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Der Israelit · 1893-07-24 · Heft 59 (24.7.1893) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 59 (24.7.1893)
Date
1893-07-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1128 göttlichen Beispiele lernen, sich in Geduld zu fügen und jedenfalls nicht ungeduldig zu werden, wenn nicht alles so kommt, wie es nach menschlicher Kurzsichtigkeit kommen sollte, das sollten wir. Ein Reflex, ein Strahl dieser himmlischen Langmuth sollte in unseren Geist und unser Gemüth fallen und uns bestimmen, es unserem himmlischen Meister nachzuthun in Nachsicht und Geduld. Es ist doch nur dieser Mangel an Ausdauer und Geduld, der uns von einem unlösbaren Lebensräthsel sprechen läßt, wenn wir das Glück der Schlechten und das Leid der Braven gewahren. Nach unserer menschlichen, kurzsichtigen Auffassung sähen wir es am liebsten, wenn alles Schlechte und alles Gute, das Menschen auf dieser Welt verüben, sofort voll und ganz vergolten würde. Und es gehört doch weniges Nachdenken dazu, um einzufehen, daß, wenn dies wirklich der Fall wäre, die Freiheit des Willens, dieser ganze sittliche Adel des Menschen, der ihn über alle andere Geschöpfe himmelhoch erhebt, sofort aufgehoben wäre. Wenn der Arm jedes Menschen sofort erlahmte, der sich gegen das Leben und das Eigenthum anderer erhübe, so würde es gewiß bald keine Mörder und Diebe mehr geben. Aber es wäre nicht das Rechtsgefühl, die Hochachtung vor dem Sitteugesetz, was den Menschen zur Stufe der Göttlichkeit erhebt, sondern die Furcht vor der Strafe, die jede unlautere Regung uni» Ivluc schlecht« Dhat miffnmmett ließe. Daß aber Jeder schlecht handeln kann, ohne sofort die Folgen seiner schlechten That zu empfinden, das verleiht dem unterlassenen Unre ht das Gepräge einer sittlichen That. Die Nachtigall, die herrlich schlägt, der Hund, dessen Spürsinn die verlorenen Fährte wittert, die Hyäne, die alle Lebwesen zerfleischt und die Schlange, welche sie vergiftet, alle diese Kreaturen verdienen dafür weder Lob noch Tadel, weder Lohn noch Strafe. Sie können nicht anders handeln, als wie sie der ihnen eingeflanzte Naturtrieb nöthigt. Der Mensch ist das einzige Wesen in Gottes Welt, das schlecht und gut handeln kann, deßhalb kommt ihm allein für sein Thun und Lassen, Lohn und Strafe zu. Diese Freiheit desWollens wäre aber vernichtet, wenn jede schlechte That sofort bestraft und jede gute augenblicklich belohnt würde. Wie elend und verlassen wären wir, wenn alles Gute, das ein Mensch übt, sofort voll und ganz ihm belohnt wurde! Täglich, wenn wir betend den Blick zu Gott richten, so ist es der „Gott unserer Väter" vor dem wir im Gebete hintreten. Und wenn wir hundertmal durch Leichtsinnn und Abfall, durch Trotz und Schwäche das Recht verwirkt hätten, bittend unserem himmlischen Vater zu nahen, so ist es der Gedanke an rvoN jtdt, an das Verdienst der Väter, deren Kinder und Enkel wir sind, dann ist eS das uns verbriefte Bewußtsein rroNHDn wi, daß Gott der Liebesthaten der Väter gedenkt und deßhalb noch den spätesten Abkömmlingen Hilfe und Erlösung bringt, welches uns mit stets neuer Hoffnung und mit dem unerschütterlichen Vertrauen erfüllt: 2'ZI y'ttnn tvo« ^3 „um der Väter willen hilfst Du den Kindern und bringst noch den Enkeln die Erlösung." Wären nun die guten Thaten unserer Väter ihnen sofort voll und ganz vergolten worden, wäre Gott nicht der d*b^ *ion tsm, derjenige der das Gute nicht sofort auszahlt, sondern es zurückhält, um es auf tausende von Generationen zu vertheilen, wie verwaist, wie verlassen wären wir, wenn wir nur auf das winzige Gute, das wir geübt, angewiesen wären! Diese göttliche Langmuth ist in ihren Motiven und in ihren letzten Zielen für uns unfaßbar. Als Israel wenige Tage nach der Offenbarung am Sinai Gott die Treue gebrochen und seine Zukunft — nach menschlichen Begriffen — unwiderbringlich verloren hatte, als Gott damals dennoch seinem Volk? Verzeihung gewährte und ihm aufs Neue die Trägerschaft seiner Wahrheit anvertraute, damals erbat sich Moscheh einen Einblick in dieses unergründliche Walten Gottes und damals wurde ihm die Langmuth Gottes als eine der göttlichen Waltungsweisen verkündet, deren Vorhandensein wir somit kennen, deren unergründliche Tiefe wir aber niemals erfassen können. Von der Schöpfung des ersten Menschen an, gehen zehn Generationen immer tiefer in Entartung und Sittenverderbniß unter und Gottes Langmuth wartet und wartet 1656 Jahre, bis die endliche Vernichtung eintrifft! Diese Langmuth kann ihre Begründung nicht in der Möglichkeit haben, vielleicht rafft sich eine Generaton doch wieder aus dem Pfuhl der Sünde auf, um zur Sittlichkeit zurückzukehren. Dem Allwissenden war es doch offenbar, daß diese Rückkehr nicht erfolgen wird. Wir sehen hier nur Gottes Langmuth walten, bis die furchtbare Katastrophe eintrat, welche der ganzen Mensch« heit bis auf eine einzige Familie den Untergang brachte. Wenn irgend etwas, so hätte dieses entsetzliche Ereigniß geeignet sein müssen, nunmehr die Menschheit zu bestimmen in unwandelbarer Treue Gott und seinem Sittengesetze Folge zu leisten. Und nichts desto weniger folgen auf Noach wiederum zehn Geschlechter die sich ebenfalls in sündhaftem Trotz gegen Gott auflehnen. Nach menschlicher Auffassung hätten diese Generationen, die das abschreckende Beispiel der Fluth erfahren hatten und doch nichts daraus lernten, womöglich noch eine

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