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Der Israelit · 1893-08-10 · Heft 64 (10.8.1893) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 64 (10.8.1893)
Date
1893-08-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1224 Auflehnenden ihr Verhängniß. Nachdem Gott sogar ihrem Kleinmuth bisher noch immer Rechnung getragen hatte, verurtheilte sie nunmehr die göttliche Verheißung zu vierzigjährigem Aufenthalt und zum Tod in der Wüste. Die Verirrung der Kundschafter, die hier zuletzt aufgezählt wird, und an welche sich ja das Wort knüpft, „sie versuchten mich nun zehn Male und hörten doch nicht auf meine Stimme —" fällt noch in da8 erste Jahr der Wüstenwanderung, denn von ihr leitet sich ja das Verhängniß des vierzigjährigen Wüstenaufenthalts erst her. — In dieselbe Zeit fallen auch die sämmtltchen zehn Versuchungen, deren letzte die Verirrung der Kundschafter bildet. Für die oberflächliche Betrachtung, scheint dies die Schuld unserer Väter noch zu steigern, daß sie kurz nach dem Auszug von Egypten, nach der Meeresspaltung, nach der Offenbarung am Sinai, nach allen diesen Zeichen und Wundern noch an Gottes über sie waltender Vorsehung zweifeln und sie auf die Probe stellen konnten. Aber ein tieferes Eingehen auf die Sache und besonders auf den Umstand, daß sich diese zehn Proben auf das erste Jahr beschränkten, dürften zu einem anderen Resultate führen. Wenn man die vielfachen Empörungen und die Ausdrücke jbcr Unzufriedenheit jeder Art gewahrt, in welche unsere Väter in der Wüste ihre Abneigung kleideten, sich rückhaltlos der Leitung Gottes und seines Dieners Moscheh zu fügen, so ist man leicht geneigt ein hartes Urtheil über Geist und Charakter derselben zu fällen. Dem widerspricht die Auffaffung unserer Weisen, welche das „Geschlecht der Wüste" ein njn -in, ein intelligentes Geschlecht nennt. Dem widerspricht ferner das Wort des Jirmijahu (Cap. 2, V. 2): „Gehe und verkünde vor den Ohren Jerusalems also: So hat Gott gesprochen: Ich gedenke Dir die Hingebung Deiner Jugend, die Liebe Deines Brautstandes, da Du mir nachwandeltest in der Wüste, in einem ungesäeten Lande." Es scheint auch in unserem Väterspruch die Wüste als Oertlichkeit der Versuchungen, woselbst die Väter Gott versuchten, nicht ohne Absicht besonders hervorgehoben zu sein. Der vierzigjährige Aufenthalt in der Wüste war für Israel die große Schule, in welcher es lernen und an sich erfahren sollte, daß der Mensch nicht vom Brod allein, sondern von allem lebt, was Gottes Mund entströmt. Und sie standen zur Zeit dieser Versuchungen doch erst im Anfang dieser großen Lehrzeit, im ersten Jahre ihrer Wüstenwanderung. Je wunderbarer jeder Schritt dieser Wüstenwanderung war, je unmittelbarer Gottes besondere Fürsorge sich hier documentirte, desto auffälliger und unbegreiflicher mußte es unseren Vätern erscheinen, daß ihnen die allernöthigsten Mittel zur Erhaltung des Daseins, Wasser und Brod, versagt sein sollten. Ein Volk, das in so wunderbarer Weise seine Freiheit nach Jahrhunderte langer Knechtschaft erlangt, steht vor einem Räthsel, wenn es eingeengt zwischen seinen Zwingherren und dem brandenden Meere, von allen Seiten sich durch den sicheren Tod bedroht sieht. Wenn aber dann vor ihm gar die Fluthen des Meeres zurücktceten und der brennende Durst in der glühenden Sandwüste das Volk hinzuraffen droht, wenn durch den Mangel an Brod sich der Hunger geltend macht und nach menschlicher Berechnung keine Möglichkeit vorhanden scheint, ihn zu stillen, so wird man den Zweifel an Gottes Vorsehung, wenn auch nicht berechtigt, so doch begreiflich finden. Dazu kommt noch der Umstand, daß die wiederholten Auflehnungen erst in zweiter Reihe sich gegen Gott, unmittelbar aber sich gegen Moses und Ahron wenden und immer in dem Vorwurf gipfelten, daß ihre Führer sie aus Egypten geführt hätten. Dieser fortgesetzt gegen die Befreier Israels erhobene Vorwurf, scheint im Munde der so wunderbar vom harten Sclavenloos Befreiten schwer verständlich. Es scheint, daß das Volk die Befreiung von dem Sclavenloose und den Auszug aus Egypten scharf von einander schied. Daß das auf ihnen lastende, unerträgliche Joch ihrer Zwingherren gebrochen werde, war sicherlich der sehnlichste Wunsch der Geknechteten. Aber die Liebe zu ihrem zweiten Vaterlande, mochte sie das Ideal ihrer Wünsche darin erblicken lassen, daß der auf ihnen lastende Druck gebrochen würde, ohne, daß sie deßhalb den Boden verlassen müssen, der nun seit Jahrhunderten die Gebeine ihrer Väter in sich trug1 2), und schon seitdem die Ahnen ihn betreten hatten, einen fesselnden Einfluß auf dieselben ausübte. ') Hat doch bis in die neueste Zeit hinein keine noch so rohe an den Israeliten eines Staates verübte Barbarei dieselben bestimmen können, freudig den Wanderstab zu ergreifen und ihrem Vaterlande gleichgiltig den Rücken zu kehren. Die Thränen und der Jammer, unter welchen Juden zu allen Zeiten nur der härtesten Nothwendigkeit gehorchend, ihr Vaterland trotz aller Zurucksetzung verließen, stehen wahrlich bis auf den heutigen Tag in wun- 1) Der Hinweis des Volkes bei der ersten Versuchung am Meeresgestade in den Worten: O'-ILQZ D’*qp dürfte dies enthalten, mußte schon die Kinder bestimmen, nicht in der Wüste sterben zu wollen, um wenigstens im Tode nicht von den Heimgegangenen Ahnen und ihrer irdischen Hülle, getrennt zu sein. 2) Vergl. Hirsch's Pentateuch Commentar 1. B. M., (5. 47, V. 27.

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