Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 62 (3.8.1893)
- Date
- 1893-08-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1189 Der Morgen brach an. Noch herrschten die Schatten der Nacht vor, aber der erhellende Strahl der Morgensonne trieb sie aus ihren letzten Schlupfwinkeln und dieVöglein begannen mit ihrem herrlichen Gesänge dem Schöpfer der Welt ihr Loblied darzubringen. Jubilirend schwang sich die Lerche in den blauen Aether, um in der Höhe, fern von dem Jammer der Erde, ihn zu preisen, der ein gütiger Vater ist allen seinen Geschöpfen. Bickbrwtck, bickbrwick ließ sich auf der Erde die Wachtel vernehmen und Meisen und Finken stimmten ein in das Lied zum Preise des Schöpfers. Nun begannen auch die Glocken der Kirche ihren Ton über Feld und Flur erschallen zu lassen; sie rufen von neuem zur Arbeit, zum Kampfe ums Dasein. Und während die ganze Natur ihrem Schöpfer entgegenjauchzt und in freudigen Tönen sein Lob singt, steht einsam in seinem Kämmerlein der Jude vor seinem Gotte. Sein Haupt ist demüthig gebeugt; seine Lippen murmeln leise Gebete und während er seinen heiligen Schmuck, Zizis und Tefilin') inbrünstig an seine Lippen führt, blutet sein Herz, ob der Unbill, die man ihm zufügt, ob der Verfolgung, die er erdulden muß, ob der Schurkerei und der Bosheit, die man gegen ihn richtet. Was hat er denn begangen, daß man ihn hetzt wie ein wildes Thier, was hat er verbrochen, daß man ihn verfolgt, wie den gemeinsten Verbrecher? Nichts, gar nichts. Sein Verbrechen ist, daß er ausgenommen in den Bund Abrahams, sein Vergehen, daß er lebt nach den Gesetzen der Lehre seines Gottes und in Folge seiner Mäßigkeit, seines Fleißes und seiner Sparsamkeit ein sorgenfreies glückliches Leben führt und im Kreise seiner Familie zufrieden und glücklich ist. Das ist's, was er begangen, was man ihm neidet. Kummervoll wendet er seinen Blick zu seinem Schöpfer und inbrünstig betet er Tag für Tag: Steh doch auf unser Elend und streite unfern Streit und erlöse uns um Deines heiligen Namens willen, denn ein mächtiger Erlöser bist Du. — Gepriesen seiest Du Ewiger, Du Erlöser Israels. Und neue Kraft durchströmtHn, neue Zuversicht umfängt ihn und neuer Muth beseelt ihn, auf sich zu nehmen das Joch des himmlischen Reiches, das seine Väter getragen, welches er trägt und welches seine Nachkommen tragen werden bis an das Ende aller Zeiten. Und muthig und getrost geht er an sein Tagewerk und weichet nicht ab vom Pfade des Rechts und verläßt nicht den Weg der Tugend, denn nur auf ihm gelangt er zu jener Höhe, die er als Ziel seines Lebens erreichen will. Benjamin hatte sein Gebet noch nicht vollendet, da kam schon ein Bote aus der Mühle und 1) Schaufäden und Gebetriemen. bat ihn, doch sofort hinauszukommen, da die Müllerin während der Nacht krank geworden sei. Benjamin versprach zu kommen, und als er mit seinem Gebete zu Ende war, eilte er, ohne etwas vorher gegessen oder getrunken zu haben, zur Mühle, wo seiner eine neue Ueberraschung harrte. Durch die hellen Fensterscheiben blickte die freundliche Sonne in die Wohnstube der Müllerin und sah dort ein bleiches junges Weib seufzend auf- und niedergehen. Ihre Augen waren vom Weinen geröthet und lagen müde und glanzenlos in ihren Höhlen. Jedesmal, sobald der Klopfer am Hofthore sich hören ließ, trat sie eiligst an das Fenster und überblickte erwartungsvoll den Hof, um, wenn der, den sie erwartete, noch nicht erschienen war, seufzend ihre Wanderung von Neuem aufzunehmen. Endlich kam der Bote, den sie zu Benjamin gesandt hatte, wieder und brachte die Nachricht, daß der Jude ihm auf dem Fuße folge. Zu gleicher Zeit erzählte er, in welcher Auftegung sich die Dorfbewohner befänden und wessen man den alten Caro beschuldigte. Als der Knecht geendet, sank Louise wie vernichtet zusammen. Sie ahnte, daß schlimme Tage über den Freund kommen würden und daß sie seinen Rath und seine Hilfe vielleicht zu einer Zeit entbehren mußte, wo sie derselben am dringendsten bedürfe. Wüstes Geschrei schreckte sie auf. Sie horchte, aber die Hunde an der Kette bellten so sehr, daß sie nichts verstehen konnte. Das Geschrei kam immer näher; jetzt vermochte sie aus dem Lärm heraus die Worte zu verstehen: „Schlagt den Juden todt; in den Bach mit ihm! Haltet ihn fest!" Rasch eilte Louise über den Hof und öffnete von bösen Ahnungen getrieben, das kleine Thor. Da stürzte auch schon wie ein verfolgtes Wild Benjamin herein, riß ihr das Thor aus der Hand und schmetterte es in das sichere Schloß. „Schütze mich," bat er mit erlöschender Stimme, „sie wollen mich töten." Louise nahm Benjamin am Arme, führte ihn in's Zimmer und sagte: „Ruhet Euch aus, bei mir seid Ihr geborgen." Dann wollte sie wieder hinaus. Benjamin rief ihr zu: „Setze Dich keiner Gefahr aus; schicke einen Boten ins Dorf zum Bürgermeister." Allein Louise war schon draußen, woselbst ein fürchterliches Geschrei sich erhoben hatte und man mit großen Steinen über und gegen das Thor warf. Rasch hatten sich die Knechte um die Müllerin gesammelt, bereit, ihre Herrin zu schützen. Begleitet von diesen begab sie sich an das Thor, um der wüthenden Menge entgegenzutreten. Trotzdem noch