Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 64 (10.8.1893)
- Date
- 1893-08-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1226 Frankfurt, 31. Juli. Die „Fr. Ztg." schreibt: „Sie erfüllen ihre Bürgerpflicht. Mehr kann man von ihnen nicht verlangen; eine Politik, die sie deßhalb befeindete, weil sie . . . nicht deutschen Stammes sind, würde ja gegen die elementarsten Grundsätze der Gerechtigkeit verstoßen." Also zu lesen in der „Kreuzzeitung" zu Gunsten der — Polen. Niemand wird bestreiten können, daß die deutschen Bürger jüdischer Abstammung ihre Bürgerpflicht zum Mindesten ebenso treuerfüllten, wie die Polen; indem die „Kreuzzettung" nun heute im Gefolge, morgen an der Spitze der Antisemiten die Juden befeindet, weil sie nicht deutschen Stammes seien, verstößt sie nach eigenem Geständniß „gegen die elementarsten Grundsätze der Gerechtigkeit", woran wir sie von Zeit zu Zeit erinnern werden, wenn auch ohne Zuversicht, irgend einen Erfolg zu erzielen. Berlin, 3. August. Aus der Rede des Rectors der hiesigen Universität, Prof. Dr. Virchow bei Gelegenheit der Schlußfeier heben wir folgende Stelle hervor: „Es wäre falsch zu glauben, daß die Wissenschaft sicher sei vor dem Eindringen des Mysticismus; wohl die exakten Naturwissenschaften, Physik und Chemie, aber keineswegs jene große Anzahl von Disziplinen, die das Leben und seine Geheimnisse erforschen, die ganze Biologie ist keineswegs gesichert, wenigstens nicht, so lange die Frage nach dem Wesen des Lebens noch offen ist. Hier wird dem Mysticismus Thür und Thor geöffnet. Schon erstrebt der Hypnotismus eine Stellung in der Wissenschaft, ähnlich die Homöopathie, wie früher der thierische Magnetismus, für den im Jahre 1816 gegen die Stimmen der Fakultät ein Lehrstuhl eingerichtet wurde. Es gibt eben Räthsel in der Entwicklung der Menschheit. So stehen wir rathlos vor dem Räthsel des Antisemitismus, der fascintrend aus die Jugend wirkt. Zwar haben wir noch keinen Lehrstuhl für Antisemitismus, aber schon antisemitische Professoren. Der menschliche Geist ist eben sehr geneigt, den Weg des gesunden Denkens zu verlassen. Berlin, 5. August. Vletchröders Testamentsvollstrecker hat dem Magistrat mitgetheilt. daß das Testament ein Kapital von 1,000,000 Mark zur Gründung einer Samuel Bleichröder-Stiftung für hilfsbedürftige Kranken und Rekonvalescenten auswirft. Berlin, 8. August. Der hundertste Geburtstag des Begründers der hiesigen jüdischen Waisenanstalten für Knaben und Mädchen, Baruch Auerbachs, der sein Werk aus den kleinsten Anfängen und unter den schwierigsten Verhältnissen in rastloser, aufopfernder Thätigkeit zu hoher Blüthe gestaltet hat, wird in würdiger Weise am Sonntag den 13. August d. Jahres auf dem Friedhöfe, Schönhauser-Allee, von dem Baruch-Auerbach-Verein, den ehemaligen und jetzigen Zöglingen der Anstalten, wie von Freunden und Gönnern desselben durch eine Gedenkfeier Vormittags 11 Uhr gefeiert werden. Als Zeichen der Verehrung und zur dauernden Erinnerung an Baruch Auerbach ist das von Oscar Rigas nach dem Leben gezeichnete Btldniß Auerbachs in getreuer Wiedergabe vervielfältigt worden und wird Verehrern desselben vom Vorstand des Baruch-Auerbach-Vereins Hierselbst auf Verlangen zugestellt. Berlin, 8. August. Der bekannte Antisemit Paasch ist von den Aerzten auf Grund ihrer Beobachtungen in der Charite als vollständig geisteskrank und als unfähig für die Verhandlungen erklärt worden. Harburg, 31. Juli. Durch Beschluß der städtischen Kollegien war z. Z. das Schächten nach jüdischem Ritus verboten worden. Dagegen erhob die hiesige Synagogengemeinde Beschwerde, infolge deren das Schächten jetzt wieder gestattet worden ist. Oester.-Ungar. Monarchie. Wien, 8. Aug. Der „Pol. Corr." wird aus Petersburg gemeldet, daß ein Mas erschienen ist, welcher die Aufhebung der israelitischen Konsistorien in Riga und in den kurländischen Städten anordnet und verfügt, daß die Stadt Jalta in der Krim aus der Niederlassungszone, welche den Juden etngeräumt ist, auszuschließen und die Juden von dort auszuweisen seien. Frankreich. Paris, 8. Aug. Drumont gibt in der „Ltbre Parole" zu, daß er Cornelius Herz besucht habe, um Mores Geld zu verschaffen, das dieser im Spiel verloren habe. Zu dem Artikel bringt Drumont verlegene Entschuldigungen vor und greift Mores heftig an. Rußland. Petersburg. Wenn ein entscheidender Beweis des materiellen und moralischen Elends, welches auf den Israeliten Rußlands lastet, gefordert würde, so dürfte es genügen auf jenen ungeheuren Zug aufmerksam zu machen, der allwöchentlich Hunderte und Tausende von Auswandern dazu treibt, das Ungewisse und Gefahrvolle des Unbekannten nicht zu scheuen, um ein erträgliches Leben, eine gastlichere Heimath aufzusuchen. Weder die Hindernisse, welche die amerikanische Regierung der Ausschiffung der Auswanderer entgegenstellt, noch die Hemmnisse, welche die Furcht vor der Cholera in Europa allenthalben erstehen ließ, noch die Mahnungen der israelitischen Comites in Europa, die nicht im Stande sind, diese Unmenge von Auswanderern zu unterstützen, konnten dem Zug