Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 57 (17.7.1893)
- Date
- 1893-07-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1091 Aufnahme finden sollen, trotzdem das betreffende Gesetz ganz unverfaffungsmäßtg ist. Ein anderes rumänisches Gesetz verbietet die Anstellung von Juden in Hospitälern und gestattet ihnen nicht, Apotheker zu sein. Thatsächlich werden keine jüdischen Kranken in die Hospitäler ausgenommen. Nicht ohne Besorgniß könne man auf die Entwickelung in Griechenland schauen. Dagegen zeigen fich der türkische Sultan und der Schah von Persien tolerant. Auch der Sultan von Marokko hat einen Beamten, welcher sich Grausamkeiten gegen Juden zu Schulden kommen ließ, energisch zur Strafe gezogen. Der Verein erkannte dankbar die erfolgreiche Verwendung des britischen auswärtigen Amtes an. „An einem Sonntage ließ Lord Rosebery einige Stunden, nachdem er vom Verein auf die drohende Gefahr in Teheran aufmerksam gemacht worden war, an den britischen Gesandten telegraphiren und verhinderte auf diese Weise eine Emeute gegen die Juden in Hamadan." Nachdem der Ober-Rabbiner dem anwesenden Baron Hirsch für seinen Opfermuth gedankt hatte, erklärte dieser, er wisse sehr wohl, daß es unmöglich sei, 6,000,000 Menschen aus einem Lande zu führen. Aber er wolle Kolonien von etwa 10,000 russischen Flüchtlingen gründen, um zu zeigen, daß die Juden sehr wohl nützliche Bürger sein könnten. Rußland. Petersburg, 13. Juli. Vor einiger Zeit hatten die kaukasischen Blätter mitgetheilt, die Juden Kaukasiens (das nicht zum Rayon der Ansiedelungs berechtigung derselben gehört) seien angewiesen worden, dies Gebiet bis zum November dieses Jahres zu verlassen. Jetzt aber ist in Tiflis, wie ein örtliches Blatt meldet, die Nachricht eingetroffen, infolge einer seitens der jüdischen Gemeinde dieser Stadt an den Großfürsten Michael Nikolajewitsch (vormals Statthalter von Kaukasien) gerichteten Bittschrift sei die Ausweisung der kaukasischen Juden auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Vermischtes -4- Berti« Die „Mittheilungen" aus dem Abwehrverein reproduciren aus den stenographischen Protokollen des „Bereinigten Landtages" von 1847 folgende Erzählung des Abgeordneten v. Beckerath: Eine jüdische Mutter in der Mark Brandenburg hatte im Jahre 1813 einen einzigen 19jährigen Sohn; dieser Jüngling wurde von der begeisternden Liebe zum Vaterlande ergriffen und es drängte ihn, an dem Kampfe zu seiner Rettung theilzunehmen. Die Mutter entließ ihn mit ihrem Segen; sie brachte zugleich einen Theil ihrer Habe, ihr Silbergeschirr, als Gabe dar zur Ausrüstung der unbemittelten freiwilligen Baterlandsvertheidigers, und es wurde ihr dafür, die Urkunden liegen mir vor, es wurde ihr für dies Geschenk, das sie, wie es darin heißt, „in frommem Glauben brachte, die Berechtigung ertheilt sich zu den Mitgliedern des Frauenvereines für jetzt und für die Nachwelt zu zählen " In den ersten Monaten erhielt sie Nachrichten von ihrem Sohne, dann blieben sie aus. Lange harrte sie vergeblich. Endlich wendete sich voll banger Ahnung an den Commandeur des Regiments, in welchem ihr Sohn diente, und die Antwort, die sie erhielt, war folgende: „Auf Ihr Schreiben an den Oberst v. AlvenSleben in Betreff Ihres Sohnes übersende ich Ihnen den beiliegenden Schein des LieuntenantS Brehm, welcher