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Der Israelit · 1893-07-17 · Heft 57 (17.7.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 57 (17.7.1893)
Date
1893-07-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage jit M 57 -es „Israelit“. Leitender Artikel. Aus der antisemitischen Arena. □ Berlin, 11. Juli. Der Antisemitismus kann nicht untergehen. Gr hat jetzt eine neue Reliquie aufzuwetsen, an deren künftige Verehrung große und unermeßliche Gnadenschätze sich knüpfen werden. Zu dem blutbefleckten Hemd des Herrn Karl Paasch ist die einzig echte, urkundlich beglaubigte Kaffeetaffe des Rectors Ahlwardt getreten. Der wieder zum Reichstagsabgeordneten gewählte Ahlwardt befand sich, wie die „Magdeburger Zeitung" mittheilt, vor einiger Zeit in Swinemünde und trank dort, wie andere gewöhnliche Sterbliche auch, eines Tages seinen Nachmittagskaffee. Von diesem weltgeschichtlichen Ereigniß nahm der Oberkellner des durch Ahlwardt heimgesuchten Lokales gebührend Notiz, indem er die Kaffeetasse des außer Dienst gesetzten Rektors ebenfalls alsbald vom Amte suspendirte und sich die Thatsache, daß Ahlwardt aus diesem Gefäß getrunken, durch eine Urkunde beglaubigen ließ, welche folgenden Inhalt hatte: Swinemünde, 25. Juni 1893. Herrn Oberkellner Anton Kryzanki, z. Z. Swinemünde, bescheinige ich, daß derselbe heute den Reichstagsabgeordneten A h l w a r d t-Berlin bedient und die Tasse desselben, aus welcher derselbe seinen Kaffee getrunken, zum Andenken an den heutigen Tag behalten hat. - Ren«, erster Vorsitzender des deutschsozialen Landesverbands von Pommern." Dies das Thatsächltche. Im Interesse des Herrn Ahlwardt wollen wir hoffen, daß der Kaffee besser war, als das Deutsch, welches der erste Vorsitzende des deutschsozialen Landesverbands von Pommern aus diesem Anlaß verbrochen hat. Jndeß wir haben die beachtenswerte Urkunde hier nicht vom grammatikalischstilistischen Standpunkt aus zu beurtheilen. Ihre eigentliche Bedeutung liegt auf einem andern Gebiete. Mit dieser authentischen Urkunde, in der ein deutscher Mann mit verdächtig klingendem französischen Namen einem andern ebenso gesinnungstüchtigen Deutschen mit nicht minder verdächtig klingendem.'polnischen Namen ausdrücklich bestätigt, daß derselbe Herrn Ahlwardt bedient und dessen Kaffeetasse — hoffentlich mit der Bartneige — aufbewahrt habe ... mit dieser wichtigen Urkunde beginnt eine neue Aera der Ahlwardtforschung. Bis jetzt war in der Entwickelungsgeschichte des Rektors a. D., falls man von dessen uneingelösten Wechseln absehen will, die doch lediglich den Charakter von privaten Urkunden trugen, stets nur von solchen Dokumenten und Aktenstücken die Rede, für deren Aechtheit ein Beweis sich in keiner Weise erbringen ließ. Hier wird nun zum ersten Male einer vollbeglaubigten Urkunde Erwähnung gethan, welche für die gegenwärtige und mehr noch für die zukünftige Geschichtforschung von größtem Werthe ist. Der Kulturhistoriker, welcher in ferner Zukunft Studien und Erhebungen anstellen wird über den Antisemitismus unserer Tage wird auf Grund dieser authentischen Urkunde mit Leichtigkeit die verblüffende und doch so überaus lehrreiche That. sache wissenschaftlich feststellen können, daß noch im Jahre des Heils 1893 Menschen k la Ahlwardt, d. h. berufsmäßige Hetzer und Volksaufwiegler von anrührigster Vergangenheit, unbeanstandet in öffentlichen Lokalen verkehren durften und keineswegs zu befürchten brauchten, es könnte sie ein reinlichkeitsliebender Wirth ebenso höflich als dringend ersuchen, die Thür von draußen wieder zuzumachen. Und dieser einen Thatsache wird der Forscher alsdann die zweite anreihen können, die in ihrer Art nicht minder verblüffend ist, daß es nämlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts offenbar eine ganze Anzahl von Leuten gab, deren geistiger Pegelstand ein so niedriger gewesen, daß sie dem besagten Ahlwardt eine hohe Verehrung widmeten und eine Kaffeetaffe, aus der er getrunken, mit derselben ptetätsvollen Scheu betrachteten, welche sich der Tafelrunde des frommen König Artus bei der Vorstellung vom heiligen Gral zu bemächtigen pflegte. Vielleicht ist dieses Dokument nur das erste einer langen Reihe ähnlicher Schriftstücke, durch welche überschwängliche Verehrer des antisemitischen Häuptlings die Aechtheit auch noch anderer Gefäße bestätigen werden, deren sich Held Ahlwardt zu Zeiten bedient hat. Die antisemitische Raritätenkammer hat noch vielen Raum aufzuweisen. Sie ist bis jetzt durch die Pistole, vor welche Herr Ltebermann von Sonnenberg seine Gegner fordert, sowie durch die Ohrfeigen, die Dr. Böckel ihnen anbietet, nur äußerst dürftig möblirt. Auch die talmigoldene Uhr, die dem Pickenbach abgepfändet wurde und dessen unbezahlte Weinrechnungen, sowie die Alimentenklagen Böckel's genügen noch immer

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