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Der Israelit · 1893-07-31 · Heft 61 (31.7.1893) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 61 (31.7.1893)
Date
1893-07-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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WW»U 1173 Kind kam nicht zum Vorschein. Der Tag neigte sich seinem Ende zu und die Angst und die Aufregung, sowohl der Eltern, wie auch die der Dorfbewohner stieg auf's Höchste. Man durchsuchte alle Hofraithen, die Scheunen, die Ställe, die Gärten, das nahe Feld — das Kind fand sich nicht. Truppweise zogen die Dorfbewohner mit Laternen in den Wald und kehrten ohne das Kind zurück. Der Schmerz, die Angst und die Verzweiflung der Eltern waren grenzenlos. Da blieb kein Winkel im Dorfe undurchsucht, kein Plätzchen, kein Strauch, kein Gebüsch, wo man es nicht zu finden hoffte. Auch Rahel war in großer Aufregung. Sie durchsuchte das Haus vom Speicher bis zum Keller, die Scheune, die Ställe, den Garten; überall rief sie den Namen des Kindes — vergeblich. Sie suchte die Eltern auf und tröstete diese; das Kind würde sich wohl wtederfinden. „Aber wenn ihm ein Unglück zugestoßen ist?" rief die unglückliche Mutter, „wenn Zigeuner es geraubt und fortgeführt haben, wer gibt mir mein Kind wieder?" und indem sie ein herzzerreißendes Schluchzen erschütterte, fiel sie auf die Erde, rauste sich das Haar und schlug um sich wie in Krämpfen. Die Dorfbewohner sammelten sich vor dem Hause der unglücklichen Eltern und besprachen das räthselhafte Verschwinden des Kindes. „Man muß es der Polizei, dem Bürgermeister anzetgen", rief jetzt einer, „daß die Behörde es überall hintelegraphirt." Dieser Vorschlag fand Beifall; schon wandten sich eine Anzahl Leute nach dem Hause des Ortsvorstehers, als hinter denselben ein gelles Lachen ertönte und eine heisere Stimme rief: „Geht nur hin; geht und meldet es der Polizei; diese findet das Kind ebensowenig wie Ihr. Aber ich will Euch einen Fingerzeig geben, nnd wenn Ihr dem nachgehet, so werdet ihr das Kind, wenn vielleicht auch nicht mehr lebendig antreffen." Tiefe Stille folgte diesen Worten; es war das unheimliche, düstere Schweigen, welches dem Sturme vorangeht. Jeder wartete mit verhaltenem Athem auf die Worte, welche Aufklärung in das schreckliche Geheimniß bringen sollten und jedem bangte unbewußt vor diesen Worten, denn der, welcher gesprochen, war als ein roher und gewaltthätiger Mensch bekannt, der mehr als er vertragen konnte, der Flasche zusprach. Was wußte er von dem Kinde? Sicher nichts Gutes. „So sprich doch", rief man ihm zu, als er noch immer schwieg. „Ja, sprich!" riefen viele Stimmen, „wenn Du nicht betrunken bist." „Ich bin nicht betrunken, aber man sollte meinen, Ihr wäret es alle, daß Ihr keine Ahnung habt, wo das Kind ist. Geht hin zum Juden, der kann es Euch vielleicht sagen." Die Dorfbewohner sahen sich gegenseitig ver« ständnißlos an; doch der Mann fuhr fort: „Ihr seit doch recht einfältige Bauern; wißt Ihr nicht, daß die Juden jetzt bald ihr Osterfest feiern und daß sie Christenblut dazu gebrauchen?" Kaum war das Wart gesprochen, da erhob sich ein unheimliches Gemurmel. Die Mienen der Bauern verzogen sich, Fäuste ballten sich und drohend richteten sich die Blicke Aller nach der Richtung, wo Benjamins Haus stand. Schon wurden einzelne Stimmen laut, welche riefen: „Er hat Recht; der Jud hat sie geschächtet; steckt ihm den rothen Hahn dafür auf's Dach, daß er selbst gebraten wird." Schon wandte sich der Haufe aufgeregter Bauern unheilverkündend nach dein Hause des nichts Böses ahnenden Inden, als ihnen ein donnerndes Halt entgegentönte. Bestürzt wichen die Wüthenden zurück. Vor ihnen standen drei Männer, der Pfarrer, der Bürgermeister und der Polizeidiener. Der Pfarrer, ein ehrwürdiger alter Herr mit schneeweißem Haupte, hatte den Tumultanten das Halt zugerufen und als er sah, daß man zurückwich, fuhr er mit gewaltiger Stimme fort: „Du hast Recht gehabt; meine Pfarrkinder sind auf üblem Wege und unsere Pflicht ist es, sie von diesem Wege abzubringen. Ja, Eurem Bürgermeister könnt Ihr verdanken, daß ich hier stehe und Euch vor Sünde und Schaden bewahren will. Was habt Ihr vor? Wohin wollt Ihr, daß Ihr Euch zusammenrottet wie hungrige Wölfe, wenn sie ihre Beute wittern? Habt Ihr das vermißte Kind gefunden?" „Nein, Herr Pfarrer", tönte es ihm entgegen; „aber wir werden es finden, lebendig oder todt." „Wo wollt Ihr es suchen?" „Beim Juden, beim Bmjamkn. Er hat es geschlachtet und das Blut —" „Ruhig, Ihr Narren, Ihr Wahnwitzigen, Ihr Tollhäusler! Wer hat Euch dieses furchtbar schreckliche Märchen vorerzählt? Und Ihr habt es geglaubt? glaubt es vielleicht noch? So lasset Euch von mir sagen, daß man Euch hintergangen, schändlich belogen hat. Ich, Euer Pfarrer und Seelsorger beschwöre Euch bei Allem, was uns heilig ist, Benjamin hat dem Kinde nichts zu Leide gethan. Seine Religion verbietet ihm, wie die unserige es uns verbietet, jedes Blutvergießen und wenn das Kind in seinem Hause wäre, hätte er es den Eltern längst zugeführt. Suchet das Kind überall, nur laßt Euch nicht verleiten, etwas zu thun, was Euch ins Zuchthaus bringen könnte."

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