Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 60 (27.7.1893)
- Date
- 1893-07-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1153 stalten, die wie eine Heerde verscheuchter Lämmer in einer Ecke stehen und scheu um sich blicken, denen Noth, Sorge und Elend, Hunger. Gram und Kummer ihre Runen mit eisernem Griffel in's Gesicht gegraben, treibt sie auch ein unbestimmter Drang in die Fremde? Sind Heimath, Liebe. Vaterland auch ihnen nichts? Kennt Ihr sie nicht, die Aermsten? Die Heimath hat man ihnen geraubt, die Liebe kennen sie nicht; man hat sie ihnen schon in der zartesten Jugend entzogen, und das Vaterland? Ihr Vaterland stößt sie aus und arm und nackt wandern sie in die Fremde „von Volk zu Volk und von einem Königreich zu einem andern." Kennt Ihr sie nicht? Es sind die armen russischen Flüchtlinge, denen die Munificenz eines edlen Glaubensgenossen eine neue Heimath schaffen, ein neues Vaterland stiften will; wie furchtsam stehen sie da, wie bange blicken sie in die dunkle Zukunft! Sie wittern in jedem Fremden einen Feind, sehen in jedem Unbekannten einen Verfolger. Nun haben sie endlich ihr Ziel erreicht; die goldene Freiheit winkt ihnen jenseits des Weltmeeres und der Abschied von der heimathlichen Erde wird ihnen trotzdem schwer. Curiel ist jetzt auch gekommen; Herr Samson begleitete ihn und die beiden Herren treten zu ihren Glaubensgenossen, welche, Gebete vor sich hermurmelnd die Abfahrt des Schiffes herbeisehnen. Jetzt kommt ein Polizist und revidirt die Papiere der Passagiere; sie sind alle in Ordnung. Schon wird die Brücke, die das Schiff mit dem Lande verbindet, weggeschoben. Alles, was nicht mitfährt, verläßt das Schiff. Das ist ein Händeschütteln, ein Abschiednehmen, ein Umarmen! Thränen und Seufzer zeugen von dem Trennungsschmerz. Aus dem Stimmengewirr kann man jetzt deutlich die Worte unterscheiden: de^orechecho adn’ wejischmrecho, joer ad. ponof eiecho wichunekko jisso adn. ponof eiecho wejosem l’cho scholaum; es ist Herr Samson, der den Priestersegen seinen armen Brüdern mit auf den Weg gibt, das einzige Erbe, das sie nicht verloren, das ihnen keiner rauben konnte „Illauroscho kehllas jaakauf“. Jetzt tönt die Stimme des Kapitäns; weißer Dampf wirbelt auf; schwer ächzt die Maschine; die Seile, die das Schiff festhielten, sind gelöst; rauschend wühlt die Schraube das Wasser auf, langsam schwankt das Schiff zur Seite, stolz wie ein Schwan erhebt es sich jetzt auf den Wellen und schwimmt die Elbe hinab, dem Meere zu. Beklommen stehen die Zurückgebliebenen am Ufer und winken, so lange sie den Mast noch sehen, ein letztes Lebewohl. Ja, es ist ein letztes Lebewohl, denn die wenigsten unserer Brüder sehen Europa wieder. Während die Margaretha auf dem Meere schwamm, blieb die Zeit nicht stille stehen. Unbehindert von den Menschen geht sie ihren Weg — auf Nimmerwiedersehen. Die Blüthen läßt sie zu Früchten reifen und lohnt so dem fleißigen Säemann seine harte Arbeit. Heil ihm, wenn nur die Saat aufgeht, wenn das Unkraut, das der Böse dazwischen säet, „bevor es hervorsprießt, welkt." Wehe, wehe, wenn es sprießt und gedeiht. Unbarmherzig raubt es der Saat die Nahrung und Luft und Licht und elend erstickt die Saat des Guten, wo das Unkraut, das Böse üppig wuchert. Der Saat des Bösen, dem Unkraute gleich, breitete sich der Antisemitismus in Deutschland, Oesterreich, Rußland aus. Ja, als einen Hohn der Geschichte könnte man es auffassen, das Land, welckes hundert Jahre früher die allgemeinen Menschenrechte der erstaunten Welt proklamirte, hat nach hundert Jahren vergessen, daß die Juden auch Menschen sind, denn auch in Frankreich schlägt die giftige Saat Wurzel, auch in Frankreich gibt es ün de siede Geister, denen die Ideen des Anfangs des Jahrhunderts noch fremd und unverständlich sind. Arme Thoren! Vergebens lehnt Ihr Euch auf gegen die Macht des Ewigen; vergeblich eifert Ihr gegen Israel. Euch wird es nicht gelingen, es zu vernichten, denn es steht unter Gottes Schutz, in Gottes Hut, und siehe, es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels. Louise hatte sich nicht vergeblich an den Freund ihres Vaters gewendet. Am folgenden Morgen erschien Benjamin schon in früher Stunde auf der Mühle und versuchte mit der Müllerin Ordnung in die zerfahrene Wirthschaft zu bringen. Das war aber leichter gedacht, als gethan. Je mehr Benjamin Einsicht in die Verhältnisse gewann, um so ernster wurde sein Gesicht; wenn ihn nicht alles täuschte, stand der Müller vor dem Bankerott und wie die Sachen lagen, mußte das Gericht einen betrügerischen Bankerott annehmen. Eine längere Zuchthausstrafe würde dem Müller wohl zuerkannt werden, da er doch zu leichtsinnig gewirthschaftet hatte. War das nicht die glänzendste Satisfaction, welche das Schicksal ihm geben konnte! Er, der Jude, den man so gern als Betrüger, als Wucherer gebrandmarkt hätte, stand rein, seine Ehre makellos da, während der Müller, der Antisemitenhäuptling, in Untersuchung saß und wegen betrügerischen Bankerottseiner entehrenden Freiheitsstrafe entgegensah! Konnte man es ihm verargen, wenn ein Gefühl der Genugthuung sein Herz erfüllte und er in dem über die Mühle hereinbrechenden Unheil den Finger Gottes erblickte! Aber noch war das Unheil nicht da, noch konnte es, wenn auch mit Opfern, abgewendet werden und in seine Hand war es gegeben, dieses zu thun. Sollte er dem Verhängniß seinen Lauf lassen oder sollte er mit rettender Hand eingreifen? Der