Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-08-14 · Heft 65 (14.8.1893) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 65 (14.8.1893)
Date
1893-08-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448377--36905-2484947
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1247 fig schon die Geschmacklosigkeit auf, eine kleine Frage, die in der ganzen culttvirten Welt durch eine Polizeiverordnung abgemacht wird, „im Namen Gottes des Allmächtigen" in ein feierliches Grundgesetz hineinzubringen! Zur Geschmacklosigkeit kommt aber auch der Unsinn. Die armen Thiere sollen wenigstens nicht leiden, sie sollen auf die mildeste Weise getödtet werden. Die mildeste, humanste, christlichste Weise, einen Menschen zu röten, ist das Fallbeil, hat das souveräne Volk gesagt und die Todesstrafe wieder eingeführt. Bei dieser Todesart ist die Durchschneidung des Halsmarkes gar nicht das Wesentliche. Wir treffen ja ab und zu Unglückliche, die sich in der Gegend, wo das Fallbeil durchgeht, ihr Halsmark zu Brei zerquetscht haben; sie leben in unsäglichem Elende noch wochenlang fort. Die Leistung der Guillotine ist nicht die Trennung des Markes, sondern die Trennung der Blutgefäße, ein Schächten. Menschen schachten wir, aber Ochsen dürfen wir nicht schächten. Unsere Humanität ist ganz wesentlich dem Großvieh gewidmet. Das Kleinvieh, die vielen Tausende von Kälbern und Lämmern, die Schaaren von Geflügel, sie wurden alle abgestochen, wobei die Verblutung weder so sicher noch so rasch eingeleitet wird, wie beim Schächten. Bei diesen kleinen Viehern nahm man die Zuckungen der Beine als automatische Zeichen der Blutleere, nur bei den Ochsen imponierten sie als Beweise des gefühlten Schmerzes. Also nur die Ochsen rührten unser Herz; aber lange nicht alle. In der Schweiz wurden von jeher alle großen Schlachtthiere betäubt, welche konsumiert werden von 2,992,000 Einwohnern; nicht betäubt, sondern blos geschachtet werden die Schlachtthiere für 8000 Israeliten. Für diese nicht ganz 3 pro Mille der Landeseinwohner machen wir einen besonderen Metzgerei-Artikel in der Bundesverfassung, „im Namen Gottes des Allmächtigen". Das muß noch einen anderen verborgenen Grund haben; wo ist er? Es ist, sagen wir es gelassen, ein verschämter Antisemitismus. Wenn wir mit Ehren- Ahlwardt marschieren wollen, so wollen wir es wenigstens aufrichtig thun, mit cynischer Ehrlichkeit, nicht mit heuchlerischer Sentimentalität. Jft's nicht Heuchelei, wenn wir uns um ein paar sehr fragliche Sekunden beim Verenden eines Ochsen streiten, während wir mit der Guillotine noch Menschen schächten, während es uns noch gar nie eingefallen ist, nachzuforschen, wie wir es verhindern könnten, daß alljährlich 7000 bis 10,000 arbeitsfähige Schweizer auswandern müssen. Wir haben noch niemals den Schutz der Bundesverfassung angerufen für die große Zahl schlecht versorgter und schlecht erzogener Waisenkinder, oder für die Verbesserung der zum Theil ganz elenden und unzureichenden Ernährung unseres industriellen und unseres landwirthschaftlichen Proletariates. Haben wir in unserer ernsten Zeit, und Während schwere sociale Fragen ganze Länder erschüttern, wirklich nichts Gescheiteres zu thun, als die Bundesverfassung mit einem Schlachthaus-Reglemente zu verunzieren und uns vor der ganzen gebildeten Welt als Krähwinkler aufzuspielen? Liebe Mutter Helvetia, das thust du nicht.' — Du lächelst über meinen Eifer. Verzeihe ihn! Ein Mitglied des Vereines gegen Menschenquälerei. ■fc* vermischtes < Prag jZur Constituirung der israel. Eultusgemeinden in Böhmen.) An die Gemeinden in Böhmen ist vor einiger Zeit folgende Zuschrift ergangen, der wir den besten Erfolg wünschen: An die löbl. israel. Cultusgemeindcn in Böhmen. Nachdem die Abgrenzung der CultuSgemeinden behördlicherseits nunmehr erfolgt ist, soll auch jede anerkannte Gemeinde ihren Rabbiner wählen und denselben der Behörde als ihren geistlichen Vertreter namhaft mache». — Nun wurde bekanntlich vielen Lehrern, Cantoren, Schächtern über deren Einschreiten behördlicherseits der Dispens von dem Nachweise des zur Bekleidung eines Rabbineramtes in Böhmen erforderlichen Maßes allgemeiner weltlichen Bildung ertheilt. Um das theologische Wissen und den religiösen Lebenswandel kümmerte sich die Behörde nicht, indem sie das Urtheil über beides als eine innere Angelegenheit des Judenthums, dem gegenwärtigen Stande des Gesetzes entsprechend, dem eigenen Ermessen überläßt. Unter solchen Umständen halten wir es für unsere heilige Pflicht, im Namen des Judenthums zu erklären, daß unsere Religion von ihren Seelsorgern in erster Reihe neben religiösssittlichem Lebenswandel gründliche theologische Kenntnisse auf biblisch-talmudischem Gebiete verlangt, die dieselben auch in den Stand setzen, in Wahrheit die religiösen Führer und Berather der ihnen anvertrauten Gemeinden zu sein. War dies schon zu allen Zeiten die erste Vorbedingung zur Befähigung, ein Rabbineramt zu bekleiden, so ist diese Forderung für den ehrenhaften Bestand des Audenthums in unseren Tagen um so dringender und unerläßlicher. Die Gegner des Judenthums ermüden nicht, durch Fälschungen und Entstellungen des Inhalts unserer Lehre das Judenthum in den Augen der breiten Volksschichten zu verdächtigen und zu schmähen. Müssen da nicht die berufenen Geistlichen, Führer, die Rabbiner, Männer sein, welche durch langjährige eingehende und umfassende Studien auf dem ganzen, umfangreichen Gebiete des jüdischen Wissens heimisch sind, die auch wirklich über die nöthigen geistigen Waffen verfügen, um zur Ehrenrettung des Judenthums den Widersachern mit Erfolg entgegentreten zu können? Je leidenschaftlicher unsere Gegner sich geberden, desto gründlicher und gewandter muß unsere Verteidigung, desto unterrichteter und gelehrter müssen unsere berufensten Vertheidiger, die Rabbiner, sein! Aber auch zur Kräftigung des religiösen Lebens im Innern, zur Erziehung unserer Jugend, des Theuerüen, was wir besten, zur Festigung und Hingebung an unseren Glauben bedürfen wir heutzutage mehr denn je Männer, die voll und ganz ihrer Aufgabe gewachsen sind, die ein gründliches Wissen mit der Liebe zur erhabenen Lehre des Judenthums verbinden, wenn nicht die Heranwachsende Jugend unserer Religion entfremdet werden soll.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.