damals Feldwebel in der Compagnie war, worunter Ihr Sohn gestanden. Sie werden daraus ersehen, daß Ihr Sohn bei Groß-Gorschen für die heilige und große Sache gefallen ist. Trösten und beruhigen Sie sich, Madame, mit der Ueberzeugung, daß Sie Ihren Sohn dem Könige und dem Vaterlande geopfert haben." Leipzig, 13. Juli. (Reichsgericht.) In dem Prozesse des Antisemiten Karl Paasch, der in Berlin am 17. Mai zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängniß verurtheilt worden wegen Beleidigung des Justizministers Schelling, sowie der Beamten des Auswärtigen Amts, wurde die Verhandlung ausgesetzt, bis das Resultat der Beobachtung über den Geisteszustand des Angeklagten vorliege. Später erschien Paasch selbst. Er gab an, er sei aus der Charite beurlaubt worden zu dem Termin. Er konnte aber kein Attest über die Beurlaubung aus der Untersuchungshaft und der Charite beibringen. Wie«. Der Reiseschriftsteller A. Varges hat sich dem Polizeicommissariate Landstraße gestellt und hier angegeben, er sei aller Mittel entblößt und bitte, man möge ihn verhaften, weil er beiläufig 4000 fl. schuldig sei, keine Deckung dafür besitze und sich bewußt fühle, das Verbrechen der leichtsinnigen Crida begangen zu haben. Barges mußte verhaftet und dem Landgerichte eingeliefert werden. Er ist ein Mann von 31 Jahren. Im Jahre 1891 war er noch ein mit Wartegebühr beurlaubter Officier des Infanterieregiments Nr. 79. Seither trat er in den Ruhestand. Im vorigen Jahre gab er ein 200 Seiten starkes Büchlein: „Ein Ritt durch Indien" mit dem Porträt des Verfassers im Selbstverläge heraus. Das Buch enthielt einen Apell an die allgemeine Wohlthätigkeit guter Menschen. Es sollte sich mit dem Ertrage der Schrift um Befreiung der von den Madhisten gefangenen Europäer handeln. Es liefen auch zahlreiche Beiträge ein, deren Verzeichniß VargeS später veröffentlichte. Varges trat wirklich die Befreiungsexpedition an, kam aber nur bis Massauah, wo die italienischen Colonialbehörden ihn aber zu seiner Sicherheit und gerade im Interesse der Gefangenen nicht weiter ließen. Mit auffallenden Placaten und Prospecten trat Varges dann wieder als Herausgeber eines Blattes unter dem Titel „Der Rohrspatz" vor die Oeffentlichkeit. In diesem Blatte versuchte es Varges mit dem letzten Rettungsmittel aller verkrachten Existenzen, mit dem Antisemitismus. Der „Rohrspatz" sollte den Antisemitismus in witzig sein sollender Form fördern und dem „Herausgeber" besonders die Protection des „Deutschen Volksblattes" verschaffen. So sehr sich aber auch Barge» für den edlen Urgermanen aus Solec eingesetzt, so hat es ihm doch nichts in der Zeit der Klemme genützt; denn Vergani. die zaubergewaltige Erscheinung, ergreift mit Behagen den Anlaß der Selbststellung des Barges, um ihm einige Fußtritte zu appliciren. „Das gibt zu denken!" — pflegt die zaubergewaltige Erscheinung jedesmal auszurufen, so oft es ihr gelingt, irgend eine neue Leistung aus dem Gebiete der Charaeterfestigkeit zu produciren. Padua. Dr. Benjamin Luzzatto, Sohn des berühmten großen Hebraiten Samuel David Luzzatto (T'-it£0 und Professor der Pathologie an der Universität in Palermo, ist hier in seinem Geburtsorte frühzeitig vom Tode dahingerafft worden. Seine irdische Hülle wurde mit großen Ehren zu Grabe geleitet. Hinter dem Sarge, der von jungen Univer-