Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 60 (27.7.1893)
- Date
- 1893-07-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1154 Müller hatte es nicht um ihn verdient, aber Louise war die Tochter seines Freundes. Und mit wem der Jude Freundschaft geschlossen, dem hält er sie auch, dem bewahrt er die Treue bis über das Grab hinaus. Die Tochter des Freundes durfte er nicht verlassen; die Ehre des Verstorbenen mußte rein gehalten werden und wenn er auch ein Opfer bringen mußte, so war das ein Opfer, das er dem Freunde brachte. Es galt also kein Besinnen und Ueberlegen. Ernst machte er der erstaunten Frau ihre Lage klar. Louise war es, als stürze der Himmel über ihr ein Sie preßte ihre Hände vor das Antlitz und weinte bitterlich. Benjamin tröstete sie, so gut er konnte und versprach, alles, was in seiner Macht stehe, zu thun, um das drohende Verhängniß aufzuhalten. Nach und nach wurde die junge Frau ruhiger. Sie berieth mit dem Freunde, was zu thun sei und war bereit, das zu thun, was er ihr rieth. Es hatte schon längst Mittag geläutet, als Benjamin endlich die Mühle verließ. Sinnend ging er seines Weges; er hatte heute eine große Verantwortung übernommen und er war nickt sicher, ob nicht auch hier Undank der Lohn dafür war. Mochte es so sein; er that seine Pflicht und konnte sein Thun vor Gott und seinem Gewissen verantworten; was gehen ihn die Menschen und ihr Urtheil an! Als Benjamin von der Mühle nach Hause kam, erwartete ihn Rahel. An seinen Mienen erkannte sie, daß er nichts Gutes zu berichten habe und da er schwieg, fragte sie ihn nicht, sondern wartete geduldig, bis der Vater von selbst sprechen werde. Einförmig flössen die Tage dahin, einer wie der andere. Benjamin war jetzt fast täglich auf der Mühle oder er verreiste im Interesse der Mühle. Als die vielen Gläubiger des Müllers sahen, daß Benjamin das Interesse der jungen Frau wahrte, drängten sie nicht mehr; Benjamin brachte einen Vergleich zu Stande, in welchem er große Opfer bringen mußte, durch den jedoch die Ehre des Namens seines Schützlings gerettet, das Andenken seines verstorbenen Freundes nicht entehrt wurde. Als Benjamin der jungen Frau endlich das Resultat seiner Arbeit mtttheilen konnte, da fiel sie dem Juden um den Hals und weinte Freudenthränen. Ihr guter Name war gerettet und im Uebermaße ihres Glückes sagte sie: „Ihr habt mich vom Tode gerettet, Benjamin, sagt, wie kann ich Euch danken, wie Eure Mühe lohnen?" „Ich verlange weder Dank, noch Lohn von Dir", versetzte dieser; „ich that nur meine Pflicht." „So wird Gott Euch das lohnen, was ich Euch nicht lohnen kann." „Er wird mein Thun wägen und mir vergelten nach dem Werthe meiner Werke." Auf der Mühle ging cs jetzt wieder wie ehemals zu. Nach und nach erfuhr Louise all' die schändlichen Dinge, die sich der Verwalter zu Schulden hatte kommen lassen und sie war froh, daß ein Zufall diesem schurkischen Treiben ein Ende gemacht hatte. Hätte dieser Elende noch ein halbes Jahr so weitergewirthschaftet, so hätte sie als Bettlerin ihr väterliches Erbe verlassen können. Daß cs ihr jetzt erhalten blieb, verdankte sie — dem Juden. (Fortsetzung folgt.) Der „JSrarlit* erscheint wöchenLi«b zweimal, Montag» und Donnerstag», jedesmal in mindestenzwei Bogen. Ureide- Jahrgangfür Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'- Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch de» Buchhandel pt tzrprhr« bei C. $. KtrtnarKe r, Lrtpjtg, Doßplah 16. — Inserate 25Pfennig die dreigespaltene Petitzeile oder deren -kam». — Oesterreichische Banknoten laut Tour«. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich U Reichs-Mark oder 8 st. öfterr-, für'- Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Eine Rücksendung von ritt die Redaetio« eingesandten Manuskripte« findet nicht stntt, «n« bittet de-halb sich von alle« Einsendungen eine Kopie znrückzubehalte». Inhalt (Hanptdlatt): Leitender Artikel: Sprüche der Väter. — Zeitungsnachrichten u. Korrespondenzen: Deutschland: Soden am Taunus. Gießen. Berlin. Kassel. Posen. — Oesterr.-Ungar. Monaichie: Budapest. Boskowitz. — Rußland: Petersburg. — Frankreich: Paris. — Palästina: Hebron. — Feuilleton: Die drei Kronen. Von H. Berger (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Ein Heine-Denkmal in Mainz? Kritische Betrachtungen eines deulschen Heine-Verehrers. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Posen. Leipzig. — Oesterr.-Ung. Monarchie: Prag. — Vermischtes. Inhalt der zweiten Beilage: Leitender Artikel: Die Kolonien des Baron Hirsch. Von Lucien Gerbe! (Fortsetzung.) Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: OScar Leh»nann in Mainz. — Expedition des „JSraelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Maittz. Hierzu drei Beilagen sowie die neunte Lieferung der Erzählung „Znr rechten Zeit" von Dr. M. Lehman« V'xf.