Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 61 (31.7.1893)
- Date
- 1893-07-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448373--36820-2484858- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1170 blick lang schwebt es oben, dann fällt es dahin, wo es hingehört." Der Stöcker ist bereits an seinen Bestimmungsort angelangt, der Ahlwardt und die übrigen Schreier werden ihm bald folgen. Vorher wird er jedoch mit der Gesellschaft von Liebermann von Sonnenberg vorlieb nehmen müssen. Auch dessen Baggerkasten steht schon auf der Neige. Wertheim a. M., 25. Juli. In der hiesigen Gemeinde waltet insofern ein ungünstiger Zustand, als der sehr tüchtige, allgemein geachtete Herr Lehrer Thalmann durch eine langwierige Krankheit an das Lager gefesselt ist. Bereits im Vorjahre hatte Herr Thalmann unter gleicher Krankheit zu leiden. Er ist zwar Dank Gotteshilfe in der Besserung, kann aber seine Stelle nicht versehen. Aushilfe in der Schechitho leisten die Lehrer der umliegenden Gemeinden, während der greise Vorstand der Gemeinde. Herr Spiegel, an Sabbat und Feiertagen das Vorbeten und Vorlesen besorgt. Allerdings fällt es dem letzteren, der das 81. Lebensjahr vollendet und im Spätherbst die goldene Hochzeit feiert, beschwerlich. Obgleich die Gemeinde an 40 Familien zählt, ist Niemand da, der das Vorlesen besorgen kann und einen Vertreter aushilfsweise zu engagiren, mag man nicht. In Schechitha, Mikfah 2c. sind die Zustände der Gemeinde den strengsten Anforderungen entsprechend und der Gottesdienst ebenfalls. Oester.-Ungar. Monarchie. Wien, 25. Juli. Seine Majestät der Kaiser verlieh den Universitätsprosessoren Dr. Carl Samuel Grünhut und Dr. Adolf Lieben taxfrei den Hofrathstitel. Wien, 18. Juli. Wie weit die Verirrungen des Antisemitismus gehen, zeigt recht deutlich eine hiesige Korrespondenz der Berliner „Täglichen Rundschau" (Nr. 160), in der die wahrhaft philanthropischen Ansichten und Bestrebungen des Barons Hirsch für die Hebung der Juden in Galizien in wahrhaft nichtswürdiger Weise herabgesetzt werden. Da heißt es u. A.: „Zu Ende des Jahres 1889 hat der vielgenannte Baron Hirsch, der Erfinder des Türkenloosschwindels, der viele Tausende kleiner Leute um ihre Ersparnisse gebracht, jenem internationalen Spekulanten aber mehr als 100 Millionen Mark eingetragen hat, einen Theil derselben, und zwar 12 Millionen Frcs., zur Errichtung jüdischer Schulen in Galizien hergegeben. Leider hat die österreichische Regierung diese Stiftung genehmigt, während die russische Regierung eine gleiche Stiftung für die russischen Inden in Höhe von 50 Millionen Frcs. zurückwies. Nach dem neuesten Bericht der galizischen Stiftung werden 20 Schulen, gegründet von der Alliance Jsraelite Universelle (vielleicht gar wie im Orient mit französischer Unterrichtssprache?), unterstützt. Von 4000 Schülern sollen angeblich 354 zu Handwerkern in die Lehre gegeben worden sein. Da indessen jüdische Meister nicht vorhanden, die christlichen Meister aber hohes Lehrgeld für die schwierige Anlernung jüdischer Lehrlinge verlangen, so will man besondere jüdische Mufterwerkstätten einrichten, um jüdische Handwerker zu schaffen. In Wahrheit dienen die Schulen der Alliance Jsraelite Universelle und des Barons Hirsch einzig und allein der Mobilistrung der galizischen Juden, welche — leidlich vorgebildet — fortan m größerer Zahl als bisher nach Deutschland und Frankreich auswandern dürften, um dort — wie so Viele von ihnen — ihr Glück zu machen." So viel Worte, so viel Lügen. Die „Alliance" hat absolut nichts mit dieser Stiftung, überhaupt nichts mit Galizien zu thun. Der einzige Zweck dieser Stiftung ist, die galizischen Juden zu gebildeten Menschen, zu tüchtigen Handwerkern und Ackerbauern zu machen. Es ist natürlich, daß das nicht in den Kram unserer und ihrer Antisemiten paßt. Rumänien. Bukarest, 25. Juli. Aus der oberen Moldau laufen Klagen üb.r das barbarische Vorgehen ein, deren sich die untergeordneten Exekntivorgane bei Austreibung der Juden aus den Landgemeinden schuldig machen. So erzählt die sonst durchaus nicht judenfreundliche „Vocea Botoschanilor", daß im Dorfe Jbaneschti bei Dorohoiu zwei Judenfamilien wie Vieh aus der Gemeinde getrieben wurden, nachdem deren Habe von Leuten des Primars aus den Häusern geschafft und auf das freie Feld geworfen worden war. Wie das erwähnte Blatt bemerkt, begreife es wohl den Bestand eines Gesetzes, welches fremden, beschäftigungslosen Vagabunden den Aufenthalt in den Dörfern verbietet. Die Art und Weise, wie dieses Gesetz aber jetzt vollzogen werde, richte sich nur gegen die ihren Lebensunterhalt mir harter Arbeit verdienenden einheimischen Juden. Bukarest, 20. Juli. Wie cs scheint, findet man es nicht angezeigt, sich mit der Ausführung des bereits vor mehr als anderhalb Monaten gefaßten Ministerrathbeschlusses besonders zu beeilen, auf Grund dessen die Präfekten angewiesen werden sollten, Militärreservistcn israelitischer Konfession betreffs der Freizügigkeit, beziehungsweise betr. des Niederlaffungsrechtes in den Landgemeinden nicht als Fremde zn behandeln. Wenigstens wird von untergeordneten Verwaltungsorganen berichtet, welche von einer solchen Ordre keine Kenntniß zu haben vorgeben. Dagegen werden die Weisungen betr. Ausführung des den Aufenthalt von Fremden in