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Der Israelit · 1893-07-27 · Heft 60 (27.7.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 60 (27.7.1893)
Date
1893-07-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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■•i ‘v *; ■ t- 1156 Wallung versetzten und denGemüthern einen höheren Schwung verliehen, aber diese Ideen waren selbst noch zu wenig geklärt, als daß sie den festen Kitt hätten abgeben können für heroische Charaktere. Das junge Deutschland, besten begabtester Führer er war, der durch seine schriftstellerischen und dichterischen Leistungen weit vorsprang aus der Linie, dieses junge Deutschland, das Polizei und Bundestag verfolgten und hetzten, ächteten und chikanirten, wo und wie immer sie es vermochten, es kam nicht dazu — oder kam doch erst sehr spät in wenigen seiner Vertreter dazu, den negativ-kritischen Standpunkt zu verlassen und jenen positiven Zielen mit Macht zuzustreben, denen seine unterwühlende Thätigkeit die Bahn freigemacht hatte. Daher die Zerfahrenheit und Zerrissenheit der Charaktere, daher das Widerspruchsvolle im Denken und Handeln, daher auch der weltschmerzliche Ton, auf den die damalige Jugend durchweg gestimmt war und der bei besonders scharf ausgeprägten Individualitäten, wie gerade bei Heine, häufig genug in zähnefletschenden Cynismus umschlug. Und doch hatten jene Männer die weicheften Herzen und dennoch wohnten die zartest besaiteten Seelen in ihrer Brust, die jeden Schmerz doppelt tief empfanden und auf jeden brutalen Angriff eines plumpen Despotismus mit leidenschaftlichem Ungestüm reagirten. Es war das die Zeit der kranken und der wunden Gemülher, denen die Sklavenketten der politischen und geistigen Unfreiheit tiefe Male eingeprägt hatten, welche bei jeder Berührung den mißhandelnden Körper vor Schmerz erbeben ließen. Und eins der wundesten Herzen hatte Heinrich Heine, der doppelt unglücklich sich mußte fühlen, weil er Deutscher war und — Jude. Was es damals hieb, Jude zu sein, davon haben wir heute, wo der Gedanke der bürgerlichen Gleichberechtigung, allen Hetzereien zum Trotz, bei dem Gebildeten und Aufgeklärten wenigstens durch nichts mehr erschüttert werden kann, kaum eine Ahnung. Der soziale Bann, der damals auf den Juden lag, machte sich doppelt schmerzlich fühlbar in den Kreisen des gebildeten und namentlich des reformirten Judenthums. Daher denn auch die Uebertritte zum Christenthum, die damals so häufig erfolgten, und die doch Nichts weiter waren, als eine steige Konzession an das stupide Vorurtheil, welches den Juden einfach alle Rechte absprach und dem strebenden Juden alle Aussichten des Vorwärtskommens abschnitt. Auch Heine gehörte zu denjenigen, die aus Gründen der Zweckmäßigkeit zum Christenthum übergetreten waren. Er hoffte, daß dieses Auskunftsmittel, zu dem er nur schweren Herzens gegriffen, ihm die Bahn freimachen, daß es ihm die Hindernisse aus dem Wege räumen würde, die ihm bisher den Zutritt zu einem seinen Fähigkeiten angemessenen Wirkungskreis versperrt hatten. Aber er hatte sich gründlich verrechnet. Auch den getauften Juden verfolgte noch die borntrte Unduldsamkeit, auch jetzt konnte er noch immer nicht jene Gleichberechtigung sich erringen, für die seine leidenschaftliche Dichterseele erglühte. Er war und blieb „der Jude Heine." Selbst Graf von Platen, der ein Dichter war und durch seine Bildung weit sich erhob über den gemeinen Haufen — selbst er schleuderte Heine seine jüdische Abstammung als entehrenden Vorwurf ins Gesicht. Das hat ihm Heine allerdings übel vergolten, wie er denn überhaupt allen denen bös mitspielte, welche ihn beleidigten. Denn Heine war rachsüchtig. Kurz und gut: Das Charakterbild des Menschen Heine hat allerhand garstige Verunstaltungen aufzuweisen. Daß aber dieser selbe Mann, als er in Paris durch schlimmes Stechthum in seine moderige Matratzengruft gebannt war, durch einen geradezu bewundernswerthen Heroismus sich hoch über sein bisheriges Thun und Sein erhob; daß er in den langen schlaflosen Nächten, wenn die körperlichen Schmerzen ihn fast verzehrten und die seelischen Qualen ihn beinahe wahnsinnig machten, seinem zermarterten Geiste jene schaurig-schönen Dichtungen abrang, die noch heute eine Zierde unserer Literatur sind; daß damals ein gründlicher Läuterungsprozeß sich in dem todkranken Dichter vollzog — das weiß unter Hunderten kaum Einer. Wenigstens weiß die große Menge Nichts davon. Und doch ist diese Wissenschaft unerläßlich, wenn man das Charakterbild Heine's, das sich aus so unendlich vielen, einander oft genug widersprechenden Einzelzügen zusammengesetzt, richtig soll beurtheilen können. Aber auch, daß Heine ein Patriot war, der mit glühender Seele sein Vaterland liebte und dessen Bedrücker mit wilder Leidenschaft haßte, wissen wenige nur. Der Schein spricht gegen ihn. Weil er mit den schmerzhaften Geißelhieben seiner Satyre und jenes, aus blutendem Herzen entstammten, Sarkasmus das deutsche Volk zum Bewußtsein seiner nationalen Würde ausstacheln wollte; weil er über seine Fehler und Schwächen mit zuckendem Munde sich lustig machte und in höhnisches Lachen ausbrach, wo er heiße Thränen hätte weinen mögen, deßhalb haben Uebewollende und Kurzsichtige seinen Patriotismus verdächtigt. In manchen Kreisen gilt Heine als Deutschen-Haffer und Franzosen- Freund. . . . Aus allen diesen Günden würde ein Heine-Denkmal im günstigsten Falle dem Volke Nichts sagen. Bon der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Cbaracterbtld in

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