Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 65 (14.8.1893)
- Date
- 1893-08-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1249 Rahel waren die Thränen in die Augen getreten. So lange sie sich erinnern konnte, hatte das Ticken der Uhr die Stelle des Zimmers unterbrochen und scherzend hatte der Vater manchmal gesagt, es sei seine Lebensuhr, wenn sie einmal aufhöre zu ticken und zu schlagen, gehe es auch mit ihm zu Ende. Und nun hatte der Vater ihren Gang selbst gehemmt. Böse Ahnungen zogen durch ihre Seele und bittend sagte sie: „Lab sie weiter gehen, Vater, bis sie von selbst stille steht. Ist auch das Schlagwerk nicht mehr in Ordnung, so zeigt sie doch noch immer richtig; darum hemme nicht ihren Gang." „Meinst Du. Hat sie nicht lange genug gerufen und gezeigt, welche Zeit es ist. Ist ihr die Ruhe nicht zu gönnen, bevor sie abgenommen und zerschlagen wird? O, wie herrlich, wie süß muß die Ruhe sein,' die wir nach einem arbeits- und sorgenreichen Leben genießen. Auch ich sehne mich nach Ruhe, nach der Ruhe des Grabes. Ich bin zu alt und zu müde, um einen Kampf fortführen zu können, der am Marke meines Lebens zehrt. Ruhe, Ruhe möchte ich genießen, mich vorbereiten auf den Augenblick, da mein himmlischer Vater mich abruft." „Und ich, mein Vater, denkst Du nicht an Deine Rahel? Möchtest Du mich jetzt schon verlassen, jetzt schon mich allein den Fahrnissen des Lebens übergeben? Nein, Vater, der Allbarmherzige wird Dich noch lange erhalten und Dich die Ruhe des Alters genießen lassen, die Du so sehr ersehnst." Benjamin trat näher zu Rahel heran, küßte ihre Stirne und sagte: „Meine Tochter könnte mir eine große Sorge abnehmen, würde mir eine außerordentliche Freude machen, wenn sie sich entschließen könnte, mit einem braven Manne den Bund für's Leben zu schließen. Sieh', ich bin alt, jeden Tag kann mich Gott abberufen und ich genösse gerne noch die Freude, Dich, meine Rahel, gut versorgt zu sehen. Zögere nicht lange; es möchte zu spät werden." „Wie kann ich jetzt, wo Gefahren Dich und mich umschweben, an solche Dinge denken, Vater. Du weißt, daß ich, so lange Du lebst. Dich nicht verlassen werde und ist über Hundert Jahre Deine Zeit gekommen, so wird der Vater im Himmel mir auch seinen Schutz verleihen." „Folge mir, meine Rahel, entschließe Dich, meinen Wunsch zu erfüllen. Die Gefahren, von denen Du mich bedroht wähnst, werden in absehbarer Zeit, wenn wir unfern Wohnort gewechselt haben, verschwunden sein. Mein Freund wartet immer noch auf eine bejahende Antwort für seinen Sohn." „Du weißt mein Vater, daß ich dem entsagte, dem mein Herz gehört. So rasch kann ich nicht vergessen und mich einem Manne vermählen, während die Liebe zu einem andern Manne noch in meinem Herzen lebt, davor soll mich Gott bewahren." „Ich dränge ja nicht, mein Kind, aber ich hätte gerne mein Haus bestellt, bevor ich abberufen werde." Rahel schwieg. Sie mochte dem Vater nichts erwiedern und so entstand wieder jene Stille, von der der Volksmund sagt, daß wenn sie entsteht, ein Engel durch's Zimmer fliege. Roch immer schwiegen Rahel und ihr Vater. Da wurde die Thüre geöffnet und die Magd führte einen Bauern herein. „Guten Tag, Benjamin, guten Tag Rahel", sagte der Bauer laut. „Guten Tag!" erwiederten die Beiden und Benjamin blickte den Eintretenden erstaunt an und sagte: „Müllerpeter, was wollt Ihr bei mir?" Der Bauer blickte sich verlegen um und als er sah, daß Rahel discret das Zimmer verlassen hatte, sagte er: „Eine eigenthümliche Sache führt mich zu Euch und ich weiß nicht, ob ich von Euch die Antwort erhalten werde, die ich erwarte." „Wenn Ihr in Geschäftsangelegenheiten kommt, resp. in Geldangelenheiten, so könnt Ihr Euch jede Frage ersparen; ich mache nur noch Waarengeschäfte." „Als ob der Korn- und Getreidewucher nicht ebenso schlimm, ja noch tausendmal schlimmer wäre, als der Geldwucher!" rief der Bauer aus. „Doch ich bedarf weder eines Darlehens, noch will ich Frucht und Mehl verkaufen." „Womit kann ich also dienen?" „Sagt doch einmal, Benjamin, hastet Ihr mich sehr?" „Ich? Warum soll ich Euch hassen?" „Warum? Warum? Bedarf der Haß eines Grundes? Hasset man Euch nicht auch ohne Grund? Und ich habe Euch doch genügend Grund zum Haß gegeben. Habt Ihr je ein Geschäft mit mir gemacht, je einen Pfennig an mir verdient? Nein! Ich wollte mit den Juden nichts zu thun haben." „Und deßhalb sollte ich Euch hassen? Nein, Peter, wenn ich Euch hassen würde, wäre es aus dem Grunde, weil Ihr Euren Sohn mit Eurer unnatürlichen Strenge in den Tod getrieben habt. Aber auch dieses könnte Euch höchstens mein Mitleid, jedoch nicht meinen Haß zuziehen. Ihr habt Euch ins eigene Fleisch geschnitten und die Wunde —" „Blutet und schmerzt mehr, als ein Mensch auf Erden wissen kann. Aber gerade diese Wunde