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Der Israelit · 1893-08-03 · Heft 62 (3.8.1893) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 62 (3.8.1893)
Date
1893-08-03
Page
– (sequence 22)
Language
German
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1204 verantworten können, einer Zaubergeschtchte so viel Bedeutung beizulegen! Die in der Kirche herrschende Andacht ließ den Prediger erkennen, daß seine Worte den Weg zum Herzen gefunden hatten. Um aber seinen Worten noch mehr Nachdruck zu verleihen, schloß er seine Predigt wie folgt: „Ihr werdet Euch überzeugen, daß ich recht gesprochen, wenn ich Euch soeben an's Herz gelegt habe, Euch von den Unthaten fortan fern zu halten, zu denen Ihr Euch von einer verzauberten Gans habt verleiten lassen. Ihr habt doch sicher die Ueberzeugung, daß sich hier in der Kirche kein Jude befinde, und doch wird wie auf andern Häusern, bald auf dem Giebel des Kirchendaches die Gans zu erblicken sein." Die Menge eilte aus der Kirche, um sich zu überzeugen, und wirklich gewahrte sie auf dem Kirchdache die Zaubergans. Man glaubte den Worten des vermeintlichen Pfarrers und unterließ es, die Juden weiter zu verfolgen. Die Erinnerung an jene Leidenszeit hat die Wormser israel. Gemeinde dadurch festgehalten, daß sie den 10. Adar zu einem Fasttage einsetzte. Noch heute bezeichnet auf dem hiesigen Friedhofe ein einfacher Stein in der Hälfte der Mauer, welche die Südseite des Friedhofes umgiebt, die Stätte, auf welcher man die 12 Vorsteher (d'dj-ib n"’) zur ewigen Ruhe gebettet hatte. Der Volksmund bringt die steine r n e Gans auf der Martinskirche mit der soeben erzählten Geschichte des Nissim-Buches in Verbindung. Eine Geschichte von Nascht und woher das Sprichwort kommt: Drei Mann und ein Roßkopf. Wer kennt nicht Rabbi Salomo ben Jsak, im Volksmunde Raschi genannt, mit seinen bedeutenden Commentaren über Bibel und Talmud? Dieser Raschi unterhielt in Worms eine Lehrschule und gar viele Schüler saßen zu seinen Füßen, um andächtig den Worten des großen Meisters zu lauschen. Ueber das Weichbild der Stadt hinaus war der Ruf Raschis gedrungen und auch nicht jüdische Persönlichkeiten suchten die Nähe des großen Mannes auf, um seine Ansichten über wichtige Dinge zu hören. So kam denn eines Tages auch der Herzog von Lothringen, jedenfalls Gottfried von Bouillon, im Jahre 1096, im Begriffe gegen die Türken zu ziehen und Jerusalem zu erobern, nach Worms. Er suchte Raschi auf und wünschte dessen Ansicht über seinen Kriegsplan zu hören. Nach kurzem Besinnen verkündete ihm Raschi, daß er die Türken besiegen, Jerusalem und noch andere Orte erobern werde. Viele Schätze werden in seine Hände fallen und siin anfgenommenes Werk werde dadurch gekrönt, daß man ihn zum Könige von Jerusalem ausrufen werde. Doch von nicht langer Dauer werde das Glück sein. Die Türken werden die erlittene Schmach nicht lange ertragen. Mit verstärktem Heere werden sie gegen Euch ziehen. Das Glück, das Euch anfangs so hold war, wird sich von Euch abwenden. Die Türken werden wieder Herren von Jerusalem werden. Viele von Euch werden durch das Schwert fallen, andere durch eine Epidemie dahingerafft werden. Während Ihr in so stattlicher Zahl von hier ansziehet, werden die Zurückkommenden nur ans „3 Mann und einem Roßkopf" bestehen. Du wirst meinen Rat, fügte Raschi hinzu, den Zug nicht zu unternehmen, zwar nicht befolgen, aber Du wirst Dich doch noch überzeugen, daß ich wahr gesprochen habe. Mit großem Erstaunen und immer wachsender Erregung lauschte der Herzog den Worten Raschis; doch schienen besonders die letzten Worte: „Drei Mann und ein Roßkopf" ihn sehr nachdenklich zu stimmen. Er mochte noch so sehr in Raschi drängen, ihm doch den dunklen Sinn dieser Worte zu erklären; immer erhielt er das bereits Gesagte ohne jegliche Deutung zur Antwort. Der Herzog, durch die prophetischen Mitteilungen Raschis. daß das Glück sich anfangs ihm sehr zuwenden werde, noch mehr bestärkt, beschloß, den Kriegszug fortzusetzen. Gottfried verließ mit seinen Trnpven Worms. Der Kampf mochte im heiligen Lande noch so sehr toben; immer begleitete den Herzog die ehrwürdige Erscheinung Raschis, kenn das Glück war ihm bei seinen Unternehmungen so hold, daß alle Prophezeiungen Raschis vollkommen eintrafen. Doch auch das Unglück stellte sich in solchem Maße ein, daß er nur mit vier Mann und einem Pferde gen Worms einzuziehen vermochte. Schon schmiedete er in seinem Innern verwerfliche Pläne, weil die Prophezeiung Raschis sich nicht in vollem Maaße erfüllte, da war er an dem Stadt-Thore angekommen. Doch kaum öffnete sich für ihn dasselbe, als ein Balken des Thores Heruntersiel, einen Mann tötete und auch das Pferd, dessen größerer Teil außerhalb des Thores lag, während drei Mann und der Roßkopf sich in der Stadt befanden. Jetzt fühlte er mit wuchtiger Schwere die Bedeutung der Worte Raschis und schnell eilte er nach dessen Wohnung, um ihn, wie er versprochen, fürstlich zu belohnen. Doch Raschi war in der Nacht — gestorben. Wie gerne hätte er ihm so vieles Wichtige aus dem hl. Lande erzählt. — Viele Jahre vergingen. Da kamen Nachkommen des Herzogs von Lothringen abermals nach Worms. Mit besonderer Vorliebe zeigten sie den Inden nächtige Gegenstände von David und Salomo, die ihr Ahn einst aus Jerusalem mttgebracht habe. Ganz besonders erregte ein großes Messer in einer

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