Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 64 (10.8.1893)
- Date
- 1893-08-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1232 lösen, bedürfen wir der Mitwirkung aller Bürger, die das Jnitiativbegehren mißbilligen. DaS Centralkomitee für die Propaganda gegen die Aufnahme des Schächtverbotes in die Bundesverfaffung: Der Präsident: Numa Droz, alt Bundesrath. Fürsprecher Sahli, alt Ständerath; Heß, Professor der Thierarzneikunde; Augustin, Journatist; Dr. E. Pietet; C. Bogt, Fürsprecher; F. Zeerleder, Fürsprecher; E. v. Grenus, Fürsprecher (Kassier.) Leider bilden in der Schweiz, wie in der ganzen Welt die Beffergesinnten, Gebildeten, die Minorität. Die Entscheidung liegt in den Händen der eigentlichen Volksschichten. — Hoffentlich bleibt dieser warme Appell nicht ohne Einfluß auf sie. Die Gegner haben ihre eigene Agitation noch kaum begonnen. Sie scheinen dieselbe auf die letzten Tage vor der Abstimmung zu verschieben. An Aufregungen öffentlicher Erklärungen und Versammlungen darf man daher für die nächsten Tage gefaßt sein. — Ueber die wichtigsten derselben, werde ich Ihnen, soweit sie zu meiner Kcnntniß gelangen, berichten. ZeitrnrgSnachrichterr ttttb Korrespondenzen. Deutschland. 8. Aus Obeehefseu. (Ein Interview bei Böckel, Zimmermann, Hirsche! und Konsorten.) Einer unserer Mitarbeiter schreibt uns: Im ersten Augenblick mag es überraschen, so viele Personen auf einmal zu interviewen, so viele Personen, die anfangen, „bedeutende Männer" zu werden. Das wäre allerdings keine leichte Arbeit, zumal bei der bekannten Wahrheitsliebe und Ehrenhaftigkeit der Antisemiten gerade die wirklichen Pläne und weltbeglückenden Ideen kaum zu erfahren gewesen wären. Unser Interview war ein mehr unfreiwilliges und da die Ritter der Judenvertilgung zu jener denkwürdigen Stunde sich unter sich glaubten, so trugen sie keine Maske und plauderten geschäftig aus, was ihre edlen Herzen bewegt. Das Wort führte Dr. Bäckel und dos Wesentlichste, was besprochen wurde, war der Plan, Anfangs September oder Oktober eine große antisemitische Volksversammlung im Zoologischen Garten in Frankfurt a. M. zu veranstalten. Angesichts der großen Geldmittel, welche die Thätigkeit — der nur für das Volk arbeitenden Männer erfordert, wurde beschlosien, nach berühmten Mustern ein Eintrittsgeld von 50 Pfg. zu erheben. Das Thema sollte ganz unverfänglich lauten, etwa „die Futternoth"; gewiß ein geeignetes Thema für Frankfurt! Am meisten Kopfschmerz machte den Herren der Ertrag der antisemitischen Volksversammlung. Böckel bemerkte, man müsie jedenfalls Vorkehrungen treffen, daß der Beginn der Versammlung so lange hinausgeschoben werde, bis die vereinnahmten Eintrittsgelder in Sicherheit gebracht seien. Wenn eS etwa Radau gebe und die Versammlung unmöglich gemacht werde und alsdann die Besucher ihr gutes Geld zurückverlangten, müffe der Cassier mindestens schon eine halbe Stunde verschwunden sein. Also mögen sich die Frankfurter merken, während und vor der Versammlung sich recht brav zu verhalten, sonst haben sie für die 50 Pfg. Entröe nicht einmal den Genuß, die antisemitischen Volksbeglücker zu hören. Der Saal des Zoologischen Gartens fast mindestens 2000 Personen und da es ganz sicher erscheint, daß er bei Aufführung antisemitischen Ulks vollständig gefüllt ist, so ergibt dies für die Kaffe des Herrn Dr. Böckel eine Einnahme von M. 1000, eine Summe, für welcher mancher eifrige Antisemit den schlimmsten Juden in seine Arme schließen und ihm ewige Freundschaft schwören würde. Also — Frankfurter Publikum — hübsch brav sein! Frankfurt a. M., 3. August. Das Jubibiläum des Herrn Direktors Dr. Baerwald wurde heute Vormittag in erhebender Weise gefeiert. Es wurden viele Reden von hervorragenden Frankfurter Persönlichkeiten gehalten, in denen hauptsächlich hervorgehoben wurde, wie sehr der Jubilar dazu beige« tragen, daß in Frankfurt, was diese Stadt als ihren Stolz ansehe, kein Unterschied zwischen den Anhängern der verschiedenen Konfessionen bestehe. Möge derselbe noch lange an der Spitze der von ihm geleiteten Schule stehen. Marienwerder. Ueber das Tödten der Schlachtthiere hat der Herr Regierungspräsident für den Umfang des Regierungsbezirks Marienwerder eine Polizeiverordnung erlassen, welche Folgendes bestimmt: Jedes Schlachtthier ist vor der Blutentleerung durch Stirnschlag zu betäuben. Für öffentliche Schlachthäuser kann nach Anordnung des Regierungspräsidenten das Schächten nach jüdischem Ritus ausnahmsweise und bis auf jederzeitigen Widerruf gestattet werden. Die Betäubung und Blutentleerung hat stets unmittelbar nach Beendigung der zur Tödtung der Thiere nothwendigen Vorbereitungen zu erfolgen, bei Schafen, Ziegen und Kälbern auf dem Schrägen, bei Pferden, Rindvieh und Schweinen nur, nachdem sie genügend befestigt sind. Rußland. In Warschau schenkte Dr. LeonRotwand aus Anlaß des Ablebens seiner Tochter 10,000 Rubel der Sanitäts-Commission zum Schutz gegen Cholera. Dieses Legat ist für die Gründung einer unentgeltlichen Badeanstalt bestimmt. > Vermischtes «4 Der israelitische Kultus iu Frankreich ist im Budget für 1894 mit folgenden Ziffern verzeichnet: Für die Funktionäre des Kultus 133,533 Frcs. Zuschuß für das israelitische Seminar 22,000 Frcs. Zuschuß für die Erziehungsanstalten 58,884 Frcs. James Darmesteter in Paris hat den großen Preis des Instituts de France erhalten; er verdankt diese Auszeichnung einer Uebertragung des Zend-Avesta, von einem geschichtlichen und philologischen Kommentar begleitet, die in den Schriften des Müsse, Guinet zum Abdruck kam. Zuerkannt wurde Darmesteter der Preis auf Beschluß der ^.es-äömie lles inscriptions, der für dieses Mal das Recht der Preisvergebung zustand. James Darmesteter, ein Bruder des Romanisten Arsöne Darmesteter (1849 zu Chateau-Salin in Lothringen geboren), machte seine Studien in Paris. In seiner Sonderwissenschaft, dem vergleichenden Studium der Sprachen und Religionen, hatte er Michel Breal und Bergaidne zu Lehrern. Sein litterarisches Schaffen ist sehr umfangreich und vielseitig.