Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 59 (24.7.1893)
- Date
- 1893-07-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ii2§ härtere Ahndung verdient, als die früheren. Und Gott? Auf die zehn ersten läßt Er eine alles verheerende Wasserfluth und auf die zehn anderen einen Abraham folgen, Dto -ov ^2'po, dessen Seelengrötze hinretcht alles zu sühnen, was zehn Generationen verbrochen haben! Wer wollte diese göttliche Langmuth begreifen, wer es ermessen d’dk *pn n»a vxk, wie weit ihre Zwecke und Ziele reichen! Je weniger wir in diese Unergründlichkeit einzudringen vermögen, um so entschiedener wird sie uns gelehrt. Zweimal zehn Generationen, die für Gottes Sache verloren waren, zählt uns Gottes Wort daher dennoch auf, damit wir eine Ahnung davon erlangen, wie groß Gottes Langmuth ist und damit wir daraus lernen: Wenn Gottes Allmacht Langmuth übt, sollte wenigstens menschliche Ohnmacht nicht Geduld und Vertrauen verlieren. (Fortsetzung folgt.) Jüdisches Proletariat. Es ist eine weitverbreitete, besonders infolge der antisemitischen Agitation unter der unwissenden Bevölkerung eingewurzelte Meinung, daß die Juden in ihrer Mehrheit nur den mühelosen Erwerb suchen und zumeist durch Wucher oder zweifelhafte Geschäfte zu ihrem mit Ostentation zur Schau getragenen Reichthum gelangen. Und doch finden sich wohlhabende Juden da, wo der semitische Stamm am zahlreichsten vertreten ist, verhältnißmäßig wenig gegenüber der umgeheuren Zahl ihrer Glaubensgenossen, die aus der tiefsten Stufe des Proletariats stehen: unter den russischen und besonders polnischen Juden! In Galizien allein wohnen etwa 700,000 Juden; die Arbeiterverhältnisse sind dort die denkbar ungünstigsten, am entsetzlichsten ist da jedoch das Judenelend. Als Kronprinz Rudolf Ende der siebziger Jahre bei seinem Londoner Aufenthalt das Ostende als Sehenswürdigkeit besuchte, entrangen sich ihm und seiner Begleitung Ausrufe des Staunens und Entsetzens über die Kleidung, Kost und das Aussehen der ärmlichen elenden Bewohner dieses Stadttheiles. Da sagte der Nationalökonom Menger, so berichtet M. Zetterbaum in der „Neuen Zeit", — zu dem Prinzen und seinem Gefolge: „Meine Herren, die Leute, die Sie hier sehen, sind noch Gentlemen; wenn Sie Elend sehen wollen, wirkliches, starres, grausiges Elend, so gehen Sie in das Judenviertel nach Krakau!" Und er sprach die Wahrheit. Bilder von Elend und Verkommenheit, wie sie sonst in Europa nicht zu finden sind, Typen von Menschen und Lebensgewohnheiten, welche die Phantasie der kühnsten Pessimisten in Schatten stellen, begegnet man in Galizien. Blasse, magere, abgehärmte Menschen, die Kleider zerrissen und die Fetzen nachhängend oder zusammmcngenäht, gewöhnlich verschmiert mit Talg, Kalk oder anderen Stoffen, oft mit Theer b.strichen, das ist das gewöhnliche Aussehen eines jüdischen Proletariers. Und solche Menschen, mit solchem Aussehen, Hunderte an Hunderte, Tausende an Tausende gereiht, wohnen in übertünchten unregelmäßigen Lehmhütten, die von: Geschrei schmutziger Kinder und den Tausenden qualvollen Sorgen um das tägliche Brod erfüllt werden. Die Gassen, welche aus diesen Häusern gebildet werden, bieten einen einzigen Anblick dar. Die Häuser haben vielfach keine Aborte und keinen Hofraum, aller Mist Md Unrath kommt daher auf die Straßen und in die Gräben und in vielen Gassen schlängelt sich durch deren Mitte hindurch im Sommer bei einer Hitze, die Bäche austrocknet, stets ein grünschimmernder, stinkender Bach. Kein Wunder, daß Krankheiten aller Art, Skrophulose, Augenkrankheiten, Lungensucht u. s. w. furchtbar Hausen, daß die Sterblichkeit, deren Durchschnitt im ganzen Lande 32 per Mille beträgt, bet den jüdischen Proletariern gegen 60 pro Mille erreicht. Die Lebenshaltung ist die niedrigste: während der Woche Kartoffeln, Mats, Brod und Zwiebel, alles spärlich, alles abgerechnet und abgewogen, nur Samstags ziert Fleisch minderer Gattung den Tisch. Bei den Juden sind in jeder Branche des Handwerks etwa zwei bis drei, welche bei sich die reicheren Kunden konzentrtren, während hunderte ihrer Glaubensgenossen nichts weiters als kümmerliche Sitzgesellen (Hausindustrielle) sind, die es als Glück betrachten, von einem Kaufmann Arbeit zu bekommen. Das jährliche Einkommen eines solchen Handwerkers kann auf hundert bis zweihundert Gulden beziffert werden und alle Arten des Handwerkes sind da vertreten; die Juden sind dort Tischler, Schmiede, Schlosser und Klempner, Schuhmacher, Drechsler, Maurer rc. Es gibt für sie keine Gefahr, der sie sich nicht um des Verdienstes willen aussetzten, keine Arbeitszeit, zu der sie sich nicht verstehen würden. Neben den Handwerkern und Kleinmeistern kommen die jüdischen Lohnarbeiter in Betracht. Sie sind äußerst zahlreich und in allen möglichen Beschäftigungsarten thätig. Der durchschnittliche Tagelohn beträgt 50—60 Kreuzer. Sie sind auch Grubenarbeiter; in Borystaw, in den Erdwachsgruben, befanden sich früher 2000, jetzt gegen 1000 jüdische Grubenarbeiter, die zwölf Stunden ununterbrochen tief unter der Erde arbeiten; ihre Behandlung ist die denkbar schlechteste. Ferner sind in Galizien die Lohnkutscher, Transportarbeiter, Lastträger und Wasserführer Juden