Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 64 (10.8.1893)
- Date
- 1893-08-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1227 Einhalt gebieten, der die russischen Israeliten aus ihrer Heimat hinaustreibt. Die Thatsache ist um so auffallender, als viele Jahrhunderte des Elends und der Unterdrückung hindurch, die russischen Israeliten nicht ans Auswandern gedacht, da sie mit allen Fasern ihrer Seele im heimatlichen Boden wurzelten. Die todtbringenden Gesetze der letzten 10 Jahren mußten kommen, um ihre Lage ganz unerträglich zu gestalten und um ihnen den Wunsch und den Willen einzugeben, sich einer Herrschaft zu entziehen, die sie einem langsamen Hungertode und dem Elend preisgiebt. Nichts ist rührender und schmerzlicher als der Anblick dieser Hunderte von Auswanderern, die in den Hafenstädten Stettin, Bremen' Rotterdam die Abfahrt des Schiffes erwarteten, das sie nach der neuen Heimat führen soll. Die meisten dieser armen Leute verlassen Rußlands aus freiem Willen; auf die Fragen, welche man an sie richtet, über die Gründe, die sie zur Auswanderung treiben, antworten sie fast ohne Ausnahme: „Was sollte denn aus uns werdend In Rußland sterben wir langsamen Hungers; unser Schicksal kann sich nicht schlimmer gestalten. Vielleicht blüht uns anderswo ein gnädigeres Geschick; was schadet selbst unser Tod; haben wir doch wenigstens unsere Kinder von den Leiden und Prüfungen, die wir durchgemacht haben, befreit." Zwei Drittel der Auswanderer besteht aus allein ziehenden Männern. Aus Mangel an Mitteln haben sie ihre Familie in Rußland zurückgelassen; sie hoffen auf diese Weise leichter Arbeit zu finden, und sobald sie etwas gespart haben, ihre Frauen und Kinder Nachkommen zu lassen. Seit der Hafen von Hamburg den russischen Auswanderern geschlossen ist, wendet sich die große Menge derselben nach Rotterdam. Ungefähr 500 Auswanderer schiffen sich allwöchentlich dort nach den Vereinigten Staaten ein. Von dieser Anzahl haben die meisten ihre letzen Mittel an den Kauf ihres Ueberfahrtbillets gesetzt, und es bleibt ihnen nichts um ihre Kosten zu bestreiten während der wenigen Tage, die sie in Rotterdam zubringen müssen. Diesen kommt die Gemeinde von Rotterdam großmüthig zu Hilfe. Diejenigen, welche dieses Werk unternommen und es leiten, haben sich um das ganze Judenthum verdient gemacht. Trotz des guten Willens Aller, und trotz ihrer Hingabe, können die Mittel der israel. Gemeinde zu Rotterdam einer solchen Aufgabe nicht genügen, so wurde denn in der Versammlung des Alliance-Comites, welche am 18. Juni in Haag stattgefunden, beschlossen, daß die anderen Gemeinden Hollands ihren Antheil an der großen Last nehmen würden. Es ist interessant hier der menschenfreundlichen Hilfe zu erwähnen, welche die Gemeinde von Rotterdam bei den Sectionen der dortigen Heilsarmee gefunden. Die Salutisten stellten den Auswanderern große und zahlreiche Räume für die Nacht zur Verfügung, und haben sich ihnen gegenüber verpflichtet. absolute Neutralität in religiöser Hinsicht zu wahren. Diese Verpflichtungen werden mit strenger Rechtlichkeit inne gehalten. Es gehört sich, daß ein solcher Beweis von Brüderlichkeit und Duldsamkeit dem Judenthum zur Kenntniß kommt. Den russischen Zeitungen nach wäre die Auswanderungsbewegung im Zunehmen begriffen. Große deutsche Dampfer gehen nach Ltbau, um dort direkt die Auswanderer aufzunehmen und sie nach den überseeischen Ländern zu bringen. Man berechnet, daß ihrer durchschnittlich 300 am Tage eingeschifft werden. Es ist möglich, daß die nicht mehr oder minder gemachten Versprechungen der Auswanderungs- Agenten an dieser Bewegung mit die Schuld tragen, aber schon die Thatsache allein, daß diese Anregung bei der Bevölkerung auf günstige Aufnahme stößt, ist ein schlimmes Zeichen für die entsetzliche Lage, die ihnen in Rußland bereitet wird. Die Strenge, die Gewaltthättgkeit, die Unmenschlichkeit, welche von den Behörden gegen Tausende von Familien geübt worden, die keine andere Schuld tragen als diejenige, zu einer anderen Zeit die selbst geübte Toleranz der Regierung wahrgenommen zu haben, um sich außerhalb des Territoriums niederzulassen, erklären diese Auswanderungen und das unbeschreibliche Elend unter den russischen Juden. Der Erlaß des Ministers des Innern vom 14./26. Januar, der vorschreibt, die Juden, welche in den Städten außerhalb des Territoriums geblieben, aus denselben fortzujagen, soll bis zum 1. November ausgeführt werden. Nach sehr geringer Abschätzung betrifft diese Maßregel 500.000 Seelen, und man kann sich die Folgen derselben vorstellen. Die beiden Städte, wo die meisten Opfer getroffen werden, sind Riga und Libau. Die jüdischen Kaufleute erster Gilde, welche außerhalb des Territoriums wohnen, haben Anspruch auf eine bestimmte Anzahl von Commis, Angestellten und jüdischen Dienern. Ehemals' genossen die jüdischen Kaufleute in Kiew, zu Zetten der Messe, gewisse Vorrechte: sie erhöhten die Zahl ihrer Angestellten, ohne daß die Behörde daran ewas auszusetzen fand. Nach dem Odesski Ltstok vom 12./24. Juni kontrolirt die Localpolizei auf das genaueste die Zahl der jüdischen Commis und duldet nicht mehr, daß die Zahl der Angestellten überschritten werde. Den jüdischen Kaufleuten ist angezeigt worden, daß sie der Regierung die Liste ihrer Angestellten mit Vor- und Zunamen, wie