu sagen, daß ihnen ihre Arbeit renumerirt, die Beträge aber nicht in Baar ausgezahlt, sondern in Rechnung gutgeschrieben werden würde. Inzwischen war wieder Regenwetter eingetreten und das jüdische Neujahrsfest stand vor der Thür. Die einzige Arbeit, die die Colonisten verrichten wollten, war die H e rstellung eines Bet-Raumes. Alle legten sie Hand an's Werk, um mit Z elt-Leinw and ein provisorisches Gotteshaus zu errichten und in wenigenStunden war dasWerk vollendet. Am Vorabend des Neujahrtagcs versammelte sich die Gemeinde in dem so schnell hergerichteten Gotteshause, um mit doppelter Andacht ihren alten Gott zu bitten, sie auch ferner zu geleiten und zu schützen. Einer der Schächter war Rabbiner, während der andere Cantor war und weil die Auswanderer sowohl die Thora als auch ihre Betmäntel — und Bücher mitgebracht hatten, wurde das Fest in altherkömmlicher Weise gefeiert. Am selben Tage besuchte Herr Dr. Roth, z. Z. blos Mitglied des von Dr. Loewenthal gebildeten jüdischen Wohlthätigkeits-Comitee's in Buenos-Aires, welcher Herr aber späterGeneral-Director der „Jewish Colonisation-Affociation" wurde, unsere Colonie. Er war im Begriff nach Europa zu fahren und wollte diese Gelegenheit benützen, um dem Baron Hirsch von dem Stand des Unternehmens und von der Lage in Mauricio als Augenzeuge zu berichten. Nach eintägigem Aufenthalte kehrte Herr Dr. Roth nach Buenos-Aires zurück. Dr. Loewenthal hatte bis dahin die Colonie noch nicht besucht, erst nach dem Neujahrsfeste kam er zum ersten Male nach Mauricio. An dem Tage regnete es wieder sehr stark und Dr. Loewenthal hatte Gelegenheit, sich persönlich von der ungünstigen Lage der Colonisten zu überzeugen. Alle hatten sie irgend etwas zu erbitten und da alle Bitten mehr oder weniger auf ein und dasselbe ausliefen, d. h. in Rußland gebliebene Familien-Mitglieder Nachkommen zu laffen, in Hamburg zurückgebliebenes Gepäck nachsenden zu laffen rc. :c., verlangte Dr. Loewenthal eine schriftliche Zusammenstellung dieser Wünsche, da sonst die Audienzen kein Ende genommen hätten. Nun kam auch die große Frage der Arbeit und Löhnung zur Sprache. Da sich aber alle Colonisten vor dem Administrations-