Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 64 (10.8.1893)
- Date
- 1893-08-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448376--36886-2484927- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1229 Das unvermuthete Erscheinen des Müllers hatte die hochgehenden Wogen der Erregung der Bauern für kurze Zeit besänftigt. Eine löbliche fieberhafte Thätigkeit entwickelte die Behörde um das Verschwinden des Kindes aufzuklären. Man hatte einen Gensdarmen in dem Dorfe einquartirt, um Benjamin gegen Gewaltthätigkeit zu schützen und dieser setzte seinen ganzen Eifer daran, Licht in das rätselhafte Dunkel zu bringen. In den Bauern hatte sich die Ueberzeugung befestigt, daß an dem Kinde ein Verbrechen begangen worden sei, diese Ueberzeugung wurde durch die antisemitische Presse und durch antisemitische Agitation immer mehr befestigt. Wenn auch die Bauern, welche Benjamin näher kannten, eine jede Theilnahme desselben an einem Verbrechen zurückwiesen und für seine Unschuld einzuftehen bereit waren, so wurden sie doch wieder irre durch die Frömmigkeit desselben, dadurch, daß er all die Gebote seiner Religion auf das genaueste erfüllte. Wenn es nun wahr wäre, was die judenfeindliche Presse behauptete, wenn die Juden zu rituellen Zwecken des Blutes von Christenkindern bedurften, könnte dann nicht Benjamin in Folge eines barbarischen Gesetzes, um seine religiösen Pflichten zu erfüllen, zum Mörder geworden sein? Sie standen vor einem Dilemma und wußten sich keinen Rath. In ihrer Rathlosigkeit wandten sie sich an den Pfarrer, der sie auf den nächsten Sonntag vertröstete, wo er ihre Fragen in seiner Predigt beantworten werde. Die Bauern gaben sich damit zufrieden und am Sonntage war die Kirche gedrängt voll. In seiner einfach schlichten Weise predigte er von der Nächstenliebe, von der ewigen, alle Menschen umfassenden Liebe Gottes, die ein Muster unserer Nächstenliebe sein sollte. Er zeigte, wie der Haß nicht nur das Herz, sondern auch die Seele vergifte und selbst die undenkbarsten Ungeheuerlichkeiten, die wüstesten Bilder einer überreizten Phantasie als Wahrheit glaube, wenn sie dem Hasse Nahrung, seinen? Zielen Förderung zu bringen scheinen. Die albernsten Märchen, die einer alten barbarischen Zeit entstammen und längst widerlegt sind, werden aus dem Schandwinkel der Geschichte durch unbegründeten Haß stets von neuem ausgegraben und stets von neuem gibt es Menschen, die jenen Märchen Glauben betmessen, ihren Haß durch sie von neuem nähren lassen. „Bosheit und Dummheit sind nicht zu überzeugen und so habe ich mit Erstaunen vernommen", fnhr er fort, „daß in meiner Gemeinde, unter meiner Heerde ein solches Blutmärchen jetzt circulirt, welches die Gemüther beunruhigt und den Frieden und die Eintracht unter den Bewohnern unseres Dorfes zu stören vermag. Ihr habt die Frage an mich gerichtet, ob mir etwas von der Vorschrift bekannt sei, welche den Juden gebiete zu rituellen Zwecken das Blut von Christenkindern zu gebrauchen und meine Antwort soll so klar wie möglich sein. So merket denn auf und erzählet all denen, die mich nicht hören, das, was ich Euch jetzt sage. Es ist nicht wahr, es ist eine schändliche Lüge und Verleumdung, daß die Juden zu rituellen Zwecken Blut und sogar Menschenblut bedürften. Dm Juden ist der Genuß des Blutes strenge untersagt, und ein Volk, welches Thierblut nicht genießen darf, sollte Menschenblut zu rituellen Zwecken verwenden? Dieses Blutmärchen ist nicht neu und ein Hohn auf die menschliche Natur und die gesunde Vernunft ist es, daß diejenigen dieses Blutmärchen jetzt gegen die Juden auffrischen, denen es selbst zuerst zur Last gelegt worden. Die ersten Christen waren es, welche die Römer beschuldigten zu ihren Liebesmahlen Menschenblut zu verwenden, und welche ob dieser Beschuldigung manche Leiden zu erdulden hatten. Und nun sind es Christen, welche dasselbe Märchen von den Juden erzählen und glauben. Trotzdem viele Päpste, Bischöfe und Kirchenväter die Grundlosigkeit und Böswilligkeit dieser Beschuldigung längst erkannt und gelehrt haben, kehrt sie von Zeit zu Z-it wieder und findet unter den Christen leider immer wieder Gläubige. Es ist eine niederträchtige Lüge, es ist Bosheit und Gemeinheit, wenn immer wieder von einem Ritualmord der Juden gefaselt wird und hier an heiliger Stätte rufe ich Euch zu: Glaubt nicht den Lügenpropheten die Euch verleiten wollen, Böses zu thun. Unsere Religion gebietet uns die Liebe zu unseren Nebenmenschen; der Haß, den man jetzt säet, ist unserer Religion fremd und wer diesem Hasse folgt, ist kein wahrer Christ. Das ist die Antwort, die ich Euch im Namen des Herrn ertheile, des Herrn, dessen Diener ich bin. Handelt dieser Antwort gemäß und lasset den Frieden wieder einziehen in unser Dorf." Andächtig lauschte die Menge der Predigt des Geistlichen und manches seiner Worte fiel auf fruchtbaren Boden. Aber auch mancher lächelte, ob der väterlich milden Strafpredigt des ehrwürdigen Herrn und däuchte sich verständiger und klüger als dieser. Als der Gottesdienst zu Ende war und die Dorfbewohner plaudernd auf dem Marktplatz standen, da wurde die Rede des Priesters von den Antisemiten in ihrer Weise besprochen und lächerlich gemacht, da wurde der Gift des Haffes von neuem gesäet und mit fruchtbarem Regen begossen. Und die Drachensaat ging auf, wucherte üppig und trug ihre giftigen Früchte. Wieder waren drei Tage vergangen und das fehlende Kind hatte sich noch nicht eiugefunden.