Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 65 (14.8.1893)
- Date
- 1893-08-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1248 Wie könnte nun gerade in unserer Zeit das Unglaubliche geschehen, daß Leute, welche mit rabbinischen Studien sich nie ernstlich befaßt und für den Rabbinerberuf sich nicht vorbereitet haben, die auch sonst nicht auf der Stufe eines geistlichen Gemeindeführers stehen und bis auf die jüngste Zeit in ihrer ganzen Umgebung nur als Lehrer, Cantoren und Schächter bekannt sind, mit einem Male als Rabbiner angestellt werden sollen? Würde damit nicht unser Glaube geschädigt und entwürdigt und würde nicht unseren Gegnern eine Waffe in die Hand gegeben werden, indem sie ihren Anhängern zurufen: Was kann an einer Religion Gutes sein, deren Seelsorger selbst den geringsten Anforderungen, die man an die Vertreter eines so hohen Amtes zu stellen berechtigt ist, in keiner Weise genügen?! Unstreitig dürfte es unter den Lehrern, welche mit dem Dispens von dem Nachweise weltlicher Bildung versehen sind, so manche geben, welche eine gediegene, oder wenigstens genügende theologische Bildung besitzen und die durch jahrelanges, verdienstvolles Wirken, sowie durch edle Charaktereigenschaften des Rabbineramtes sich würdig zeigen können. Aber wie sollen die Gemeinden entscheiden zwischen Falsch und Echt, Würdig und Unwürdig? Darum richten wir zur Ehrenrettung des Judenthums unsere Bitte an Sie, die dahin geht: Die löbl. Cultusgemeinden wollen bei der Ausstellung eines von dem Nachweise weltlicher Bildung dispensirten Rabbiners die Autorisationszeugnisse desselben behufs Prüfung und Begutachtung an das ehrwürdige Ober-Rabbinat in Prag einsenden und die Rabbinerwahl erst nach dessen unparteiischen Urtheile vornehmen. Keineswegs sollten der Gemeinde Autorisationszeugniffe genügen, welche ein einzelner beliebiger Rabbiner ausgestellt hat. Allenfalls wäre es rathsam und für die Gemeinden selbst gedeihlicher, wenn diejenigen Gemeinden, welche aus dem einen oder anderen Grund einen wirklich qualificirten Rabbiner anzustellen nicht in der Lage sind, von dem durch das Gesetz gebotenen Auswege Gebrauch machen und sich einem benachbarten Rabbinate anschließen wollen. Schließlich möchten wir es mit allem Nachdrucke noch betonen, daß uns nichts ferner liegt, als die Cultusbeamten der kleineren Gemeinden in irgend einer Weise zu schädigen; Niemand würde eine Schädigung derselben mehr bedauern, wir wir Rabbiner. Nur sollen sie auch weiter in ihren Aemterm und in ihrer bisherigen Stellung verbleiben, wofür sie auch nach wie vor in den Gemeinden nothwendig sind. Die Gemeinden aber dürfen und sollen nicht, sofern sie nicht die Würde des Judenthums herabsetzen und die eigene Achtung in den Augen der andersgläubigen Bürger verlieren wollen, Unberufenen und Unbefugten den Titel und das Amt eines Rabbiners verleihen. Möge Gottes Schutz auch in dieser für die israelitischen Cultusgemeinden so entscheidungsvollen Zeit gnädig walten. Prag, im Juni 1893. Im Aufträge: Dr. N. Ehrenfeldt m. p. Oberrabbiner in Prag, Dr. A. Kurrein, Rabbiner in Teplitz, Dr. I. Ziegler, Rabbiner in Karlsbad, A. Lengsfelder, Rabbiner in Reichenau, Dr. S. Back, Rabbiner in Smichow, Dr. Posnanski. Rabbiner in Pilsen, Dr. Grün, Rabbiner in Prag. Prag. Der 46jährige Privatbeamte Peter von Mitis, eine der antisemitischen Vereinsgrößen Böhmens, wurde bekanntlich am 20. December v. I. aus Prag stüchtig, nachdem er der Spediteurfirma Schenker und Comp, einen Betrag von mehr als fl. 2500 defraudiert hatte. Am 24. Juli kehrte er nun hierher zurück und stellte sich freiwillig der Behörde. Mitis gibt an, daß er das Geld nicht auf einmal, sondern in kleineren Beträgen innerhalb zweier Jahre veruntreut habe. Cr habe sich nach seiner Flucht in Triest < und Wien aufgehalten. Er sei dann von Triest zu Fuß nach Madrid gegangen und von dort, da er keine Beschäftigung fand, wieder nach Prag zurückgekehrt. Lemberg, 19. Juli. Die ökonomische Bedrückung der Juden nimmt hierzulande immer mehr zu. Nicht nur sind durch die jüngst „durchgeführte Monopolisirung des Salzhandets mehrere Tausend jüdische Familien brodlos geworden, auch das fortwährende Wachsen der landwirthschaftlichen Genossenschaften bedroht die Existenz einer großen Anzahl jüdischer Familien. In der letzten Woche tagte in Krakau die diesjährige Konferenz dieser landwirthschaftlichen Genoffenschaften (K6!ka rolnicze) Bis jetzt bestehen in Galizien 871 solcher Verbände mit 40,760 Mitgliedern in 1193 Gemeinden. Es sollen bereits gegen 600 christliche Dorfhandlungen errichtet fein, die den Zweck haben, die jüdischen „IvarczmLs" aus dem Wege zu schaffen. Die von der Advokatenkammer in Graz beschloffene Einführung des uuwerus clausus im Advokatenstande, die doch in erster Reihe die plumpe Tendenz hat, dem Ueberwuchern jüdischer Advokaten entgegenzutreten , hat nunmehr auch in Galizien Nachahmung gefunden. Die Advokatenkammern in Lemberg und Krakau erklärten sich fast einstimmig (natürlich mit Ausnahme der jüdischen Advokaten) für die Einführung des numerus clausus. Die „Plzpslose" sieht darin die allmähliche Beseitigung der Juden vom Advokatenstande und appellirte an unsere jüdische Landesintelligenz, solidarisch den Kampf gegen die gemeinsamen Bedrücker aufzunehmen. Feuilleton. > Die drei Kronen. Von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Rahel arbeitete an ihrer Handarbeit ruhig weiter; von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick auf der gramdurchfurchte Gesicht ihres Vaters, welcher in der letzten Zeit furchtbar gealtert war. Minuten vergingen in tiefem Schweigen; man hörte nur das Ticken der großen Schwarzwälder Uhr, welche jetzt zum Schlage aushob. Krächzend surrten die Schläge durch das stille Zimmer, während der alte Kukuk seinen Ruf dazwischen erschallen ließ. Kukuk, kukuk, kukuk tönte es dreimal; doch als der Ruf zum vierten Male erwartet wurde, da blieb er aus. Nur die Hälfte rief der seltsame Vogel und er, der sonst, wenn er gerufen hatte, verschwand und die Thüre hinter sich zuschlug, blieb heute ruhig stehen und blickte verwundert auf Benjamin und seine Tochter. „Nun, was fehlt denn Dir", rief Rahel, indem sie verwundert auf die Uhr blickte. „Er ist alt", antwortete Benjamin lächelnd „es geht nicht mehr. Es geht ihm wie mir; er hat lange genug gerufen und darf sich jetzt ausruhen." Und Benjamin ging hin, hielt das Pendel au und die Uhr stand stille.