Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 61 (31.7.1893)
- Date
- 1893-07-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1176 suchten, wurden durch das Weinen und angstvolle Schreien der Kinder zu einer erschreckenden Symphonie. Aber noch waren nicht alle Fußgänger angelangt, die Gruppe hatte sich getheilt, die kräftigen, widerstandsfähigeren waren vorangceilt, um ihre Frauen und Kinder zu erreichen, die schwächeren waren zurückgeblieben, einzelne blieben unterwegs erschöpft liegen, einige verfehlten den Weg. Und es war nicht schwer, die Route zu verlieren, denn es führte keine Landstraße von Carlos Cacares nach Mauricio, der Weg war nur durch die Spuren, welche die breiten Räder der schweren Fuhrwerke in dem aufgeweichten Boden zurückließen, gezeichnet und diese Spuren konnten in dieser schwarzen Nacht übersehen werden. Dem dies passirte, war sehr schlecht daran und er kann dem Fahrzeuge verglichen werden, das auf dem weiten Ocean ohne Compaß umhertreibt. Wir schickten die ausgeladenen Fuhrwerke den Zurückgebliebenen entgegen, Ingenieur Terracini ritt mit einigen Gaucho's zurück, um diejenigen, welche sich in der Pampa verloren, auf den richtigen Pfad zu leiten, wir selbst blieben bemüht, den trostlosen Weibern Muth zuzusprechen. Der bereits erwähnte Strohschuppen mußte von den darin befindlichen Junggesellen geräumt werden, um den Frauen und Kindern diesen Raum als vorläufigen Unterkunftsort anweisen zu können; im Administrations-Gebäude, das nur ganz klein ist, wurden soviel als möglich untergebracht — viele jedoch mußten draußen verbleiben. Da ein Theil der Kochgeschirre mit den Familien zugleich eingetroffen war, ließen wir große Feuer anzünden, die nur mit großer Mühe aus dem durchnäßten Boden angefacht und mit darüber hochgehaltenen Planen vor dem niederfallenden Regen geschützt und erhalten werden konnten. In dieser schrecklichen Nacht bewiesen unsere Gauchos bewunderungswürdige Thatkraft und Nächstenliebe; mitleidsvoll nnt unermüdlichem Eifer waren sie bemüht, alle Hilfe und Erleichterungen, welche bei den wenigen Mitteln, die zur Verfügung standen, den Bedauernswerthen zu bringen. Die Juden waren nicht wenig erstaunt, als sie sahen, daß der Gaucho, deffen Aussehen ihnen in der ersten Begegnung so wild vorkam, für die Leiden seiner Nebenmenschen Mitgefühl besitzt. Nur ihrem Eifer war es zu verdanken, daß Thce gekocht werden konnte. Die Juden waren in Folge der Strapi.zen und Entbehrungen, die sie seit schon so langer Zeit erdulden mußten, durchweg außer Stande, sich selbst zu helfen; die Gauchos waren es, welche die Feuer anfachten und die Flammen mit hochgehaltenen Planen vor dem niederströmenden Regen schützten. Einen unauslöschlichen, wild romantischen Anblick bot das Lager: der Helle Schein, den die Feuer warfen, durchbrach die Finsterniß in weitem Bogen: kauernde Weiber, auf ihrem Schoße den Kopf der ermattet hingestreckten Männer, in den Armen von Hunger gequälte Säuglinge, auf dem Boden vom Schlaf überwältigte Kinder! Nur der Gaucho stand aufrecht, den entfeffelnden Elej menten die Stirne bietend, die große Gestalt in seinen Shawl, den „Poncho" gehüllt, auf dem Haupt den breiträndrigen Filzhut, von dem das Waffer heruntertriefte, das von der Sonne gebräunte Gesicht durch den Feuerschein beleuchtet, bot der Gaucho einen imponirenden Anblick. Bis nach 4 Uhr Nachmittag waren die Neuangekommenen nüchtern geblieben und alles, was sie dann zu sich genommen, war der Zwieback, den wir ihnen in Carlos Cacares vertheilen ließen. Gegen 2 Uhr Nachts kehrten die Fuhren mit den Leuten, die aufgefunden wurden, erst nach 3 Uhr Nachts kehrte Ingenieur Terracini mit den Gauchos zurück; auch sie hatten mehrere im weiten Feld aufgelesen, die von den Gauchos mit aufs Pferd gehoben wurden. Allmählich hörte das laute Jammern und Wehklagen auf, sie hatten sich alle matt geschrieen und ihre Stimme die Kraft verloren, aber der Pampero, der mächtige Wind der Pampa, heulte weiter. Der Morgen graute, aber mit dem anbrechenden Tag hat sich der Sturm nur wenig gelegt und der Regen nicht aufgehört. Im Laufe des Tages langten endlich die Zelte an — aber es waren nur 29 Stück. In Buenos Aires hatte man gerechnet, daß in jedem Zelt l0—12 Personen bequem Platz fänden, es war aber nicht möglich, mehr als 6 Personen in jedem Zelte unterzubringen. Wir ließen die Zelte in nächster Nähe des Administrations-Gebäudes aufschlagen und vertheilten diese vorerst an diejenigen Familien, welche kleine Kinder hatten. Es regnete unaufhörlich weiter und die Zelte waren ein um so geringerer Schutz gegen die Witterung, als sie zum größten Theil ganz durchlöchert waren. Sie wurden aber als neu gekauft und cs scheint, daß die Lieferanten bei der Versendung entweder sich geirrt hatten, oder — uns beirren wollten. Noch hatten nicht alle Familien Unterkunft und ein dritter Transport, diesmal aus 400 Einwanderern bestehend, wurde uns avisirt. Unsere telegraphischen dringenden Vorstellungen wurden mit der vertröstenden Drahtantwort, daß Zelte mitkommen, beantwortet. Immigranten und Zelte langten in Carlos Casares an und da immer nicht mehr, als die schon erwähnten 7 Fuhrwerke aufzutreiben waren, war dieselbe Noth, die schon am 26. August durchgemacht wurde, nochmals zu überstehen; der Regen hatte aber glücklicherweist aufgehört und obzwar der Boden noch ganz durchtränkt und tiefe Finsterniß wieder eingetreten war, hat diesmal der Transport schneller Mauricio erreicht. Wir müssen noch bemerken, daß auch diese dritte Expedition ungespeist in Carlos Casares eintraf. — Die Familien, welche diese dritte Expedition bildeten, waren glücklicher, in Mauricio erwartete sie warme Suppe und große Portionen Fleisch. Warme Suppe und Fleisch! Wie lange halten sie weder Suppe noch Fleisch genoffen. Wenn Mauricio ihnen vorläufig kein sicheres Dach bieten konnte, so fanden sie hier wenigstens so laug entbehrte kräftige Nahrung. (Fortsetzung folgt.)