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Der Israelit · 1893-07-20 · Heft 58 (20.7.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 58 (20.7.1893)
Date
1893-07-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1116 lichen Schlächtereien die wenigstens theilweise Annahme der israelitischen Gebräuche vorzuschreiben?) Für uns Christen wäre es in solchen Dingen ein Fortschritt, wenn wir nach zweitausend Jahren auf die Gebräuche der alten Hebräer zurückkämen. Leider stcllt das Gesetz bezüglich Gesundheit und Schönheit der Thiere so hohe Anforderungen, daß die Einführung aller jüdischen Vorschriften in unseren Schlachthäusern schwierig ist. Das Fleisch würde dadurch maßlos vertheuert und damit der Fleischgenuß verringert werden. Jede Wunde, jeder Knochenbruch, jede Spur einer früheren oder neuerlichen Krankheit stellt eine Unreinheit dar, welche das Fleisch terefa macht. Der jüdische Schächter muß jedes den geringsten Fehler aufweisende Thier ausfcheiden; so ist er genöthigt, eine große Anzahl, bisweilen zehn oder zwölf von zwanzig, abzulehnen. Das koschere, mit dem Siegel des Schochet versehene Fleisch wird niemals für Jedermann erreichbar sein; die große Menge der Nichtjuden läuft stark Gefahr, allemal zum Genüsse von tereta genöthigt zu sein?) Die Speisegesetze und die Wachsamkeit des Schochet würden eine genügende Erklärung dafür geben, daß von gewissen Epidemien, gewissen Schmarotzerkrankheiten namentlich die Juden weniger als ihre andersgläubigen Nachbarn ergriffen werden. Der sein Gesetz befolgende Jude ist offenbar allen durch thierische Kost übertragbaren Krankheiten weniger ausgesetzt. Dem ist noch die traditionelle Mäßigkeit des Juden, die orientalische Enthaltsamkeit hinzuzufügen, welche ihn so scharf von den nordischen, slavischcn oder germanischen Völkern scheidet, in deren Mitte ihn die Strömungen der Geschichte geschleudert haben. Der Jude ist kein Trinker; die Thora brauchte ihm nicht, wie der Koran dem Araber, erst den Wein zu verbieten. Dem Jude ist, unter welchem Klima er lebe, welcher Klasse er immer angehören möge, gewöhnlich der Alkoholismus fremd, ein immenser Vortheil für sein Intellekt, wie für seinen Körper. Solchermaßen entrinnt Israel der fressendsten aller Wunden, welche unsere modernen Rassen aufreiben. Will man sich über sämmtliche Vorthetle der Juden in gesundheitlicher Hinsicht Rechenschaft geben, so muß man das rabbtntfche Gesetzbuch über die 3) Siehe namentlich eine Studie des Dr. H. Berend in dem „Nineteenth Century“ (September 1889). 4) Ich habe gehört, wie den Juden der Vorwurf gemacht wurde, dieses unreine Fleisch, welches sie selber verschmähen, an Christen zu verkaufen, als ob sie uns Ausfchußthiere lieferten und damit keinen Anstäud nähmen, uns zu vergiften. Man läßt dabei außer Acht, daß dieses vom israelitischen Schächter zurückgewiesene Fleisch in jeder Hinsicht jenem gleich ist, welches unsere Schlächtereien ohne Bedenken ausschroten. Körperreinheit des Mannes und der Frau — und auch die Beschneidung anführen. Trotz der Gefahr, welche den Neugeborenen das Messer des Beschneiders bringt, scheint die Beschneidung einen Doppelvortheil zu haben: sie kann — ohne daß allerdings der Beweis voll erbracht wäre — die Ansteckungsgefahr bei den ekelerregendsten Krankheiten vermindern, und si: kann auch, was nicht minder werthvoll wäre, die Sinne des Mannes abstumpfen, und die Anreizung zur Fleischeslust abschwächen. Ich kenne wenigstens Juden, die davon überzeugt sind und, ohne viel auf die Thora zu halten, ihre Söhne beschneiden lassen, sowie sie aus Gesundheitsgründen beim koscheren Fletschgenuß bleiben. Die den Juden zuerkannten biostatischen ^) Schutzsicherhetten scheinen indeß nicht so beständig und allgemein verbreitet, als einige sich vorgesteül haben. So hat man lange geglaubt, daß die Juden des Mittelalters pestgeseit gewesen seien. Es war dies eine der Volksbefchwerden wider sie; man beschuldigte die Juden, die schwarze Pest zu verbreiten, weil sie davon minder häufig ergriffen zu werden schienen als die Christen. Trat eine Seuche auf, so mußten die Juden die Brunnen vergiftet haben. Heute wissen wir, daß die Pest vor dem Thore der Judenviertel nicht allemal Halt gemacht hat. Gerade so ist es in uns näher liegenden Zeiten bei den Choleraepidemien nicht richtig, daß die Juden überall ungeschädigt geblieben. Man muß von dieser Ausnahmsstellung der Krankheit und dem Tode gegenüber Einiges «blassen. Nicht alle Juden haben daran gleichen Theil, was weniger in der Verschiedenheit ihres Ursprungs, als in dem Unterschied ihrer Existenzbedingungen seine Erklärung findet. Nehmen wir die Krankheit, welche in Europa die größten Verheerungen anrichtet, die Tuberkulose, die Schwindsucht. Während in London bis in die elendesten Schmutzlöcher von Whitechapel hinein die Aerzte bei den Juden ein selteneres Vorkommen der Schwindsucht als bei den Christen beobachtet haben, fi) hat man in Polen, in Rußland festgestellt, daß dort Schwindsucht und Scropheln die Juden häufig befallen. Sie scheinen sogar eine Empfänglichkeit dafür zu haben. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten «nd Korrespondenzen. Oe st e r. - Ungar. Monarchie. Krakau, 12. Juli. Der Präsident der Krakauer Akademie, Graf Stanislaus Tarnowskt, hat 5) d. h. eine längere Lebensdauer versprechenden. 6) Siehe beispielsweise bei Dr. Berend: Nineteenth Century, September 1889. Der amerikanische Census Bulletin (Dezember 1890) verzeichnet für die Bereinigten Staaten dieselben Beobachtungen.

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