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Der Israelit · 1893-07-17 · Heft 57 (17.7.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 57 (17.7.1893)
Date
1893-07-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1096 nicht, um den Raum behaglich auszustatten. Mögen daher die Sammler von Ahlwardt-Reliquien keine Mühe scheuen, um ein hübsches Museum zu Stande zu bringen. Es pasfirt natürlich nicht jedem ersten Besten, daß ein speculirender Kellner die Tasse, aus der er getrunken, zum ewigen Angedenken aufbewahrt. Ehe einem eine solche Ehre widerfährt, muß man schon etwas Tüchtiges geleistet haben. Kein Wunder daher, daß Ahlwardt's Selbstachtung ins Ungemessene sich zu steigern beginnt, seit er in Swinemünde diesen größten Erfolg seines Lebens errungen hat. Er hat seither einen solchen Respekt vor sich, daß er sich der größten Heldenthaten und Glanzleistungen für fähig hält. Aus diesem Grunde hat er sich erst unlängst wieder anheischig gemacht, Deutschland gründlich von den Juden zu säubern. Er gedenkt dieses erstrebenswerthe Ziel dadurch zn erreichen, daß erden wässerigen Strom seiner Beredsamkeit durch den Augiasstall des Reichstages leitet, in dem die politische und allgemein menschliche Moral bekanntlich so niedrig steht, daß man für jede „Enthüllung" auch den dazu gehörigen Wahrheitsbeweis verlangt. Doch der Kampf gegen Juden genügt ihm schon nicht mehr. Außer den Semiten hat er auch noch den „Junkern" Tod und Untergang geschworen. „Gegen die Juden und die Junker!" — lautet jetzt seine Parole. Dankbarkeit ist in der Regel nicht gerade diejenige Tugend, durch welche die „großen Männer" sich besonders von ihren Zeitgenossen unterscheiden. Speziell Ahlwardt hätte eigentlich allen Grund, den Junkern, die ihm so manchmal ihre Hilfe haben angedeihen lassen, hierfür von Herzen dankbar zu sein. Einer solchen spießbürgerlichen Regung ist jedoch der geniale Mann nicht zugänglich. Er erklärt seinen früheren Gönnern den Krieg, offenbar weil sie nicht genug für ihn gethan haben. Selbst dem Baron von Langen, seinem eigentlichen Nährvater, scheint er den Stuhl vor die Thür setzen zu wollen. Wenigstens nahm er ihn ebenso wenig aus, wie den edlen Freiherrn von Wackerbarth und andere Junker, denen er sich zu Dank verpflichtet mußte fühlen, als er jüngst sagte: „Die Juden und dieJunker tragen ammetsten zum Wachsthum der Sozialdemokratie bet, indem sie das Volk ausschinden und zur Verzweiflung treiben." Die Juden und die Junker! — Das ist ja eine recht nette und recht paßliche Zusammenstellung, die den Letzgenannten gewiß viele Freude bereiten wird, besonders dann, wenn sie sich vergegenwärtigen, was gerade sie Alles gethan und aufgeboten haben, um dem radikalen Antisemitismus Ahlwardt'- scher-Pragung zu der^Bedeutung^zu verhelfen, die er sitzt so hübsch auszunützen versteht. Die Juden und die Junker schinden das Volk und treiben es zur Verzweiflung. Es genügt also schon nicht mehr, daß der christlich-germanische Mann Antisemit ist, sondern er muß auch den Junkern den Krieg erklären, muß ihren Einfluß brechen, muß ihnen denr rothen Hahn aufs Dach setzen helfen. Ahlwardt sagt es — und Ahlwardt muß die Junker doch kennen, nachdem sie für ihn so vieles schon gethan, daß ihnen Nichts mehr zu thun übrig bleibt. Für diejenigen, welche an dem gerechten Walten der Nemesis schon irre werden wollten, ist es ein überaus trostsamer Gedanke, daß Ahlwardt sich jetzt als doppelt Gewählter gegen seine einflußreichen Gönner von ehedem, gegen die Leute aus dem Lager der Kreuzzeitungspartei zu wenden und den Pöbel auf sie zu Hetzen beginnt. Ahlwardts Stellung innerhalb des Anttsemitismus ist jetzt eine festere als je zuvor. Er kann thun, was er will; die Volksversammlung brüllt ihm Beifall zu und wer ihn angreift. hat einen schweren Stand. Er ist der erkorene Vertreter der Dummheit und Rohheit, die sich seiner mit Eifer annehmen. Man muß in den Kreisen der antisemitischen Führer nun einmal mit ihm rechnen, das ist eine Thatsache, der sich selbst Dr. Böckel nicht verschließen kann. Dieser ehrenhafte, gesinnungstüchtige und charaktervolle Mann hat erst dieser Tage in einer großen Radauversammlung, in deren Verlauf die Antisemiten die verschiedensten Schattirungen ihre grundsätzliche lttb.retnstiminung beinahe durch eine solenne Keilerei öffentlich bekräftigt hätten, vor Ahlwardt seine Verbeuguug gemacht. Böckel, der den Ahlwardt bei jeder Gelegenheit als „Mumpitzbruder" und „Radaumacher" verspottete, erklärte öffentlich, daß er die Hoffnung nicht aufgebe, später mit Ahlwardt Schulter an Schulter gegen den gemeinsamen Feind kämpfen zu können. Nur von Stöcker will Böckel Nichts mehr wissen. Dem ist er spinnefeind. Einer dieser Ehrenmänner wird stets vom andern abgethan. Daß Herr Böckel ihn so ganz und gar verwirft, mag den ehrgeizigen Hofprediger a. D. von Herzen kränken. Wer den Schaden des Durchfalls hat, braucht für den Spott des Abfalls nicht zu sorgen. Böckel ist jetzt groß und Stöcker ist klein. Im Reichstag spielt gegenwärtig der Dr. Böckel die erste Geige. Er und seine Gruppe, die deutsche Reformpartei, bilden bei den Verhandlungen über die Militärvorlage das Zünglein an der Wage, da sie durch ihre Abstimmung den Ausschlag gaben. Es hat sich dies am zweiten Tag der ersten Lesung (Freitag) recht deutlich gezeigt. Der

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