Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 59 (24.7.1893)
- Date
- 1893-07-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sehr zahlreich ist die weibliche jüdische Arbeiterschaft und die jüdischen Dienstmädchen; ihrer Billigkeit wegen werden jüdische Mädchen gern in allen Fabriken und Werkstätten verwendet, in den Kerzenfabriken ist das Personal ausschließlich weiblich. Junge jüdische Mädchen zwischen 16 und 18 Jahren arbeiten zeitweise ununterbrochen 33 von je 36 Stunden und verdienen für je 12 Stunden 30—40 Kreuzer. Das Loos dieser Mädchen ist jedoch ein benetdenswerthes gegenüber dem anderer. Mädchen, die beim Federschleißen verwendet sind, haben einen Tagelohn von 10—20 Kreuzern und die bei Bohnenexporteuren mit Auslesen und Reinigen der Bohnen beschäftigten Mädchen sitzen zu 20 und 30 in engen Stuben zusammengepfercht vom frühen Morgen bis Abends 9 Uhr in eine undurchdringliche Staubwolke gehüllt, um den ärmlichen Lohn von täglich 15—20 Kreuzern. Proletarier besonderer Art sind die Beschäftigungslosen, die Deklassirten. Sie sind Makler, treiben alle möglichen Gewerbe, sind Hetrathsvermittler, Zeugen bei Notaren u. s. w. Die arbeitenden jüdischen Proletarier zeichnen sich übrigens durch drei Eigenschaften aus: beispiellose Bedürfntßlosigkeit, tiefe Religiosität und horrende — Unwissenheit; die Ausdauer im Ertragen von Hunger ist eine sehr hohe, von Brod und Zwiebel leben sie wochenlang. Und dieses Elend und diese Bedürfntßlosigkeit wird schon den Kindern eingeimpft. In der Schule des Barons Hirsch zu Kolomea wurde den Proletarierkindern im Winter einmal täglich warme Suppe mit Brod Verabreicht; viele Kinder begnügten sich aus eigenem Antriebe mit dem Schüsselchen Suppe und brachten das Brod ihren hungernden Geschwistern nach Hause. Ein Zeichen dieser Bedürfnißlostgkeit ist der völlige Mangel an Selbstmörder unter den jüdischen Proletariern und der Mangel an Trinkern. Gewerkschaftliche Organisation und Sozialdemokratie waren bis vor wenigen Jahren in Galizien bei den jüdischen Arbeitern noch unbekannte Dinge. Doch zählt jetzt die sozialdemokratische Partei in Lemberg hunderte jüdischer Arbeiter zu ihren Anhängern, und jüdische Arbeiter sprechen in zahlreichen Versammlungen im Sinne des Sozialismus. Der große Talesweberstreik in Kolomea war das erste sichtbare Zeichen, daß die jüdischen Arbeiter in Galizien anfangen, sich ihrer traurigen Lage bewußt zu werden; das Charakteristische an der Sache ist, daß hier der Kampf zwischen jüdischen Arbeitgebern und jüdischen Arbeitern, die von den Erster» auf's Gewissenloseste ausgebeutet zu werden behaupten, zum Austrag kam. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. ’ Deutschland. Mainz, am Abend des 10. Ab. In aller Stille, nur unter Theilnahme seiner allernächsten Verj wandten und Freunde feierte gestern unser berühmter j Mitbürger Herr Dr. Ludwig Bambergerauf j seiner idyllischen Besitzung in Jnterlaken seinen 70. | Geburtstag. Mehr wie Tausende von Broschüren j gegen den Antisemitismus bildet die Thatsache, I daß aus dem Judenthum ein Mann von der Be- I deutung Bamberger's hervorgeqangen, eine Wider- I legung jener unsinnigen Angriffe. Die enggezogenen 1 Grenzen unserer Zeitschrift gestatten uns nicht, auf | die unsterblichen Verdienste, die sich Bamberger um j die innere Entwickelung des jungen deutschen Reiches und namentlich um dessen Währung erworben hat, 1 näher einzugehen. Nur das Eine wollen wir bemerken, daß alle seine Voraussetzungen und Befürchtungen in der Metallfrage fast wörtlich etngetroffen sind, so daß man heute bewundernd zu dem Manne aufschaut, der das Alles so genau „prophezeit" und unser Vaterland vor unendlichem 1 Schaden bewahrt hat. „Ein Weiser ist oft mehr wie ein Prophet" dieses alte Wort des Talmud hat sich auch an Bamberger bewährt. Nach dem Zerfall seiner Partei und dem Niedergang der deut- I schen Volksvertretung faßte der verehrte Mann nach schweren inneren Kämpfen den Entschluß, vom parlamentarischen Leben sich gänzlich zurückzuziehen. Was sollte er, fragt Emil Schiff in der „Neuen Fr. Presse", in einer Versammlung, der die Wahl von neunzehn Judenhetzern ein trauriges Brandmal von der Verirrung und Gesunkenheit des Volkes aufdrückte? Lange schien es, als hätte die schmerzliche I Bitterkeit dieser Thatsache bei Bamberger, an dessen 1 vornehme Höhe die pöbelhafte Nterdigkeit antisemi-! tischer Angriffe sich selten heranwagte, einem kühlen j kritischen Htnwegsehen über eine zeitliche Verirrung der Nation Platz gemacht. Aber die traurige Em- ] pfindung, daß diese sittliche Entartung auch einen ansehnlichen Theil der Volkskretse ergriffen hatte, | mit denen Bamberger einst an der Einigung des Z Vaterlandes zusammen gearbeitet, nagte auch an 1 dieser starken Natur und wirkte mitbestimmend auf 3 seinen Entschluß, sich zurückzuziehen. Daß dabet E der deutsche Parlamentarismus der Verlierende ist, 1 wenn ihm ein so erlesener Geist fernbletbt, brauchen f wir nicht zu sagen. j Mainz, 22. Juli. Aus einem längeren Artikel der „Neuen Freien Presse", der „die Nieder- I läge Stöckers" behandelt, heben wir folgende treffende I Stelle hervor: I