Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 60 (27.7.1893)
- Date
- 1893-07-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage ju M 60 -es „Israelit". Leitender Artikel. Gin Keine-IenKmat in Mainz V (Kritische Betrachtungen eines deutschen Heine-Verehrers.) Soll Heine, dem Dichter der Loreley, in Mainz ein Denkmal errichtet werdend Ursprünglich lautete die Fragestellung anders. Es handelte sich zuerst darum, ob Düsseldorf, die Geburtsstadt Heinrich Heine's, seinem berühmten Sohne ein Denkmal setzen und so weniger diesen, als vor allen Dingen sich selbst ehren solle. Die Stadtweisen von Düsseldorf haben die Frage verneint — kleinliche Beschränktheit, mit der der Dichter im Leben so oft zu kämpfen hatte, und religiöse Intoleranz haben die schöne Stadt am Rhein um ein Kunstwerk gebracht, das ihr sicher zur dauernden Zierde würde gereicht haben. Großes und begreifliches Aufsehen hat der Beschluß der Düsseldorfer erregt. Es konnte daher kaum auffallen, daß eine andere rheinische Stadt, Mainz, sich aus völlig freiem Antrieb dem Denkmal-Comite gegenüber anheischig machte, den Platz zur Errichtung des Heine-Denkmals herzugeben. Dieser Entschluß macht zwar dem Herzen der „ästhetischen Kommission" in Mainz alle Ehre, dennoch aber ist er unklug und unüberlegt im höchsten Grade. Ich werde meine Behauptung beweisen. Verdient Heine ein Denkmal? Diese Frage müssen wir uns zunächst beantworten, um den festen Punkt zu gewinnen, von dem aus die Denkmal-Angelegenheit beurtheilt werden muß. Wenn Denkmäler einen vernünftigen Zweck haben sollen, so kann er doch nur darin bestehen, daß durch sie das Volk an seine großen Todten erinnert wird, daß im Aufblick zu ihnen sein Fühlen und Denken einen höheren Aufschwung nimmt und daß vor allen Dingen die leicht empfängliche und begeisterungsfähige Jugend durch sie angespornt wird, dem Beispiel der Männer nachzueifern, deren Andenken hier im Bilde verewigt ist. Hieraus folgt wiederum, daß nur wirklich große Männer, deren Größe unbestritten ist, daß nur solche Personen der Ehre eines Denkmals theilhaftig sollten werden, deren Leben mit der Kraft des schönen Beispiels den Nachgeborenen hohe Tugenden predigt und gegen deren weit über das Maß des Gewöhnlichen hinausgehende vaterländische Be- *) Unsere Leser wissen, daß in erster Linie religiöse Gründe gegen die Errichtung eines Denkmals für einen Inden vorhanden sind, die Anführung anderer Bedenken erscheinr demnach überflüssig; trotzdem glaubten wir dieser Auslassung eines hervorragenden nichtjüdischen Philosemiten im Interesse des konfessionellen Friedens die Aufnahme in unserem Blatte nicht versagen zu^können. Red^d. Jsr. deutung sich ein berechtigter Einwand nicht erheben läßt. Ich weiß wohl, daß diese Rücksichten gar häufig außer Acht gelassen und daß manchmal Denkmäler für Leute errichtet werden, die diese Ehre in keiner Weise verdient haben. Aber so sollte es doch nicht sein. Daß solche Fälle Vorkommen, daß sie nicht einmal zu den seltenen zählen, ändert nichts an der grundsätzlichen Richtigkeit meiner Behauptung. Die Frage wäre nunmehr die, ob Heine solch' ein bedeutender und vorzugsweise begnadeter Mann gewesen, ob sein Leben und sein Thun geeignet sind, vorbildlich zu wirken. Bedeutend war Heine und gewiß auch hochbegnadet. Bedeutend vor allen Dingen und vor allen andern begnadet als Dichter und als sprachgewaltiger Publizist. Doch sein Leben und Wirken weist düstere Punkte aus, es ist nicht immer geeignet, der Jugend als Vorbild zu dienen und edle, hochherzige Entschlüffe in ihr entstehen und reifen zu lassen. Heinrich Heine hatte die Fehler seiner Vorzüge: Wo viel Licht, da ist auch viel Schatten. Seiner hervorragenden dichterischen und publizistischen Begabniß entsprechen seine Schwächen, seine Fehler und seine Unarten. Er war, wie alle lyrischen Dichter, ein Mann von stark ausgeprägter Subjektivität. Er hielt große Stücke auf sich und war darum häufig ungerecht gegen Andere, die ihm nicbt so bedingungslos ihre Anerkennung zollten. Sein leidenschaftliches Naturell, sein hochfliegender Geist führten den genialen Dichter aus den Niederungen des AlltagstretbkUs zu den höchsten Höhen künstlerischer Vollendung empor — aber unten und seitwärts gähnten Abgründe, in denen die Schlangen schlimmer Leidenschaften lauerten, die giftig zu ihm ewporzischten. Und er besaß nicht die Kraft und die Sicherheit, sich dauernd auf der Höhe zu halten. Sein Fuß glitt oft aus; er strauchelte und sank hinab in den Abgrund. Das war dann jedesmal ein Festtag für die Schlangen und das andere ekle Gewürm. Wer hübsch an der Erde bleibt; wer kein Hochflieger ist und sich nicht emporzuschwingen versucht zur Sonnenhöhe des potenzirten Daseins, der hat solche Gefahren nicht zu befürchten. Die goldene Mtttelstraße ist breit uud bequem gepflastert; man kann sie in dunkler Nacht begehen und rtskirl höchstens einen Rutsch in den schlammig-weichen Chausseegraben. wobei man sich schlimmstenfalls die Hosen schmutzig macht. Heine lebte außerdem in einer Zeit, die der einheitlichen Entwickelung der Charaktere nicht besonders günstig war. Die Charaklerlosigkeit domintrte damals in Deutschland. Wohl waren die jungen Köpfe angefüllt mit neuen Ideen, die das Blut in