Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 62 (3.8.1893)
- Date
- 1893-08-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448374--36839-2484878- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1188 Rußland. Bieruoje an der stbtrisch-chinesischen Grenze. Eine der am härtesten heimgesuchten Gemeinden des russischen Reiches ist zweifellos die unsrige. Vor sechs Jahren ungefähr wurde unsere Stadt von einem Erdbeben erschüttert, wobei mehrere Häuser unserer Gemeindemitglieder, dann das jüdische Schulhaus und auch unsere kleine Synagoge zerstört wurden. Obgleich man nun große Geldopfer bringen mußte, um die Wohnhäuser wieder in den früheren Zustand herzustellen, so vergaß man auch des Gotteshauses nicht, und bald erhob sich dieses wieder aus seinen Ruinen. Jetzt nun, wo wir uns schon ein wenig von den unglücklichen Folgen dieses Naturereignisses erholt haben, trifft uns wieder der Befehl, unsere Stadt gänzlich zu verlassen und uns dafür mehr im Innern Sibiriens anzusiedeln. Viele unserer Gemeindemitglteder beabsichtigen nun, sich in der nahen chinesisch-tatarischen Grenzstadt Kultscha anzustedeln, vorausgesetzt, daß der dortige chinesische Statthalter dieses uns auch gestattet. Persien. Täbris, im Juli. Die Judenhetzen in Hamadan hätten bald auch hier eine Nachahmung gefunden. Auch hier fingen nämlich einige persische Priester an, den Pöbel gegen die Juden zu hetzen und deren Ausweisung zu fordern. Die Hetzereien wurden noch geschürt durch die aufreizenden Reden einiger armenischer Kaufleute, die in den Juden ihre Concurrenten erblicken und daher so einen kleinen jüdischen Exodus gerne gesehen hätten. Kaum hatte aber unser erlauchter Statthalter, derKronprinz Muzzafer Eddin, von diesen Wühlereien gegen die Juden vernommen, so ließ er auch sofort diesen persischen Priestern durch ihre Vorgesetzten den Mund schließen. Auch traf er sogleich die nöthigen militärischen Maßregeln, um, falls es zu thätlichen Ausschreitungeu gegen die Juden kommen sollte, diese gleich in ihrem Beginne unterdrücken zu können. Als die Menge nun sah, daß der Kronprinz- Statthalter auf Seite der Juden stehe, so besann sie sich schnell eines Anderen und ließ die Juden wieder in Ruhe. > Vermischtes. < Kleinerdliugen, 11. Juli. (Unlieb verspätet.) Eine jener edlen, altjüdischen Frauengestalten, wie sie leider immer seltener werden, haben wir zu Grabe getragen, Frau Kella Falk, eine Schwester des durch seine Wohlthätigkeit, Frömmigkeit und unermüdliche Thatigkeit für das heilige Land weltberühmten S. Ettenheimer Geboren in Kleinerdlingen als Tochter des Ortsrabbiners R. Mendel Ettenheimer verbrachte sie auch ihre letzten Lebensjahre wieder in ihrem Heimathsorte, nachdem sie ihren Mann, Herrn F. Falk in BraunSbach nach langjähriger, musterhafter und glücklicher Ehe durch den Tod verloren hatte. Rüstig bis in die letzte Zeit ihres Lebens — sie erreichte das seltene Alter von 85 Jahren — war sie stets einzig und allein darauf bedacht, die Pflichten ihrer Religion mit bewunderungswürdiger Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit zu erfüllen. Ihr bescheidenes Wesen, ihre fromme Ergebenheit in allen Prüfungen, die der Allmächtige ihr stellte, ihre reine, selbstlose und opferfähige Menschenliebe, ihre unermüdliche, rastlose Thätigkeit im Hause werden ihr den ehrenvollen Namen einer echten jüdischen Frau mit allen Tugenden nicht nur im Kreise ihrer Familie, sondern auch bei all' denen sichern, die sie kennen lernten. Das waren auch die Gebanken, denen vor zahlreichem, ehrenvollen Geleite ihr Enkel, Herr Lehrer Wechsel aus Mosbach und Herr Lehrer Marx aus Oberdorf tieferregten und warmen Ausdruck gaben. n"aam. Feuilleton. > Die drei Kranen. 4- Von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Unter dem Vorantritt des Ortsvorstehers begann die Durchsuchung der ganzen Hofraithe. Rahel hatte an der Stelle ihres Vaters alle Räume geöffnet und ohne auch nur das Geringste gefunden zu haben, welches irgend einen Verdacht hätte erregen können, beendeten die Herren dieses unangenehme Geschäft. „Eurer Ruhe halber mußte dieses geschehen", sagte, sich entschuldigend der Bürgermeister, „denn wir haben leider Leute im Dorfe, die am liebsten selbst Euere Wohnung und Euer Haus durchsuchen möchten." „Ich weiß; ich weiß", erwiederte Benjamin betrübt; „die Gefahr für mein Eigenthum, sowie für mein Leben wächst mit jedem Tage und das Beste wird sein, ich führe meinen Entschluß aus und verlasse das Dorf, wo ich der Willkür roher, fanatischer Menschen preisgegeben bin. wo die Obrigkeit selbst mich nicht schützen kann." „Oho, Benjamin," versetzte der Bürgermeister, „nur der Schuldige und einer, der sich fürchten muß, verläßt das Feld und macht der Verleumdung Thür und Thor auf. Jetzt dürft Ihr um keinen Preis fort, sonst seid Ihr und kein Anderer es, der am Verschwinden des Kindes schuld hat. Ihr bleibt und ich bürge Euch dafür, daß Euch nichts geschieht. Jetzt wollen wir sehen, ob's im Dorfe ruhig ist. Die Gendarmen bleiben heute Nacht zu Eurem Schutze hier. Gute Nacht also und angenehme Ruhe." Er reichte Benjamin und Rahel die Hand und entfernte sich mit seinen Begleitern. Die Patrouille blieb während der Nacht im Dorfe und nur ihrem besonnenen und energischen Auftreten war es zu danken, daß die aufgeregten Dorfbewohner keine Ungesetzlichkeiten begingen.