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Der Israelit · 1893-07-31 · Heft 61 (31.7.1893) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 61 (31.7.1893)
Date
1893-07-31
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1177 Literarischer Bericht. Die israelitische Bevölkerung der russischen Städte. Ein Beitrag zur deutschen Srädtegeschichte. Mit Benutzung archivalischer Quellen. Von Moritz Stern II.Kiel 1892. Dienske. 8. Der als historischer Quellenforscher bereits bewährte Vers, eröffnete uns in der vorliegenden Schrift einen interessanten Einblick in die Entstehungsgeschichte jüdischer Gemeinden in deutschen Städten. Nachdem der Vers, seine Quellenstudien über die jüdische Gemeinde in Ueberlingen veröffentlicht, theilt er uns hier das Resultat seiner Forschungen über die Entstehung der Gemeinde in Kiel mit. Die Gemeinde dort ist eine verhältnißmäßig junge; Juden durften diese Stadt nur zu den Jahrmärkten besuchen; erst seit etwa 1690 war solchen Juden, die mit dem herzoglichen und großherzoglichen Hofe in Verbindung standen, ein ständiger Wohnsitz dort erlaubt. So wurde Jakob Musaphia, ein Nachkomme des berühmten Arztes und Lexicographen Benjamin Mussaphia, der Gründer der Kieler Judenschaft. Zu der Familie Musaphias trat alsbald die des Samson Levin, so daß die Anzahl der Ansässigen, wenn auch noch im geringen Umfang, doch mit ihren Haushaltungen einen bedeutenden Zuwachs erhalten hatte. Interessant sind nun die Aktenstücke, welche den Widerstand, den der Magistrat den Berechtigungen, welche die Juden von der Regierung erhielten, entgegenstellten. Es ist dies ein fortwährender Kampf, sowohl während der Herrschaft Kiels unter einem russischen Großfürsten, als auch nach Uebergang der Stadt an die dänische Regierung. Schrittweise mußten die Berechtigungen erworben werden, und doch gereichte die Ansässigmachung der Juden nur der Stadt uud dem Staat zum Heile. Welchen Weitblick hatten die Juden, die eine Belebung des Handels gerade hier an der Ostsee für die Grundbedingung des Aufblühens der Stadt erkannten, während Magistrat und Bürgerschaft, in Lethargie und Spießbürgerlichkeit versunken, gar nicht die vortheilhafte Lage der Stadt am Meere zu würdigen wußten. Da ist ein Gesuch des David Lewin Cohn um Errichtung einer Handelsgesellschaft, das noch heute in Erstaunen setzt; man glaubt den Bericht eines der ersten Handelsfürsten unserer Zeit zu lesen. Da stoßen wir auf Sätze, wie: „So lange der Geist der Handlung, die Seele des Staats, nicht darin blühender und lebhafter werde, so lange daselbst der Krämer uur Krämer bleibet, nicht trachtet, Kaufmann zu werden und seinen Kram-Laden zum Waaren-Lager umzuschaffen: — so lange wird Kiel nie zu einer Größe kommen und als die Hauptstadt des Landes sichtlich über die anderen Städte ihr Haupt emporheben können." Nun geht er auf die vortheilhafte Lage Kiels ein, auf die Nothwendigkeit den Zwischenhandel abzuweisen uud selbstständig zu tmportiren und so sich im Handel unabhängig zu machen, den Großhandel zu kultiviren u. s. w. Es ist ein großartiger Standpunkt, der hier eingenommen wird, auf den die dänische Regierung gern eingegangen wäre, wenn nicht die Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit des Kieler Magistrats hindernd dazwischen getreten wäre. Hier spricht kein Trödler und Krämer, hier spricht ein Mann von weitschauendem Blick in einer Sprache, die an Reinheit, Logik und Ueberzeugungskraft nichts zu wünschen übrig läßt. Schon um dieser einen Eingabe willen, welche die vorliegende Schrift aus dem Dunkel der Archive hervorgezogen, verdient dieselbe die weitgehendste Beachtung. Hatte die Eingabe Cohns für ihn auch keinen unmittelbaren Erfolg, man wurde doch höheren Ortes auf die Tüchtigkeit der Juden aufmerksam und es fielen nach und nach manche Beschränkungen, noch ehe die Stürme des zu Ende gehenden 18. Jahrhunderts alle Schranken ntederriß Nach der tüchtigen Leistung des Verf. sehen wir dem Erscheinen der weiteren angekündtgten Schriften desselben: „Nürnberg im Mittelalter" und „Ravensburg in Württemberg" mit Spannung entgegen. Zeitungsnachrichten uud Correspoudeuze«. Deutschland. Cger. Die in der hiesigen Cultusgemeinde neuerbaute Synagoge wurde heute Nachmittags feierlich etngeweiht. Viele geladene Gäste, darunter Vertreter der katholischen und protestantischen Kirchen, die obersten Repräsentanten der hierortigen Staats- und autonomen Behörden und Schulen, viele Stabs- und Ober-Offiziere der Garnison, Vertreter der bayrischen und sächsischen Bahnen, zahlreiche Abordnungen auswärtiger Cultusg:meinden, hiesiger Vereine rc. nahmen an dem feierlichen Akte theil. Nach Vortrag des Chorliedes und der durch den hies. Rabbiner Popper vorgenommenen ceremoniellen Weihe hielt Rabbiner Dr. Ziegler aus Karlsbad die Festpredtgt. Das Gebet für den Kaiser und die Absingung der Volkshymne bildete den Abschluß der Feier. Kolin. Ein Vorfall, der sich in der belebtesten Straße dahier, in der Pragergasse zugetragen hat, beweist, welche Rohheit in der Bevölkerung durch die antisemitische Agitation erzeugt worden ist. Es wird uns hierüber Folgendes berichtet: Das hochbetagte jüdische Ehepaar Beutler — der Mann zählt 74, die Frau nahezu 80 Jahre — erging sich gegen 8 Uhr Abends vor seinem Wohnhause in der genannten Gasse. Plötzlich trat ein

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