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Der Israelit · 1893-07-24 · Heft 59 (24.7.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 59 (24.7.1893)
Date
1893-07-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1136 aufsteigen, brachten Friedensopfer dar und das Volk setzte sich dann zu essen und zu trinken und sie erhoben sich zu spotten". Die Reformbewegung trägt in sich nicht allein den Keim des Verfalls, sondern, was noch viel mehr ist, den der — Lächerlichkeit. Zur Zeit, da man wieder begonnen, in Religionssachen auf die Zeitflrömungen auszuspähen, war man voller Begeisterung für die Reform, pries man sie als eine göttliche Errungenschaft, brachte auf ihrem Altäre Opfer dar, glaubte sich in dem wahren Besitz alles Heils und blickte mit tiefem Mitleide auf all jene „Dunkelmänner", die der lichtvollen Bewegung fern geblieben. Die Herrlichkeit war jedoch von einer allzukurzen Dauer. Die Begeisterung schwand, die Opfer hörten auf, das „aufgeklärte" und „erleuchtete" Volk fand mehr Gefallen an den Sinnengenüssen, „es setzte sich zu essen und zu trinken und erhob sich — zu spotten." Welche Thorheit, dachte das „erleuchtete" Volk, einem Gotte zu huldigen, den wir uns gemacht, der das Werk unserer Hände ist. Und das Volk huldigt nicht mehr der Reform und die Reformhelden, welche zu Beginn ihrer Thätigkeit Hymnen zu Ehren des aufgegangenen Morgenroths angestimmt, sie klagen heute in gar wunderlichen Jeremiaden über das klägliche Fiasco der Reform. In wunderlichen und fügen wir gleich hinzu und staunenerregenden Jeremiaden l Sind denn die Anwälte der Reform wirklich enttäuscht worden? Hatten sie denn nicht Verstandesreife genug, um dieses Ende vorauszusehen? Könnten sie denn auch nur einen Augenblick glauben, daß eine Religion, die zum Spielballe in der Hand der Menschen herabstnkt, auf die Dauer fesseln w rde? Wahrlich nein! Sie konnten dies nicht glauben, sie wurden auch nicht enttäuscht, sie sahen vielmehr das Ende voraus, und eben deßhalb, weil sie gesehen, was kommen werde, weil sie von der Reform mit matematischer Gewißheit den Zerfall der Religion erwartet, eben darum verlangten sie, sehnten sie sich nach Reform. Man scheute sich, die Leugnung der Göttlichkeit des Judenthums offen einzugestehen, trug Bedenken, die Religion als nur für die ungebildete Masse geeignet hinzustellen, wollte auch nicht durch offenen Bruch mit dem Judenthume die frommen „Finsterlinge" reizen und verlangte deßhalb — Reform. Allein "n$>nn TO^naa jwyö , der tatsächliche Bruch mit der Thora, welcher als Folge der Reform erscheint, lag dem Rufe nach Reform zu Grunde. Die Leugnung der Göttlichkeit d<s Judenthums verhält sich zur Reform, wie die Ursache zu ihrer Wirkung. Und die Reformhelden eröten nicht Jeremiaden anzustimmen über die Ueberhandnahme der Jrrereliziosität in ihrer Mitte, der Jrrereligiosität, die ja der Ausgangspunkt ihrer Reformwünsche war? Und die „Bibelkritiker" wagen es noch über Lücken und Entstellungen in der Thora zu faseln? Schlaget auf das fünfte Buch der Thora, leset den ersten Satz desselben und — erötet. „Chazeroth Wedi - Sohobh" dieser scheinbare Mangel der geschichtlichen Objektivität der Thora, reißt Euch die Maske vom Gesichte, enthüllt die geheimsten Regungen Eures Herzens und gewährt uns einen liefen Einblick in die das Licht scheuende Werkstätte Eurer Reformarbeit. Ehazeroth, Leugnung der göttlichen Sendung Moschehs, der Göttlichkeit der Thora bildet mit Di-Sohobh der Forderung der Reform e i n Ganzes, eine That. Die äußere Reihenfolge von Di-Sohobh und dann Chazeroth, erst stürmisches Verlangen nach Reform zur angeblichen Verinnerlichung und Läuterung der Religion und dann scheinbar unerwartete Leugnung der Göttlichkeit der Religion und völlige Losreißung von Gott. Die Thora jedoch, welche auf den Grund der Ereignisse schaut, den innerlichen Zusammenhang derselben kennt, die Thatsachen von psychologischen Standpunk: betrachtet und die im Hintergründe wirkenden Geschichtsmotive darstellen will, sie verräth uns durch die umgekehrt angeführten Reihenfolge der geschichtlichen Thatsache von „Chazeroth Wedi- Sohobh", daß, wenn auch zeitlich der Bruch mit Gott auf die Reform folgte, im innern Seelenprozesse ging „Chazeroth" die Leugnung der Göttlichkeit der Thora, Di-Sohobh, der Reform voran, war jene der Boden, aus dem diese ihre nährenden Säfte zog, so war diese der Quell, dem die Reformwogen entströmten. Der Sinn der Umstellung genannter Ereignisse ist aber mit dem bereits Erörterten noch lange nicht erschöpft. Die Reihenfolge von „Chazeroth" und „Di-Sohobh" verräth uns nicht allein die verborgenen Triebkräfte jener Ereignisse, läßt uns nicht blos die geheimen Pläne der nach Reform Verlangenden durchschauen; sie wirft auch ein Streiflicht auf das Verhallen der wenigen Treuen zur Zeit, da jene Thalsichen sich vollzogen und zeigt uns deren Schattenseiten. Müssen wir uns nicht fragen, wie kam es, daß die Treuen in Israel müßig der Anfertigung des goldenen Kalbes zugesehen? Hat denn der Blitz am Choreb nicht in so vielen Herzen gezündet, der Donner am Sinai in so wenigen Herzen einen Wiederhall gefunden, daß das Verlangen des Volkes nach einem reformirten Gotte nicht sofort einen

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