Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 61 (31.7.1893)
- Date
- 1893-07-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIV. Jahrgang. Beilage zu M 61 des „Israelis. Leitender Artikel. 1 Die Kolonien des Maron Kirsch. 8 Von Lucien Gerbel. g (Nachdruck verboten.) I (Fortsetzung.) § Die Einrichtung und Verwaltung der ersten Colonie 1 des Baron Hirsch in Argentinien wurde uns anvertraut. | Den 25. August 1891 führten wir die erste aus 58 kräftigen jj Männern bestehende Expedition (wir suchten die Unverheira- 8 theten heraus) nach Mauricio, um dort die dringendsten | Vorbereitungen für den Empfang und die Installation der | nachkommenden Familien zu treffen. Schon den nachfol- I genden Tag sollte der ganze, aus 350 Personen bestehende Rest der im Jmmigranten-Hotel in Buenos Aires sich befindenden jüdischen Familien nachgeschickt werden. Die Zeit, welche uns für die Empfangsvorbereitung übrig blieb, war also nur sehr gering; es war aber nicht möglich, die Familien in Buenos Aires länger zu belassen — weil für den 27. August neue Einwanderer aus Europa erwartet wurden und das Hotel von andern, christlichen Einwanderern überfüllt war. Um 7 Uhr früh verließ die kleine Expedition per Eisenbahn die Hauptstadt. Die Männer, die wir auserwählt hatten, waren stolz, die „Pioniere" zu sein. Herr Ingenieur Augusto Terracini, Königl. Italienischer Artillerie-Capitain der Reserve, begleitete uns; er war uns zugetheilt, um die technischen Arbeiten auf der Colonie, als Parzellirung, Häuserbau, Trassirung der Straßen rc ic. zu leiten. Wir hatten die Centrale in Buenos Aires avisirt, den zur Reise Commandirten eine doppelte Ration Brot für die j Reise mitzugeben; dies wurde aber versäumt. Gegen 10 j Uhr Vormittags langten wir in Mercedes an, das ist die j erste große Zwischenstation. Hier wurden wir von den Ein- Wanderern darauf aufmerksam gemacht, daß sie noch nichts \ zu sich genommen hätten. Da am Bahnhof in Mercedes jj kein Brot käuflich zu erhalten war, ersuchten wir telegra- \ phisch den Stationsvorstand der nächsten größeren Station, z Chivilcog, 60 Kilogramm Brot zu besorgen und telegraphir- \ ten gleichzeitig der Centrale, dafür zu sorgen, daß den nachj zukommenden Transporten Brot für die Reise mitgegeben I werde, aber regelmäßig wurde dies versäumt Wir halten I uns mit diesem kleinen Vorkommniß auf, weil wir darauf i Hinweisen wollen, daß es außerordentlich wichtig ist, vom j Anfang an dafür zu sorgen, daß die Einwanderer durch j Versäumnisse nicht entmuihigt werden. Bis dahin hatten sie doch genug Entbehrungen erleiden müssen und eine sehr schwierige Aufgabe stand ihnen noch bevor. Um 4 Uhr Nachmittags trafen wir in Carlos Casares ein. Carlos Casares ist ein Flecken, der kaum 2 Dutzend Häuser zählt. Das Gepäck der Immigranten ließen wir auf einen großen Wagen laden und die Leute selbst mußten die 15 Kilometer nach Mauricio zu Fuß zurücklegen. Nach 3'/2 ständigem flotten Marsch langte der kleine Zug unter Gesang und Hurra-Rufen in Mauricio ein. Zelte hätten per Eilgut von der Centrale herausgeschickt werden sollen, waren aber noch nicht eingetroffen, da sie von Buenos Aires per gewöhnliche Fracht expedirt wurden, ebenso hätten Kochgeschirre, die wir in Buenos Aires gekauft hatten, schon in Mauricio sein müssen. Die Leute mußten sich mit einer Portion Zwieback, welche wir ihnen vertheilen ließen, begnügen und — abwarten. Ein großer Schuppen aus Maisstroh mit durchsichtigem Dach, der bis dahin als Schweinestall verwendet wurde, mußte geräumt, gereinigt werden und unseren ermüdeten Colonisten ein Obdach bieten. Telegraphisch ersuchten wir die Centrale in Buenos Aires, die für den nächsten Tag anberaumte Expedition der Familien zurückzuhalten. Wir informirten, daß Regenwetter eingetreten war; zu dieser Jahreszeit (Winter) hält der Regen gewöhnlich mehrere Tage an und ist an ein freies Campiren nicht zu denken. Es scheint aber, daß unsere Vorstellungen nicht berücksichtigt werden konnten, denn wir erhielten den folgenden Tag die telegraphische Nachricht, daß die 350 in Buenos Aires Zurückgebliebenen schon unterwegs nach Mauricio sind. Noch immer keine Zelte und den 350 Familien mußte Schutz vor Kälte und Regen gegeben werden! Am 27. August um 4 Uhr Nachmittags trafen die Avisirten in Carlos Casaren ein. In der ganzen Umgebung hatten wir nur 7 große Fuhrwerke auftreiben können, mit denen wir sie am Bahnhof erwarteten. Frauen, Kinder und das Gepäck wurden aufgeladen und die Männer und die Halberwachsene mußten den Weg nach Mauricio zu Fuß zurücklegen. Es regnete in Strömen, ein kalter Wind wehte und man mußte unwillkürlich beim Anblick dieser unendlichen Ebene, auf welche sich vom Himmel ein nicht endenwollender Regen schüttete, an die Sintfluth denken. Da der starke Regen schon seit 24 Stunden anhielt, war der Boden ganz eingeweicht und die Marschirenden konnten nur langsam vorwärts. Die Fuhrwerke kamen auch nur langsam von der Stelle und trafen in Mauricio erst nach 8 Uhr ein. Das Klagegeschrei und das verzweifelte Jammern der bis auf die Haut durchnäßten Frauen, als sie in Mauricio eingetroffen, sahen, daß dieses Mauricio, das so heiß ersehnte Land, nichts als eine ungeheure naffe Graswüste ist, war herzzerreißend. Die Marschirenden waren sehr zurückgeblieben, ein Theil war nach Mitternacht eingetroffen. Nun suchten die Weiber ihre Männer, die Männer ihre Weiber und wer die Seinigen, die zu ihm Gehörenden nicht sogleich fand, stimmte mit in das Klagen ein und die verzweiflungsvollen Rufe, welche das Heulen des Sturmes zu übertönen