Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 60 (27.7.1893)
- Date
- 1893-07-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1151 den Anttsemtten Zimmermann im deutschen Reichstage vertreten ist. Berlin, 24. Juli. Ingenieur Carl Paasch wird am 8. August aus der Irrenanstalt der Charite, wohin er, wie wir bereits mittheilten, behufs Beobachtung seines Geisteszustandes gebracht worden ist, entlassen und wieder nach dem Untersuchungsgefängntß übergeführt werden. Wie verlautet, dürfte das ärztliche Gutachten dahin lauten, daß er zwar hochgradig nervös, keineswegs aber geisteskrank sei, so daß seine strafrechtliche Verantwortlichkeit damit im vollen Umfange vorhanden wäre. Daraufhin dürfte der Haupttermin in Sachen Brandt wider Paasch bereits im nächsten Monat zur Erledigung gelangen. Kassel, 25. Juli. Bet der Stichwahl im Wahlkreise Hofgeismar Rinteln erhielt König (Antisemit) bis jetzt 5360, Buttlar (kons.) 3295 Stimmen. Die Wahl König's ist gesichert. Posen, 21. Juli. Als einen heutzutage besonders seltenen Vorgang dürfen wir es wohl verzeichnen, daß dem am 16. d. Mts. verstorbenen katholischen Probst Maximilian v. Lukaszewicz in unserer Provinz die jüdische Gemeinde einen besonderen Nachruf widmete, in dem es zum Schluffe heißt: „Die jüdische Gemeinde Hierselbst betrauert in dem Entschlafenen einen von ihr alle Zeit hochgeschätzten, edeldenkenden, gütigen Gönner, dessen Wohlwollen sie sich jeder Zeit versichert halten durfte. Sein unvergeßliches Andenken werden wir stets in hohen Ehren halten. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde." Oester.-Ungar. Monarchie. Budapest, 21. Juli. Zur Frage der Judenreception bringt der „Zsido Hirado" heute ein ergreifendes Argument. Der Kultusminister Graf Chaky erhielt dieser Tage ein dringendes Telegramm aus Erlau von einer Frau Berta Ronai. Es hat folgenden Wortlaut: „Excellenz! Vor Jahren bin ich aus nicht näher anzugebenden Gründen vom Judenthum zum christlichen Glauben übergetreten. Ich liege nun auf dem Sterbebette, aber Gewissensbisse lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Erlauben Sie mir, Excellenz, daß ich vor meinem nahen Tode zum Glauben meiner Väter zurückkehren darf!" Der Minister war natürlich nicht in der Lage, dieser flehentlichen Bitte, zu willahren;*) die Vorlage der Judenreception ist ja noch nicht Gesetz geworden. Der Minister konnte also nur der armen Frau sein inniges Bedauern aussprechen. Da erhielt er ein zweites Telegramm: „Excellenz, die Qualen lassen mich nicht sterben. Noch einmal flehe ich Sie an, #) In Ungarn ist der Uebertritt vom Christenzum Judenthum bis jetzt verboten. Red.) lassen Sie mich zu meinem alten Glauben zurückkehren." Selbverständlich hatte das zweite Telegramm so wenig Erfolg wie das erste. Boskowitz, am 9. Juli. 1893. Heute wurde sozusagen ein Stück „Alt-Boskowitz" zu Grabe getragen. In der Nacht auf p"r verschied der im Jahre 1815 geborene Herr Josef Ascher Der Verblichene war ein Sohn armer, aber sehr würdiger Eltern, ein Enkel des weltberühmten Rabbi Löb aus Zolkiew, der lange Jahre hier die Stelle eines Rabbiners vertrat. Der Dahingeschiedene oblag den Thora-Studien unter der Leitung des weltberühmten Gaon Rabbi Juda Aszud in Szeniez, bei welchem er einer der Lieblings-Schüler gewesen, dem er eine große Anzahl der jüngern Jünger zum Unterrichte anvertraute. Auf sich selbst angewiesen, verschaffte er sich seinen Lebensunterhalt dadurch, daß er in Mähr.-Ausse als Lehrer fungirte. Als er dann in seiner Vaterstadt Boskowitz stch ein eigenes Haus gründete, verschmähte er es, von seinem reichen Wissen Gebrauch zu machen, suchte er vielmehr sein Haus durch Fleiß in seinem begründeten Geschäfte zu erhalten. Er führte dasselbe mit scrupulöser Gewissenhaftigkeit. Während dieser seiner geschäftlichen Thätigkeit, unterließ er es nicht, stch in den Thora Wissenschaften zu vervollkommen: er bethätigte das Schriftwort i£ vro arm ivvv nWn, während er bei Tag im Geschäfte angestrengt war, wachte er in der Nacht, um die heilige Lehre zu erforschen. Seiner Familie stand er als zärtlicher und aufopfernder Gatte und Vater sparsam und anständig vor. Als das Rad der Zeit im Jahre 1866 seine geschäftliche Thätigkeit lähmte, nahm er bet der Gemeinde seiner Vaterstadt Stellung an, wo er als Secretär derselben, vereint mit noch anderen ehrenvollen Berufen, fungirte. Zu Ende der 70tr Jahre wurde er unter dem großen mährischen Landes¬ und Boskowitzer Local-Rabbiner Herrn Abrah. Placzek zum Rabbinats Assessor ernannt, und führte er mit seltenem Pflichteifer und Gewissenhaftigkeit nach dem zu Ende 1884 erfolgten Hinschetden des Letzeren, die Agenden des Rabbinates, bis ein tückisches Leiden ihn vor 4 Jahren ans Krankenlager warf. Bei seiner sprichwörtlich gewordenen Klugheit wurde er oft um Rath angegangen, welchen er auch stets bereitwilligst kurz, aber markig ertheilte. Die Leichenfeier fand, wie selbstverständlich, unter reger Betheiligung statt. Im Trauerhause schilderte der Schwiegersohn des Verblichenen, Herr Abrah. Deutsch, Religionslehrer in Brünn, in beredten Worten die Verdienste des Dahingeschiedenen, während dessen Sohn, der Religions- und Communal- Schullehrer in Wien, Herr Herrmann Ascher, ihm