Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 59 (24.7.1893)
- Date
- 1893-07-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1131 Der conservativ-theologische Antisemitismus ist überwunden und durch den demagogischen Antisemitismus abgelöst, die geistliche Heuchelei hat das Hest an die brutale Gemeinheit abgegeben. Es ist kein Unterschied in den Zielen, sondern nur in den Motiven, und wenn der Reichstag Herrn Stöcker losgeworden ist, so hat er dafür die Böcke! und Zimmermann und Ahlwardt, die seine Physionomie verunstalten. Berlin, 18. Juli. Herr Ahlwardt bereist eben den Wahlkreis Neustetttn, um für seinen Freund und Gesinnungsaenossen Dr. Förster, den Kandidaten für die Reichstagsnachwahl, Agitation zu treiben. In einer in Tempelburg gehaltenen Rede hat er sich u. A. über die künftige parlamentarische Taktik der Antisemiten geäußert: „In fünf Jahren bei den Neuwahlen würde die antisemitische Partei die stärkste im Reichstage sein: dann würde die Judenfrage in 4 Wochen erledigt sein. Jetzt würden nach Erledigung der Militärvorlage die Antisemiten jeden Tag mit neuen Anträgen kommen. Seine beiden Gesetzanträge würden sein: Aufhebung des Hausirhandels und des Jnvaltditäts- und Altersversicherungsgesetzes. Der Staat müsse für die Kranken und Schwachen sorgen mittelst einer Börsensteuer, welche 500 Millionen bringen würde, von denen die Hälfte zur Unterstützung der Arbeiter verwendet werden könne. Er sei auch für Uebernahme der Hypotheken durch den Staat. Die Sache mit der Einziehung des Vermögens der reichen Juden sei auch nicht so schlimm und keineswegs ohne Beispiele. Die katholischen Kirchen und Klöster hätten ihr erworbenes Vermögen auch dem Staat geben müssen, und die Juden hätten das ihrige nicht einmal in ehrenhafter Weise erworben, da könne kein Mensch etwas dabei finden, wenn den Juden die den Staat und die Gesellschaft gefährdenden großen Vermögen abgenommen würden." Das gewährt recht erbauliche Aussichten für die künftigen Reichstagssessionen. Herr Ahlwardt erklärte sich auch gegen die Kandidatur Stöckel's, weil dieser mit den Junkern gemeinsame Sache gemacht habe. Berlin, 19. Juli. Bei der Neuwahl zum Reichstage, die gestern im Wahlkreise Neustettin stattgefunden hat, ist, nach den bisherigen Nachrichten der ehemalige Hofprediger Stöcker als Kandidat des „Bundes der Landwirthe" und der Konservativen dem von Ahlwardt unterstützten Antisemiten Professor Förster unterlegen. Durch diese Wahl und durch die gestrige Rede Ahlwardts in einer Volksversammlung erscheint die vollständige Trennung zwischen den Konservativen und den von ihnen großgezogenen Antisemiten besiegelt und zur offenen Feindschaft gediehen. DaS hiesige Stöckersche Blatt wüthet jetzt gegen den verwerflichen radikalen Antisemitismus, der gegen Juden und Junker in gleicher Weise Hetze. Es ist interessant, daß dazu die „Nordd. Allg. Ztg." folgende Bemerkungen macht: „Das ist Alles sehr schön gesagt und wird eigenartig durch die Konstatirung illustrirt, welche dieser Tage durch die Parteileitung der Deutschkonservativen in der „Kons. Korresp. erfolgte: daß ein stetiges Zurückdrängen unseres Besitzstandes wahrzunehmen sei. Die feine Unterscheidung zwischen „anständigen" Antisemiten, wie sie das „Volk" in den Liebermann'schen Deutschsozialen erkennen will, und den anderen Böckel'scher und Ahlwardt'scher Observanz wird auch bei zahlreichen Konservativen um so weniger verstanden werden, als zwischen den Deutschsozialen und den Christlichsozialen eine strikte Grenzlinie zu ziehen, wiederum unmöglich erscheint. Da große konservative Organe antisemitische Kandidaturen offen, selbst gegenüber Konservativen protegtren, so wird man sich über das Zurückdrängen des konservativen Besitzstandes dort kaum sehr wundern können." Auf Antrag des Finanzmlnisters Miguel ist, wie er es im Reichstage angekündigt hatte, ein Strafverfahren gegen Ahlwardt eingeleitet worden, weil dieser in einer Versammlung im April, ähnlich wie er es im Reichstage gethan hat, über sein sogen. Aktenmaterial unter den bekannten Beleidigungen gegen Miguel gesprochen hat. Die Zeitungsberichterstatter. die der Versammlung beigewohnt haben und über den Vortrag berichteten, find zu einer Vernehmung auf den 26. Juli d. I. vorgeladen worden. Berlin, 18. Juli. In einer großen Volksversammlung sprach heute Ahlwardt über den Antisemitismus und die Konservativen. Er nannte Liebermann von Sonnenberg einen Verräther an der gemeinsamen Sache. Das Auftreten Dr. Königs gegen ihn sei unanständig, und daß Stöcker ihn vom religiösen Standpunkt bekämpfte, sei Gemeinheit. Sein Kampf gelte den Junkern und Juden: denn erstere seien die Schutzpatrone des Judenthums und Volksausbeuter wie dieses. Die Rede, die mit der üblichen Verherrlichung des siegreichen Antisemitismus schloß, fand stürmischen Beifall. Berlin, 20. Juli. Das Wahlresultat aus Neustettin liegt noch nicht endgiltig vor, die Wahl des Antisemiten Prof. Förster gegen Stöcker ist aber sicher, und es wird interessant sein, zu sehen, was die „Kreuzztg." zu dieser Entwicklung des von ihr mit so viel Liebe gepflegten Antisemitismus sagen wird. Der konservative „Retchsbote" ist tief