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Der Israelit · 1893-07-20 · Heft 58 (20.7.1893) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 58 (20.7.1893)
Date
1893-07-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
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auf dem Katholikentage die polnische Gesellschaft zum Kampfe gegen die galizischen Juden aufgefordert, indem er vor deren Einfluß und Uebergewicht warnte. Sollen wir uns. fragte Graf Tarnowski, verschlingen, materiell depossediren, moralisch und gesellschaftlich beherrschen lassen? Da saßen die Eardinäle und Bischöfe, die Häupter des mächtigen Adels, die Granden der polnischen Junta, und Graf Tarnowski *tef)t die Stirne in Falten und warnt vor sozialer Unterjochung. Man denke sich neben den Potockis und Czartoryskts den armseligen Krämer und Hausirer aus der Judengasse polnischer Städte und den niedrigen Schnapsschänker in einem polnischen Dorfe. Wer hier auch nur einen Vergleich der sozialen und politischen Gewalt ziehen wollte, müßte vorher den Muth finden, sich über alle Rücksichten der Wahrheit und des Geschmackes hinwegzusetzen. Graf Tarnowski spricht vom jüdischen Uebergewichte in Galizien. Ist das wirklich Ernst oder ein mit feierlicher Miene vorgetragener Schwank? Graf Tarnowski muß wissen, daß in Galizien ohne den Willen der polnischen Junker kein Sperling vom Dache fällt. Die Polen besitzen alle Stellen in der Verwaltung und Justiz, sie haben die Eisenbahnen erobert, den Bereich ihrer Sprache immer weiter ausgedehnt, den Verkauf des Salzes an sich gerissen und alle fremden Elemente verdrängt. Die bürgerliche Gleichberechtigung ist in Galizien wenig mehr als eine leere Form, denn Aemter und Würden sind an nationale Herkunft uud Gesinnung geknüpft. Der polnische Jude hat sich dagegen nie aufgelehnt und gegen seine Ausschließung nicht den geringsten Widerspruch erhoben. Demüthtg bis zur Verächtlichkeit trägt er sein Schicksal und ist glücklich, wenn er im Schloßhofe erscheinen darf, um mit den Eavalieren über den Preis des Getreides zu feilschen. Graf Tarnowski hat im Tone der gewöhnlichsten Wirthshauspolitik auf die Reichthümer der galizischen Juden hingewiesen; er lebt im Lande und kann sich kaum mit Unwissenheit entschuldigen, wenn er Behauptungen aufstellt, welche den Haß anstacheln und sich weit von den Thatsachen entfernen. Hofrath Gntewosz hat im Abgeordnetenhause eine traurige Schilderung von der drückenden Roth der galizischen Juden entworfen. „Gehen Sie", sagte er, „des Nachts durch ein kleines Städtchen Galiziens. Sie werden da arme Gestalten herumschletchen sehen; Sie werden sie trotz Regen und Frost in den Hausfluren sich zusammendrängen sehen, und wissen Sie, was der Grund davon ist? Die Leute sind so arm, sie leben so zusammengedrängt in ihren Wohnungen, daß sie abwechselnd das Bett beziehen, daß sie stundenlang abwechselnd schlafen. Das nennen Sie Wohlstand! Wenn Sie sehen würden, wie diese Leute sich erhalten! Eine Zwiebel und ein Stück schwarzes Brod find oft ihre einzigen Lebensmittel." Die Rede des Hofrathes Gntewosz hat einen starken Eindruck im Parlamente hervorgerufen, aber die Erinnerung an das Gemälde des tiefsten Elends hat den Grafen Tarnowski nicht abgehalten, die Bettler zu verhöhnen, indem er gegen sie den Vorwurf schleudert, daß sie die reiche und allgewaltige Aristokratie in Galizien verschlingen, depossediren und moralisch beherrschen. Sonst büßen die von der Mühsal beladenen bedürftigen Juden alle Fehler der Plutokratie, aber in Galizien fehlt selbst der Ansatz zu einem Geldadel, und dennoch wühlt Graf Tarnowski und zündelt an einer Pulvertonne herum. Graf Tarnowski verwahrt sich freilich gegen den Antisemitismus, den er für grundsätzlich schlecht, praktisch gefährlich, unchristlich, ungerecht und unbarmherzig hält. Graf Tarnowski entlehnt aber den antisemitischen Bänkelsängern den ganzen Jargon und selbst den Gassenhauer: Kauft nur bet Christen! Die christlichen Schnittwaaren und Specereien sind nach der Ansicht des Grafen Tarnowski das einzige Mittel, um zu verhüten, daß die polnische Gesellschaft von den Juden verschlungen werde. Verpachtet und veräußert eure Güter nicht an Juden, selbst wenn sie mehr bieten, gründet katholische Geschäfte! Graf Tarnowski scheint sich gar nicht darum zu kümmern, was die Juden aufangen sollen, wenn sie nicht einmal so viel verdienen, um sich die Zwiebel als Nahrung zu verschaffen. Er nennt den Antisemitismus unbarmherzig, überfeine Rede ist viel grausamer als die wüste Rohheit des nackten Judenhasses, denn sie bekräftigt die antisemitischen Märchen durch das Zeugniß eines scheinbaren Gegners, welcher die trivialen Gemeinplätze der Pfennigschriften mit gelehrtem Pomp umhüllt. Man kann auch über den Antisemitismus originell denken und sprechen, aber Graf Tarnowski hat keinen einzigen selbstständigen Gedanken und nicht einmal ein neues Wort. Er kommt immer wieder darauf hinaus, die Juden haben das Geld, und da es nicht gut angeht, es ihnen einfach wegzunehmen oder, wie Graf Tarnowski sehr naiv und schwülstig sagte, da Niemand weiß, wo die entflammten Gehässigkeiten Halt machen und wohin sie gelangen werden, so ist es besser, die Wunde nicht auszubrennen, sondern kalt zu behandeln und den Juden langsam die Möglichkeit zu entziehen, sich zu ernähren. Graf Tarnowski ist Präsident der einizigen polnischen Akademie, die überhaupt besteht, und die Polen mögen darüber Nachdenken, ob sie es ruhig dulden wollen, daß seine Rede mit der polnischen Wissenschaft in Zusammenhang gebracht und als der Ausdruck derselben gelten darf. Die Polen sind eine alte Culturnation, und ihre Akademie ist

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