Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-08-03 · Heft 62 (3.8.1893) · page 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 62 (3.8.1893)
Date
1893-08-03
Page
– (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448374--36854-2484893
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

j^gfefür bas»^v WrthodoM AuderrlhumÄ |-CWV\ o S B S O mm&zxi rHlh.1L wi/i: M Ä -3SSS- 3. August 1893.] <*2fi lNr. 9. Aus dem Wormser „Manseh-Lliffim^Suche? (Hierzu die Illustrationen Die Zaubergans. Es war im Jahre 1643. Eine epidemische Krankheit hatte viele Bürger von Worms dahtngerafft. Nur an beni Thore, das zur Judengasse führt, hatte der Todcsengel Halt gemacht. Dieser Umstand genügte den aufgeregten Massen, um die Schuld der Epidemie den Juden aufzubürden. Sofort wurden Zeugen gedungen, die es mit angesehen haben sollten, wie in mitternächtlicher Stunde die Juden die Brunnen vergiftet hätten. Es wurde deshalb beschlossen, daß sämtliche Juden an einem festgesetzten Tage, (10. Adar) umgebracht werden sollten. Kaum hatten die Unglücklichen von dieser unmenschlichen Anklage Kunde erhalten, als sie sich zu dem Bürgermeister begaben, diesem ihr tiefes Leid klagten und ihre Unschuld beteuerten. Der Bürgermeister wollte von der so schweren Anklage nichts wissen und sprach zu ihrer Beruhigung: „So wenig dieses kleine Stäbchen in meiner Hand die eiserne Kette an meinem Thore zu sprengen vermag, ebensowenig wird Euch ein Leid treffen." Aber wie erstaunten er und die Unglücklichen, als plötzlich die eiserne Kette brach. Totenblaß sprach er: „Euer Unglück muß von Gott beschlossen sein, sonst hätte mein dünnes Stäbchen diese starke Kette nicht brechen können. Leider vermag ich nichts für Euch zu thun." Kummer und Elend war wieder einmal in die Judengasse eingekehrt. Endlich nahte der traurige Tag. Die 12 Vorsteher der jüdischen Gemeinde (o’mib t») begaben sich noch einmal auf das Rathaus, um den dort versammelten Ratsherren in den ergreifendsten Worten die Unschuld der Juden zu schildern. Aber ihr jam- *) Alls dem soeben erschienenen „Au8 Vergangenheit ulld Gegenwart der israel. Gemeinde Worm8." Von S. Rothschild. Mainz, Joh. Wirth'sche Hofbuchdruckerei A.-G. (KO Pfg.) auf unserer Extrabeilage.) mervolles Bitten und Stöhnen war erfolglos. Kein Mitleid regte sich in dem Herzen ihrer Widersacher. Da erfaßte Verzweiflung die Unglücklichen, die sich und die ihrigen rettungslos verloren sahen, und sie stürzten sich, ihrer selbst nicht mehr mächtig, auf ihre Gegner und im blutigen Handgemenge fanden sie alle mit mehreren Ratsherren ihren Tod. Kaum war die Kunde hiervon in die Massen gedrungen, als ein schreckliches Würgen in den Straßen begann. Endlich hatte der Würgeengel, der eine so blutige Ernte gehalten, dem Engel des Mitleids den Platz geräumt. Eine Anzahl braver Familien nahm die wenigen noch übrig gebliebenen Juden in's Haus auf, um sie den grimmigen Blicken der Feinde zu entziehen. Niemand hatte eine Ahnung, daß manche christliche Familie, welche von der Unschuld der Juden überzeugt war, diese in ihren Räumen beherberge. Da suchte der Spürsinn der Wahnbethörten durch Zauberei auch diese noch zu ermitteln. Eine Gans flog auf alle Häuser, in denen sich noch Juden befanden, und so wurden auch diese noch in den Tod gehetzt. Während dieser traurigen Zeit der Verfolgungen lebte in Worms ein fremder Jude, der mit talmudischer Gelehrsamkeit auch hervorragende Kenntnisse auf andern Wissensgebieten verband und deshalb mit dem Pfarrer in näherer Beziehung stand. Diese Thatsache schützte ihn vor Verfolgung. Als nun der Pfarrer sich eines Tages zur Kirche begeben wollte, machte ihm dieser den Vorschlag, ihn als Pfarrer vorzustellen, damit e r heute die Predigt halte. Sein Schützling willigte ein. Mit hinreißender Beredsamkeit schilderte der vermeintliche Geistliche die Leiden der Juden, fragte die Anwesenden, ob das Gebot: „Du sollst nicht morden!" für sie nicht in der Bibel stünde, und ob sie es vor ihrem gesunden Menschenverstände

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.