Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 61 (31.7.1893)
- Date
- 1893-07-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1169 und sich zu einer solchen That aufrafft, der noch Niemand bis dahin fähig war? In Paraschath Akedah sind uns viele feine Züge enthalten, welche die Seelengröße Abrahams, wie sie sich bei dieser Opferthat bekundete, uns zum Bewußtsein bringt. Dazu zählt in hervorragender Weise der Umstand, daß Abraham selbst das für den Opferbrand erforderliche Holz spaltete. Abraham fehlte es nicht an Dienern, denen er dieses eines Gottesfürsten sonst wenig würdige Geschäft hätte überlassen können. Was hätte ein Anderer, bevor er einen solchen schweren Gang thut, nicht alles zu ordnen, zu besprechen und zu besorgen gehabt, das ihn zu einer solchen Arbeit gar nicht hätte kommen lassen! Woher hätte Jemand ohne Abrahams Seelengrötze die Ruhe, die Besonnenheit hergenommen, in einer solchen Situation an etwas anderes zu denken, als an den bevorstehenden Abschied von dem heißgeliebten Kinde, mit dessen Tod alle väterlichen Hoffnungen vernichtet werden? Und Abraham spaltet selber das Holz, dessen Flammen sein Kind verzehren werden! Vor diesem Wunder der Selbstverleugnung, vor dieser Verleugnung alles, was Menschen sonst natürlich ist, tritt jedes Wunder in der Natur zurück. „Das Verdienst, welches die zwei Streiche bedeuten, mit welchen Vater Abraham sein Opferholz spaltet, spaltet seinen Kindern die Wogen des Meeres." Rabbi Levi erinnert daran, daß im Verhältniß zu der Kraft, über die Gott verfügt und derjenigen eines Abraham, das von letzterem vollzogene Wunder noch größer ist, als Gottes Wunder. Was Gott vollführen will, mag es sich innerhalb der uns bekannten natürlichen Grenzen bewegen oder außerhalb derselben, dem kann sich nichts entgegensetzen, um es zu hindern. Wäre es denkbar, daß ein Mensch und selbst ein Abraham jede menschliche Regung unterdiücken, jedes Gefühl von Liebe und Zärtlichkeit wirklich ertödten könnte, so wäre eine solche Hingebung nichts Wunderbares. Aber Abraham hatte sich sein edles, liebendes, mit jeder Fieber an seinem einzigen Kinde hängendes Herz bewahrt, selbst in dem Augenblick, als er den Gang zum Tode mit ihm antrat. Der Gang fiel ihm nicht leicht. Das verräth uns das Wörtchen Dp'i, Abraham raffte sich auf. Es bedurfte des Aufgebots seiner ganzen sittlichen Kraft, um diesen Gang zu gehen. Und er ging ihn doch! iro Nach dieser sittlichen Energie bemessen, die eine solche That erfordert, erscheint sie in ihrer wahren Größe. Daß die Gottesliebe Abrahams alle Bedenken trotzdem niederschlägt, das verdoppelt den Lohn Gottes, dem keine Regung unseres Seelenlebens sich entzieht, wi no’p -off in>: Die sittliche Größe der no’p garantirt erst die der ny*>n. Nachdem wir somit die Beziehungen zwischen den Prüfungen Abrahams und den Wundern, die seinen Kindern widerfuhren und somit den Zusammenhang der vorliegenden und vorhergehenden Mischna darzulegen versucht, wollen wir die Wunder und Schläge in Egypten und am Meere selbst näher ins Auge fassen. (Fortsetzung folgt.) AeitirrrgSrrachrichtett und Correspoudenzeu. Deutschland. Berlin, 23. Juli. (Die Antisemiten unter sich.) Eine so schmähliche Niederlage, wie sie Stöcker am Freitag Abend erlitten hat, ließ sich der theure Gottesmann gewiß nicht träumen. Seine früheren Schüler und Nachbeter sind über ihn erbarmungslos hergefallen. Es würde sich erübrigen, irgend etwas der unparteiischen Schilderung der turbulenten Scenen hinzuzufügen, wenn nicht der Verlauf der Versammlung ein Symptom der antisemitischen Volks-Krankheit wäre. Derselbe Stöcker, der durch seine Hetzereien zu Beginn der achtziger Jahre das Gift des Glaubenshasses der Bevölkerung betgebracht hat, wird jetzt von den Tollgewordenen angeschrieen und in unerhörter Weise mißhandelt. Judenpatron! Fatzke! Das sind die anständigeren Schmeichelnamen, die ihm aus der johlenden Menge zugeschleudert wurden. Und der „theure Gottesmann", der oft genug mit eiserner Stirne Angriffen entgegentrat, war aus der Fassung gebracht. Er schwang sich zwar zu der Redewendung auf, er müsse nun den Ahlwardt bekämpfen, aber er ist ein geschlagener Mann, ein todter Mann, nach dem kein Hahn mehr kräht. Daß die konservativen Tivolikrakehler aus der gestrigen Radauversammlung nichts gelernt haben, beweist heute die „Kreuzztg." Das Tivoliprogramm, meint sie, hat noch nicht gewirkt; sie hofft aber, daß es den Konservativen in ernster politischer Arbeit schließlich gelingen werde, die trübe Strömung in ein ruhiges Bett zu leiten. „Sollte aber, fährt das Blatt fort, die Bewegung immer weiter den wüsten Charakter behalten, der ihr von gewissen Führern, die den Schrei des Volkes nach Leitung (!) sich zu Nutze machen, aufgedrückt ist, so tragen die Schuld wahrhaftig nicht die, welche — vielleicht zu spät — das Berechtigte im Antisemitismus erkannten, sondern die, welche bis heute ihn durch bloße Negation und durch stete Rückenstärkung des Judenthums zu bekämpfen glauben und ihn damit nur immermehr in unheilvollen Bahnen drängen werden." — Worte, Worte, nichts als Worte. Ein bekanntes Berliner Blatt sagte erst vor wenigen Tagen: „Die Baggerkästen fördern manches Schlammgebilde zu Tage. Einen Augen-