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Der Israelit · 1893-07-24 · Heft 59 (24.7.1893) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 59 (24.7.1893)
Date
1893-07-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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H32 empört über die Angriffe, die Stöcker von Ahlwardt und Böckel erfährt und schreibt mit der ihm eigenen Naivetät: „Es ist in den letzten Jahren mancher Konservative in Gefahr gewesen, zu den Antisemiten überzugehen. Hoffentlich werden dieselben durch das, was sie jetzt sehen und hören, von ihren Sympathien geheilt. Die Sozialdemokraten tragen ihre Agitation vorzugsweise in die freisinnigen und liberalen Arbeiterkreise, aber die Antisemiten agitiren unter den bisher konservativ und christlich gesinnten Bauern und Handwerkern, und was dabei herauskommen wird, wenn das von Leuten vom Schlage Ahlwardts und Wilbergs besorgt wird, von denen die einen billigen Branntwein versprechen, die anderen die ehrwürdigen Gestalten der Bibel verlästern, bedarf keiner näheren Erörterung. Es ist endlich Zeit, daß ernst und edel gesinnte Männer sich unseres Volks annehmen, um einerseits die zur Abhilfe der Mißstände uöthigen Forderungen mit Ernst zu vertreten, und andererseits das Volk aus den Händen derer, die es in die Irre führen, zurückzugewinnen." Das ist kränkend für die Konservativen, speziell für Herrn Stöcker, denn bisher hatte doch der „Reichsbote" angenommen, daß diese die ernsten und edelgesinnten Männer seien, die das deutsche Volk retten. — Die „Post" betrachtet das Wahlresultat in Neustettin als einen Beweis, daß die Bekehrung der Konservativen zum Antisemitismus auf dem Tage von Tivoli ein Fehler war und die konservativen Wähler den Antisemiten in die Arme geführt hat. „Es wurde", so schreibt das freikonservative Blatt, „damit die Auffassung in weitere Kreise getragen, daß selbst der extremste Antisemitismus sich nicht grundsätzlich und begrifflich von dem Konservatismus scheide, sondern nur eine etwas radikalere und entschiedenere Richtung desselben darstelle. Hier liegt offenbar der Schlüssel zur Lösung des Räthsels, wie es kommt, daß gerade die starke Verbeugung vor dem extremen Antisemitismus, weit davon entfernt, neuen Wind in die Segel der konservativen Partei zu bringen, im Wesentlichen nur dazu gedient hat, dem Antisemitismus auf Kosten der Konservativen neue Kräfte zuzuführen." Oester.-Ungar. Monarchie. Ung. Brod (Mähren). In unserer Gemeinde wird mit behördlicher Genehmigung eine Privatanstalt für humanes und religiöses Wissen eröffnet. In dieser Anstalt werden die Zöglinge in allen Gymnasialgegenständen und Fächern des jüdischen Wissens unterrichtet und erhalten dieselben nach abgelegter Prüfung über die einzelnen Gymnasialgegenstände staatsgiltige Zeugnisse, die sie bei eventuellem Austritte aus der Anstalt zur Fortsetzung ihrer Studien an öffentlichen Gymnasien berechtigen. Das Motiv, welches uns bei der Gründung dieser Schule leitet, dürfte Jedermann einleuchten. Der religiöse Jndifferentismus unserer Jugend hat in der crassen Unkenntntß des Judenthums seine Wurzel; denn während ihr in den Mittelschulen alles Schöne und Herrliche auf dem Gebiete des profanen W ssens ununterbrochen zuströmt, bleibt ihr die Erkenntniß der hohen Idealität des Judenthums und der tiefe Ideengehalt der Thora verschlossen. Dieser Umstand erzeugt in unserer studtrenden Jugend den verhängnißvollen Jrrthum, daß nur anderswo Licht und Wahrheit für Kopf und Herz herrsche, im Judenthume hingegen sei alles düster und dunkel. Indem aber die Religion jener Gottesgarten ist, in welchem allein die schönen Pflanzen der Moral und Sittlichkeit gedeihen, wirkt die Unkenntntß derselben selbstredend auch auf den moralischen und sittlichen Charakter nachthetlig ein. Insbesondere ist die sittlich-religiöse Erziehung solcher Kinder, die genöthtgt sind, auswärtige Gymnasien zu besuchen, äußerst erschwert. In zarter Kindheit verlassen sie das Elternhaus, sind, noch vollständig unreif, sich selbst überlassen; die Vormünder schenken ihnen nicht jene Aufmerksamkeit, die das Erziehungswerk erfordert und manche Untugenden wurzeln sich in das Gemüth des Kindes ein, weil die nöthige Ueberwachung fehlt, um zur rechten Zeit mit vernünftiger Hand die Ueberwucherung des Unkrautes zu verhüten. Diesem Uebel kann nach unserer tiefinnersten Ueberzeugung nur durch gründliche Kenntntß unserer Rcltgionsquellen und tieferes Einführen unserer Jugend in das erhabene Wesen des Judenthums gesteuert werden. Unsere Kinder müssen befähigt werden, selbst aus dem göttlichen Born des Judeuthums zu schöpfen. Unser Wahlspruch lautet daher: Innige Verbindung und harmonische Vereinigung der humanen mit der religiösen Bildung, der profanen mit der jüdischen Wissenschaft; Heranbildung unserer Jugend zu sittlichen, moralischen und das Judenthum aus eigener Ueberzeugung mit Begeisterung liebenden Männern, damit sie als leuchtende Muster^ hoher Intelligenz, strenger Sittlichkeit und geläuteter Re. ligiösität daftehen. Wir hoffen all dies durch die an unserer Anstalt wirkenden vorzüglichen Lehrkräfte und die strenge Beaufsichtigung der Zöglinge in sittlichreligiöser Beziehung mit Gottes Hilfe zu erreichen, Rabb. Dr. Jung. j

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