Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 63 (7.8.1893)
- Date
- 1893-08-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Beilage M M 63 -es „Israelit“. Leitender Artikel. Aus der antisemitischen Arena. (Nachdruck verboten.) □ Berlin, Anfangs August. Für eine „todte Saison" ist die gegenwärtige Zeit ziemlich belebt. Und zwar sind es auch diesmal wieder die Antisemiten, denen es Vorbehalten blieb, Leben in die politische Bude zu bringen. Die großen Wahlerfolge der verschiedenen antisemitischen Strömungen und Schattirungen haben nicht gerade zur Stärkung des Antisemitismus beigetragen. Im Gegentheil: Der Erfolg bewies sich als zersetzendes Element. Schroff und unvermittelt sind in jüngster Zeit die Gegensätze aufeinandergeplatzt, und es ist keine Aussicht vorhanden, daß dieselben sich in absehbarer Zeit überbrücken lassen. Wäre der Antisemitismus eine Bewegung, die auf fksten Grundsätzen fußt und in einer einheitlichen Weltanschauung gipfelt, so würde der letzte Wahlerfolg sich als Bindeglied erwiesen haben. Kleine Unterschiede, wie sie im politischen Leben hervorgebracht werden durch die Differenzirung der Temperamente und des verschiedenartigen Gesellschafts-Milieus, würden dann in einer höheren Form der theoretischen Auffassung ihren naturgemäßen Ausgleich gesunden haben. Diese Möglichkeit aber ist gänzlich ausgeschlossen, weil die verschiedenen antisemitischen Strömungen aus verschiedenartigen Quellen ihre Entstehung herleiten und verschiedenen Zielen zuftreben. Da ist zunächst der christlich-soziale Antisemitismus des Hofpredigers a. D. Stöcker und seiner Trabanten. Derselbe wurzelt im religiösen Boden und hat zum Ausgangspunkt den fanatischen Glaubenshaß gegen die religiösen Satzungen des Judenthums und gegen dessen religiösgeschichtliche Entwickelung. Rein religiös hat sich diese Bewegung ja auch nicht gehalten. Sie hat nach der politischen und sozialen Seite hin Anlehnung bei den Konservativen gesucht und gefunden. Die konservative Partei war politisch am Ende ihres Latein angelangt. Ihr Einfluß auf das Volk war in ununterbrochenem Niedergang begriffen; die Hochfluth des Sozialismus drohte den konservativ-politischen Anschauungen ein Ende mit Schrecken zu bereiten, da kam es den Vertretern dieser Interessengruppe ganz gelegen, daß im Antisemitismus sich ihnen ein Mittel zur demagogischen Bearbeitung der Massen bot, welches an Wirksamkeit es mit den sozialistischen Schlagworten, wenigstens soweit dabet die unaufgeklärten Volkskreise in Betracht kamen, sehr wohl aufnehmen konnte. Die aus dem geschichtlichen Werdegang zu erklärende Abneigung der Christen gegen die Juden bot den erwünschten agitatorischen Anknüpfungspunkt. Im weiteren Verlauf der Dinge stellte sich dann allerdings heraus, daß auf die Dauer die mehr religiöse Bewegung doch ihre Wirkung und Kraft nicht würde behaupten können. Sie mußte ökonomisch „vertieft" werden, wenn man weitere praktische Erfolge erzielen wollte. Der Konservatismus ist aber nicht nur eine religiös-philosophische Weltanschauung, sondern er hat sich im Laufe seiner Entwickelung mehr noch zu einer wirthschaftlichen Kampfespartei verdichtet. Er vertritt wirthschaftlich die Interessen des Großgrundbesitzes gegenüber den Interessen des mobilen Kapitals. Die Zahl der Großgrundbesitzer ist aber, an der Gesammteinwohnerzahl gemessen, eine verschwindend geringe. Wollte der Konservatismus sich den politischen Einfluß, der ihm historisch zugefallen, tn unserer Zeit des allgemeinen Wahlrechts dauernd sichern, so mußte er auch auf die direkt von ihm abhängigen landwirthschaftltchen Arbeiter, auch auf den kleinen und mittleren Bauernstand seine Einwirkungssphäre ausdehnen — er mußte den Anschein erwecken, als ob allein bei ihm und durch ihn die agrarischen Interessen ihre ausgiebige Vertretung fänden. Damit waren ihm seine Agitationsmittel so gut wie vorgeschrieben. Es mußte ein gemeinsamer Feind ausfindig gemacht werden, von dessen gründlicher Niederwerfung die zu erstrebende „Blüthe der Landwirthschaft" abhängig gemacht wurde. Die religiöse Verhetzung, wie Stöcker sie inaugurirt hatte, erbrachte den vollgiltigen Beweis dafür, daß der Jude sich noch immer vortrefflich zum Sündenbock eigne — der Antisemitismus wurde daher sozial „vertieft". So entstand nach und nach aus den Bedürfnissen des politischen Konservatismus und des Großgrundbesitzes heraus jenes widerwärtige Gemisch religiös-sozialer Verhetzung, als welches sich der christlich-soziale Antisemitismus dokumentirte. Während so der Konservatismus mit Erfolg bemüht war, seine Einflußsphäre nach der einen Seite hin auszudehnen, war ihm nach der anderen Seite hin eine garstige Konkurrenz im Sozialismus erstanden. Derselbe hatte mit großem Geschick und nicht ohne nachhaltige Wirkung, die hauptsächlich der sozialistischerseits auf die Agitation verwandten