Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 58 (20.7.1893)
- Date
- 1893-07-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage M M 58 des „Israelis. Seiiettbev Artikel. Leroy-Beaulieu über die Thora. Aus dem 7. Capitel seines Werkes: MPe Juden und der Antisemitismus". Im Grunde aller Unterschiede zwischen Israel und seinen Nachbarvölkern stößt man immer wieder aus das Gesetz, die Thora. Es müssen in der That die Vorzüge, welche die Statistik bet den Juden hervorbebt, für ein gut Theil ihrer Religion und ihren Cultusgebräuchen angerechnet werden. Bliebe Israel allezeit der Thora treu, so träte seine Ueberlegenheit über die „Schweinefleischesser" noch offener hervor. Man hat in mehreren Ländern die Beobachtung gemacht, daß die Juden gewissen ansteckenden Krankheiten gegenüber schutzsicher zu sein scheinen. Die Erscheinung ist bisweilen so klar festgestellt worden, daß sie sich schwer in Abrede stellen läßt. Uns scheinen diese Schutzsicherheiten vornehmlich von den Satzungen des mosaischen Gesetzes, insbesondere den Vorschriften über die Reinheit des Körpers und der Nahrung herzurühren. Das Gesetz hat für Juden einen vorbeugenden Werth; man muß immer vor Augen haben, welchen Platz es dem Körper einräumt! Gewisse Modernen würdigen die Stttenlehre zu einer Art Gesundheitslehre herab. Gewiß thut dies jenes Gesetz nicht, welches unter Blitzesleuchten auf dem Berge Sinai gegeben worden; allein in der Praxis gelangen das Gesetz und der rabbtnische Codex beinahe zu demselben Resultate. Das Judenthum hat den Glauben in den Dienst der Gesundheitspflege gestellt; (die Sache verhält sich umgekehrt. Red. d. „Israelit") dem Judenthum schlägt die Frömmigkeit zum Nutzen der Gesundheit aus. Die Thora wollte aus Israel ein gesundes und heiliges Volk machen, sauus et sauetus; beide Vorstellungen sind für sie enge miteinander verknüpft. MoseS hat den Stämmen ein Gesetz für das Leben, das individuelle, das gesellschaftliche Leben — das leibliche, das sittliche Leben gebracht. Keine Religion hat derartige Vorsichtsmaßregeln gegen die Krankheiten und Seuchen ergriffen. Die Vorschriften der Thora und des Talmud stim- 1) „ .... Zu Zeugen rufe ich Himmel und Erde, daß ich euch vorgeleget Leben und Tod, Segen und Fluch. So wähle denn das Leben, auf daß du lebest, du und dein Same; und den Herrn, deinen Gott liebest, und seiner Stimme gehorchest, und ihm anhangest (denn er ist dein Leben und die Lange deiner Tage) . . . Fünftes Buch Mosts, Cap. XXX, 19, 20. men in dieser Hinsicht ganz merkwürdig mit jenen überein, welche nach dem Wunsche unserer medicinischen Gesellschaften in unser bürgerliches Gesetz ausgenommen werden sollten. Die bis ins Kleinste gehenden Normen des Gesetzes in Betreff des Fleisches der zur Ernährung des Menschen bestimmten Thiere sind der Welt lange kleinlich vorgekommen. Jetzt, nach dreitausend Jahren, haben unsere Physiologen der Bibel Genugthuung verschafft. Die Thora hat die Wissenschaft für sich, ihr müssen die neuen, weltbewegenden Entdeckungen Pasteur's schon bekannt gewesen sein. „Moses," behauptete ein Nichtjude, „hatte die Trichinen entdeckt, deßhalb verbot er das Schweinefleisch." Thatsächlich ist der Genuß der meisten im dritten Buch Mosts für unrein erklärten Thiere. des Schweines, des Haasen, der Weich- und Schalthiere heute bei vielen Krankheiten, Hautleiden namentlich, verboten. Zudem muß man dabei dem orientalischen Klima Rechnung tragen, wo derartige Krankheiten allezeit so häufig gewesen sind. *) „Nach den vielen Vorsichtsmaßregeln, welche die Gesetzgebung der Hebräer gegen die Tuberkulose ergriffen", äußerte zu mir ein Arzt, „muß man annehmen, daß sie dieselben genau gekannt hat. Sie wußte eS dreißig Jahrhunderte vor uns, daß die Schwindsucht vom Thier auf den Menschen übertragbar ist." So muß der Schochet, der israelitische Schächter, jedes Thier ausscheiden, welches beim Augenschein die geringste Verwachsung des Brustfelles aufweist; zur Controle werden die Lungen der geschächteten Thiere eingeblasen. Stünden unsere Fleischereien unter der Aufsicht des jüdischen Schochet, so würde zweifelsohne die Häufigkeit der Krankheiten abnehmen und die mittlere Lebensdauer verlängert werden. Anstatt von den Juden das Aufgeben ihrer Fleischereien und der Unterscheidung zwischen koscherem und unreinen Fletsche zu verlangen, thäten wir besser, ihrem Beispiele zu folgen. Gewisse englische oder amerikanische Hygientsten haben die Civilverwaltungen aufgefordert, sämmt- 2) Desgleichen die Verpflichtung, den für die Ernährung bestimmten Thieren das Blut zu entziehen; dieselbe kann im Oriente besonders einen prophylaktischen Werth haben, wäre es auch nur aus dem Grunde, weil blutgefülltes Fleisch sich viel rascher zersetzt und in Fäulniß übergeht, als blutloses. Die „^rclnvs8 i3rs>ölite3« (April 1892) führen bei dieser Gelegenheit die Ansicht K. Vogt's an. — ES kann übrigens sein, daß mehrere Krankheiten siH vornehmlich durch das Blut übertragen. Bekanntlich begnügen sich die Juden nicht mit der Blutentziehung der Thiere, sondern legen das Fleisch noch in Salzwafler, um das Blut heraus zu schlämmen.