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Der Israelit · 1893-08-07 · Heft 63 (7.8.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 63 (7.8.1893)
Date
1893-08-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1216 Ausdauer und Thatkraft entsprach, die Agitation in den Kreisen der ländlichen Arbeiter in Angriff genommen. Mochte auch die ökonomische Macht der Großgrundbesitzer über die abhängigen Schollenproletarier noch immer groß genug sein, ganz so unbestritten war ihr Einfluß doch schon nicht mehr. Die finkende Tendenz der landwirthschaftlichen Löhne, die zunehmend sich verschlechternde Lebenshaltung der ländlichen Arbeiter machten selbst diese Bedürfnißlofesten aller Bevölkerungsklaffen immer unzufriedener, so daß die sozialistischen Einflüsterungen langsam aber stetig Macht über die Gemüther gewannen. Nun mußten die konservativen Herrschaften wiederum nach einem Ausgleich sich umsehen, der geeignet wäre, ihnen die drohenden Verluste zu ersetzen. Sie warfen sich mit Eifer auf die Bearbeitung des Kleinbürger- und Handwerkerstandes. Hier waren ihnen aber andere bereits zuvorgekommen. Die wirthschaftlichen Antisemiten der Böckel-Werner-Zimmermann'schen Richtung hatten sich hier bereits festgesetzt und waren aus dieser ihrer Domäne nicht mehr zu verdrängen. Blieb also nur noch der Ausweg übrig, einen Noäus vivendi mit diesen Leuten herzustellen — eine Aufgabe, der sich hauptsächlich die sächsischen Konservativen unterzogen. Sie setzten sich mit den Deutschsozialen, deren Zentrum Leipzig ist, und mit deren Hauptführer Liebermann von Sonnenberg in Verbindung. Diese sollten als Bindeglied zwischen den agrarischen Konservativen einerseits und den industriellen Mittelstands-Sozialisten (der Böckel-Zimmermann'schen Antisemiten) andererseits dienen. Der Plan war höllisch schlau ersonnen, scheiterte aber definitiv an den Wahlerfolgen gerade der Böckel'schen Richtung. Nunmehr hatten diese Herrschaften keine Lust, sich mit andern in den mühsam errungenen Einfluß zu theilen. Inzwischen war den Konservativen noch ein anderes Mißgeschick begegnet. Ahlwar dt, dessen sie so ziemlich sicher zu sein glaubten, weil er eigentlich doch nur ein Ableger Stöckers war, hatte sich als selbstständige kriegführende Macht aufgethan und, obwohl er gerade einigen konservativen Häuptlingen zu großem Danke verpflichtet war, brach er, nachdem in seiner kritischsten Zeit die Konservativen ihn formell verleugnet hatten, schließlich doch alle Beziehungen zu ihnen ab. Er hatte nach längerem Hin- und Hertasten den Hauptnachdruck seiner Agitation in die unteren landwirthschaftlichen Kreise verlegt und war, da er hier eine sozialistische Propaganda, wenn auch in vergröberter Form betrieb, indem er die Interessen der kleinen Grundbesitzer und der ländlichen Arbeiter gegen die Interessen der Großgrundbesitzer ausspielte, in zwei ländlichen Wahlkreisen gewählt worden. Mit dem Erfolg wuchs ihm der Muth — er konnte es jetzt! Jude getrost auf einen Bruch mit den „Junkern" ankommen lassen, die er nun leichten Herzens mit den Juden als Volksausbeuter in eine Linie stellte. Stöcker, der noch in letzter Stunde zu retten suchte, was zu retten war, indem er im Neustettiner Wahlkreise gegen Paul Förster, den Kandidaten von Ahlwardt's Gnaden, sich aufstellen ließ, mußte bald erkennen, daß er in Ahlwardt seinen Meister gefunden hatte. Er wurde jämmerlich in die Pfanne gehauen und stand nun allen Einflusses beraubt da. In seinem Siegen er Wahlkreise hatte ihm vorher Böckel schon das Spiel gründlich verdorben. Die gemeinsame Gegnerschaft wider Stöcker gab nunmehr den festen Kitt ab zwischen den Böckel'schen und den Ahlwardt'schen. Wohl hatten sie sich bisher gegenseitig in richtiger Würdigung als „Fatzkes" ästimirt und behandelt, doch das verschlug ihnen Nichts. Fatzke schlägt sich, Fatzke verträgt sich. Darin wenigstens hat Stöcker Recht. Allerdings sah Stöcker diese uralte Wahrheit, welche in ihrer ursprünglichen sprüchwörtlichen Fassung nur etwas derber, dafür aber noch zutreffender lautet, erst dann voll ein, als er in einer Berliner Versammlung, nachdem vorher Böckel hier schon in vernichtenden Ausführungen gegen ihn zu Felde gezogen war, mit einem Male die niederschmetternde Wahrnehmung machte, daß er — in diesen Kreisen wenigstens — ein todter Mann sei. Nun kannte seine Wuth keine Grenzen. Ein gerüttelt und geschüttelt volles Maß der Verachtung goß er jetzt aus über den Mob, der ihm früher zujubelte und ihn jetzt moralisch guillotinirte. Die stürmisch verlaufene Versammlung in Mortens' Salon bot ein wüstes Bild der Verrohung politischer Sitten durch den Antisemitismus; sie bildet für kommende Zeiten einen ragenden Werkstein in der Geschichte der antisemitischen Partei und dieser Merkstein ist zugleich der Grabstein des antiseniitischen Politikers Adolf Stöcker. Aber ein Mann von der robusten Struktur Stöckers theilt tödtliche Hiebe noch dann aus, wenn er selbst auf den Tod getroffen daliegt. Indem er in Mortens' Salon gegen eine angeblich falsche und gefährliche Richtung des Antisemitismus zu Felde zog, hat er dem Antisemitismus selbst das Urtheil gesprochen. Er hat das Kind verleugnet, dem er das Leben gegeben. Was dann hinterher noch kam, das kleinliche Gekläff der niederen Meute in der Versammlung des urgermanischen Restaurateurs mit dem semitischen Namen — ich meine den stiernackigen Meister Bodek*) — das war das Satyrspiel, welches diesmal nicht der Tragödie, sondern der Tragikomödie folgte. ) Stöcker behauptete nämlich der Antisemit Bodek sei und sein Name stamme von p"ra her. Red.

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