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Der Israelit · 1893-07-24 · Heft 59 (24.7.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 59 (24.7.1893)
Date
1893-07-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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WWWWW XXXIV. Jahrgang. Erste SeUage M M 59 des „Israelit". Leitender Artikel. □n? m nnsn Hhajeroth Wedi-Sostovst. Von Rabb. Dr. M. Jung, Ung. Brod. Werfen wir einen Blick in den Hintergrund des traurigen Ereignisses zu Chazeroth. Die Anbeter des goldenen Kalbes machten aus ihrem sie in ihrem Abfalle von Gott leitenden Prinzipe kein Hehl; sie motivirten ihre Aufforderung zur Anfertigung des Kalbes mit den Worten: „Auf, mache uns einen Gott, der vor uns herziehen soll." Sie verlangten nach einem Gotte, der nicht das Ideal seiner Verehrer, sondern der mit den Idolen der jeweiligen Zeitströmung übereinstimmt, einem Gotte, der nicht der Heiligkeit und Göttlichkeit seines Wesens die Lehren entnimmt, welche er den Menschen verkündet, sondern dem strömenden Zeitgetste. Sie wollten einen Gott, der nicht in ewtger, „starrer" Unwandelbarkeit dasteht, dem sich die Menschen und die Zettströmungen anpassen müssen, sondern einen Gott, der, dem Schmetterlinge gleich, verschiedene Metamorphosen durchmacht. Mit einem Worte, sie wollten einen Gott des Fortschrittes und der Reform. Die Unverständigen! Sie bemerkten in der sie umgebenden Natur den Feuerstrom nie rastender Entwickelung, eine von Stufe zu Stufe sich entfaltende Vollkommenheit und da wollten sie die ewige Veränderlichkeit der Sinnenwelt auf Gott übertragen! Anstatt sich zu sagen, daß das Göttliche eben das Unveränderliche sei in der ewigen Flucht der Erscheinungen, das Unerschütterliche im emsigen Wechsel der Dinge; anstatt zu wissen, daß das Göttliche das ewig Unwandelbare sei, zu dem der Mensch immer wieder und wieder zurückkehren muß — blickte Israel in die Welt der Erscheinungen hinaus, wie sie einem Meere gleich hinfluthen und mit ihren Milliarden Wellen wechseln und verlangte — Reform! Wir sind, so sprachen die Anbeter des goldenen Kalbes, tief überzeugt vom Dasein Gottes, durchdrungen von inniger Religiösität, würdigen im vollsten Maße die heiligen Güter des Judenthums, wir wünschen sehnlichst die Erhaltung unserer Religion und wollen mit der angestrebten Reform nichts anderes erreichen, als daß die Fa^on unseres Glaubens eine gefälligere werde. Daß unser Gott die Höflichkeit haben möge, der Zeitströmung und unseren Wünschen Rechnung zu tragen und diesen entsprechend seine Göttlichkeit umzumodeln! Dünkt uns aber diese Sprache nicht sehr bekannt, scheint es nicht, als hätten wir sie erst vor Kurzem gehört, als hörten wir sie noch heute! Wahrlich, die Motivirung der Nothwendigkeit des goldenen Kalbes stimmt aufs Haar mit dem Raisonnement unserer Reformhelden überein. Freilich hat schon der Prophet Elijahu die Anbeter eines der Reform sich fügenden Gottes, die durch Vernunftgründe eines Besseren sich nicht belehren lassen, durch beißende Sätze auf das Thörichte ihres Gottes aufmerksam gemacht, indem er ihnen zugerufen: „Rufet doch mit lauter Stimme, vielleicht ist er auf Reisen, vielleicht schläft er." Wisset Ihr denn, ob Euer Gott, an den Ihr den zerbrechlichen Maßstab der Mode und des Geschmacks legt, noch Euer Gott ist? Wisset Ihr denn, ob Euer Gott, den Ihr in diesem Momente so stürmisch anbetet, nicht schon vor einem Momente, da die Zeitströmung unbeständig ist, mit der alten Zeitströmung das Weite gesucht und nun schon auf Reisen ist? Rufet laut, daß er es in der Entfernung erhört! Wisset Ihr denn, ob Euer Gott, der ein Product der Zeit ist, nicht bereits, weil der Zeitgeist ein anderer geworden, den Schlaf der Seligen schlafe? Wie sollt Ihr für Euren Gott begeistert sein, da er möglicherweise morgen nicht mehr Euer Gott sein wird? Dürfet Ihr noch darüber staunen, daß jedes religiöse Gefühl und jede Begeisterung für Göttliches und Ideales aus Eurem Herzen geschwunden sei? Könnt Ihr Ehrfurcht für Euren Gott fühlen, da er das Product Eurer Launen? Wie soll dieser Gott Euch imponiren, da Ihr ja die eigentlichen Herren seid und er Euer Unterthan? Ihr baut wohl ihm zu Ehren Tempel, „regelt" und „veredelt" den Gottesdienst, aber Ihr schreibet ja ihm Gesetze vor, die er beileibe gewissenhaft erfüllen muß, will er sich nicht Eure Gunst verscherzen. Seht Ihr denn nicht das Thörichte Eurer Reform ein? Ihr möget Eurem reformirten Gotte lange mit Sang und Klang huldigen, seine Tage sind dennoch gezählt. Eure Verehrung für ihn schwindet dennoch gar bald. Lasset nur Euern Gott den Reiz der Neuheit einbüßen, überziehe ihn, wenn auch nur eine dünne Rostkruste, und Euere Tempel werden leer und Euer „veredelter" Gottesdienst unbesucht bleiben! Ja, lasset nur Eure Reform einige Jahre alt werden und Ihr selber werdet sie — belächeln! Was die Thora über den Verlauf der ersten Reformthat, der Anbetung des goldenen Kalbes berichtet, das gilt auch für die Reform unserer und aller Zeit: „Sie standen am andern Tage früh auf, ließen Emporopfer

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