Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-07-20 · Heft 58 (20.7.1893) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 58 (20.7.1893)
Date
1893-07-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448370--36747-2484782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1108 Wer diese Darstellung auch nur oberflächlich betrachtet, wie die Welt nicht auf einmal, sondern in einer zehnfach gegliederten Abstufung ins Dasein trat, die mit der Schöpfung von Himmel und Erde beginnt und mit der Erschaffung des Menschen und der Fürsorge für seine Erhaltung schließt, muß schon aus dieser Gliederung und Reihenfolge den Menschen als letztes Ziel, als die Krone der ganzen Weltschöpfung erkennen. Jede Stufe dient der folgenden zur Grundlage, auf welcher sie sich erhebt und entwickelt, der Mensch steht somit als höchstes Werk des ganzen Universums da. Ihm liegt die ganze Welt mit ihren zahllosen Kräften und Lebewesen, mit ihrer reichen Fülle zu Füßen, um ihm und seinen Zwecken zu dienen. Und nicht nur die Erde, selbst der Himmel mit seinen unzählbaren Sternenwelten, der Sonnenstrahl, der Regentropfen, alles steht im Dienste des Menschen. Die Thora lehrt uns diese Thatsache fast auf jeder Seite durch historische Belege. Bet allen Völkern lebt z. B. die sagenhafte Kunde von einer großen, die Erde und ihre Bewohner hinwegschwemmenden Fluth. Aus dem Bericht der Thora kennen wir nicht nur den ganzen Vorgang in allen seinen Details, sondern auch seine Veranlassung, die sie uns in der Sittenverderbtheit der Menschen zeigt. Wir sehen daraus den innigen Zusammenhang zwischen der sittlichen Entartung der Menschheit und dem Niedergang der ganzen, den Menschen umgebenden Welt. Die Schlechten richten somit durch ihre Schlechtigkeit nicht nur sich selber, sondern die ganze Welt zu Grunde. Ihre Verantwortlichkeit beschränkt sich daher nicht auf ihre eigene Person, sondern dehnt sich auf die ganze Welt aus, die sie in Mitleidenschaft ziehen. Wenn umgekehrt Jizchak säet und hundertfach erntet, wenn das Auftreten Jakobs in Egypten genügt, um die Hungersnoth zu bannen, wenn ein Ahron zwischen die Lebenden und Todten tritt und der Pest, die Tausende hingerafft, Einhalt gebietet, so erstreckt sich der Lohn dieser Gottesmänner auch auf den Antheil, den sie an der Erhaltung der Welt haben. — Das ist der nahe liegende Sinn unserer Mtschna. Dieser würde aber auch zutreffen, wenn die gesammte Welt nur durch einen einzigen Gottesausspruch ins Dasein gerufen worden wäre. Die zehnfache Abstufung, in welcher sich die Schöpfung vollzog, lehrt uns diese Wahrheit aber noch tiefer nach einer anderen Seite hin fassen. — Greifen wir z. B. den Ausspruch: „Es werde Licht" heraus. Wir sehen das Licht nach bestimmten Gesetzen walten und wirken und die Regelmäßigkeit, mit der es seit Jahrtausenden geschieht, veranlaßt uns von diesen und ähnlichen Naturgesetzen zu sagen, sie seien „ewige, unabänderliche" Gesetze. Eine Abweichung von diesen Gesetzen schiene uns unerklärlich, gälte uns als ein Wunder, das wir mit staunender Unbegreiflichkeit ansähen. Käme eine plötzliche Unterbrechung des Lichts vor, stünden Sonne und Mond in ihrem Laufe plötzlich still, so würden wir das nicht für wahr halten, wenn wir uns nicht augenscheinlich davon überzeugten. Daß die große, niemals unterbrochene Regelmäßigkeit vielleicht ein größeres Wunder ist, als ihre Unterbrechung kommt nur wenigen in den Sinn. Was uns bei derartigen Unterbrechungen wunderbar erscheint, ist die Erschütterung unserer Annahme von der „Ewigkeit" der Naturgesetze. Wenn uns nun Gottes Wort berichtet, daß in Egypten zur Bestrafung der Tyrannen eine dreitägige Finsterniß erfolgte, daß später in Josuas Zeiten in der That der Lauf der Sonne und Mond gehemmt wurde, so hören diese Wunder auf Wunder zu sein, wenn man sich den Ausspruch vergegenwärtigt, der das Licht ursprünglich schuf. Dieser zeigt uns, daß weder das Licht noch die Gesetze des Lichts ewig sind. Ursprünglich war nicht das Licht, sondern die Ftnsterniß, erst Gottes besonderer Ausspruch hat den normalen, ursprünglichen Zustand der Ftnfterniß aufgehoben und das Licht an seine Stelle gesetzt. Wenn dann im Laufe der Zeit zur Erziehung der Menschheit das Licht zurück und die Ftnsterniß an dessen Stelle trat, so war damit für die Dauer dieses Phänomens nur der eigentliche, ursprüngliche Zustand wieder hergestellt und zwar für den Zweck ü^iyn nt* jnaND* D»yinn p yiDrfr nnoND #»a Miair, um den Schlechten die verdiente Vergeltung werden zu lassen, weil sie die von vornherein für die Erziehung der Menschheit in zehnfacher Abstufung erschaffene Welt zerstören. Der Ausspruch ll'vri np», das Waffer sammele sich, lehrt, daß ursprünglich das Waffer über die ganze Erde verbreitet war, sich aber auf Gottes Geheiß in bestimmte dafür geschaffene Behälter in Meere, Flüsse und Wolken zusammenzog. Mit einer über die ganze Welt sich erstreckenden Fluth ist daher kein Wunder geschaffen, sondern nur der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt worden. Deßhalb hat Gott in seiner Thora die Schöpfung des Universums nach seinen einzelnen Theilen in zehnfacher Gliederung uns vorgeführt, weil sie tatsächlich nur ins Dasein gerufen wurde, um den Schlechten ihre Vergeltung und den Braven ihre Belohnung zu gewähren. Daß diese Veranstaltungen, die Gott zu diesem Zwecke schafft, alle in diesem Dienste stehen, daß die Veränderungen nur scheinbare sind, das ergibt sich aus den Aussprüchen und den Schöpfungen, die sie zur Folge hatten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.