Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-08-14 · Heft 65 (14.8.1893) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 65 (14.8.1893)
Date
1893-08-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448377--36902-2484944
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1244 erlebt berichtet, in das traumhafte Reich phantastischer Schwärmerei. Und nun der unfaßbare Widerspruch! Dieselben Menschen, die auf Gott zu bauen und vertrauen verlernt haben, erwarten noch heute von Ungefähr und Zufall die Wunder, die sie Gott absprechen! Am Spieltisch, an der Börse hoffen sie vom blinden Zufall unter Hunderten und tausenden von Nieten werde der eine Glückstreffer, gerade ihnen zufallen! Sie sind wundersüchttg, aber nicht wunderwürdtg, sie sind das letztere nicht, weil sie das erstere sind! Sie warten auf Wunder und glauben an keine! W’d rvaarfc ntfyjty djd rfrin!? nttw oa ^na mtjn „Das Wunder, welches dem Kranken durch seine Genesung widerfährt, ist größer, als das Wunder, durch welches Chananjah, Mischaäl und Asarjah aus dem Feuer gerettet wurden." (Talmud Nedarim fol. 41.) Wie könnte es auch anders sein. Die Fiebergluth, die im Innern des Menschen zehrt, bedroht den Sitz des Lebens in viel wunderbarer Nähe, als die Feuerflamme, die von außen lodert. Und wie viele von denen, welche auf das Wunder der Genesung sicher hoffen, zweiflen an der Möglichkeit des Wunders, welches jenen dret Märtyrern widerfuhr. . Wir schenken der Vergangenheit für die Berichte ihrer Wunder kein Vertrauen, aber die Zukunft, selbst der Gegenwart trauen wir die wunderbarsten Abenteuerlichkeiten zu. Unsere Altvordern dagegen waren durchdrungen von der Wunderwaltung Gottes, mit der Er in das Leben unserer Väter eingriff, für sich dagegen und in ihre eigenen Verhältnisse verlangten sie feine Wunder, sie waren viel zu anspruchslos und bescheiden, um für sich Wunder zu erwarten. Sie nahmen die Wirklichkeit wie sie war und flüchteten nicht aus ihr zu utopischen Phantasiegebilden. sondern treu der Weisung by poid „man verläßt sich nicht auf Wunder", hielten sie sich für viel zu wenig würdig, um von Gott für sich ein Wunder zu erhoffen. Das ist bei uns alles anders geworden. — In der frühesten Jugend beginnen wir bei unseren Kindern durch Märchen und zauberhafte, die Einbildungskraft berückende Schilderungen die Erziehung und das hängt den Großen so durch das ganze Leben nach, daß Romane, Novellen, überspannte Erzählungen zu den unentbehrlichsten Lebensgenüssen zählen, daß kein Zeitungsblatt seinen Lesern die Geschehnisse des Tages berichten kann, wenn es nicht auch durch ein spannendes, d. h. der Wirklichkeit und Thatsächlichkeit möglichst entrücktes Feuilleton dem Sensationsbedürfntß und dem Wunderglauben seiner Leser Rechnung trägt. Wahrheit ist'das Siegel Gottes, dessen Gepräge nirgends so herrlich hervortritt als in der unverdorbenen Kinderseele. „Es ist doch auch wahr?" Nichs ist ergreifender als diese ängstliche Frage, mit welcher der Kindermund unsere Erzählungen begleitet. Und wir geben ihnen alles als wahr aus, die Geschichte von Rothkäppchen, Schneewittchen, den sieben Zwergen und wie der tolle Spuck auch sonst heißt, mit welchem wir die Gemüther unserer Kleinen verwirren. Ja die Unvernunft versteigt sich noch zu dem Gipfelpunkt, die Fähigkeit dem Kinde das Unglaublichste für glaublich, plausibel zu machen als hohe Erziehungsweisheit zu feiern. „Wenn das Kind erst älter und vernünftiger wird, wird es schon von selbst Wahrheit von Dichtung zu unterscheiden wissen." So beredet man ftd): und was ist die Folge davon? Weil wir das Kind gelernt haben Märchen für Wahrheit zu halten, hält es später die Wahrheit für das Märchen. Weil es wirklich später gelernt hat die Wahrheit von Dichtung zu unterscheiden nnd eingesehen hat, daß seine Eltern und Erzieher mit der biedersten Miene der Welt, ihm Lüge als Wahrheit ausgegeben haben, deßhalb glaubt es ihnen gar nichts mehr. Das ist die unscheinbare Quelle, aus welcher der Unglaube und — Aberglaube unserer Zeit fließt. Deßhalb ist die Wahrheit geächtet, deßhalb hat sie keine Vertreter, deßhalb tritt keiner für sie ein, weil der Glaube an sie fehlt. Und wenn unsere großen Meister in ihrer Bescheidenheit sich die Würdigkeit der Gotteswunder nicht zuerkannten, weil sie nicht bereit seien mit ihrem Leben für die Heiligung des göttlichen Namens einzutreten, so sagen sie in ihrer Sprache ganz dasselbe, dem wir hier Ausdruck geben. Sie erläutern, das was sie unter Hingebung des Lebens für die Heiligung des göttlichen Namens verstehen, wie sie dieselbe den Altvordern zuerkennen, an folgendem Beispiel. „Rab Adda bar Ahaba sah eine Nichtjüdin auf der Straße in einen Mantel gekleidet, der aus einer verbotenen Mischung von Wolle und Leinen bestand. In dem Glauben es sei eine Jüdin, zerriß er das Gewand und wurde dafür mit 400 Sus bestraft." (Talmud Berachoth Und.) Das nannten sie: Das Leben hingeben für die Heiligung des Gottesnamens. Diese absolute Hochschätzung des göttlichen Willens, die angesichts seiner Verletzung keine Rücksicht und Vorsicht kennt, die in ihrem Eifer lieber zu weit geht, als kühl und gemessen die Folgen berechnend, sich zurückhalten läßt, dieses bildet den Grundzug ihres Lebens und Wirkens. Man braucht sich nur einen solchen Zug aus dem Leben unserer großen Meister zu vergegenwärtigen, um den ganzen Abstand zwischen unseren Altvorderen und ihren Epigonen zu constatiren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.