Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1893)
- Date
- 1893-07-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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mit bcn jüdischen Auswanderern haben wohl schon annährend 2000 Personen in den letzten Wochen ihren Weg über Libau genommen. Bei der Station Moscheiki in Litauen hart an der kurländischen Grenze lagerten vor einige Tagen unter freiem Himmel etwa 1500 arme jüdische Auswanderer, die zum grüßen Teil paßlos waren und sich in äußerster Bedrängniß befanden, da sie weder vorwärts noch rückwärts konnten und auch der Menschenschmuggel über die preußische Grenze infolge der sanitären Maßnahmen der dortigen Behörden unmöglich geworden war. Die mit Pässen versehenen Auswanderer wurden schließlich von Libauer Agenten, die zu ihnen hinausgefahren waren, auf den Schub gebracht. Bei der in Libau herrschenden Geschäftsstille stürzt sich hier Alles auf den Menschenexport und Agenturen für transatlantische Dampferlinten schießen wie Pilze aus dem Boden. Da das Rhedereigeschäft darntederliegt, so drängen sich englische, deutsche, schwedische Dampfer heran, um die Auswanderer nach den großen Plätzen zu befördern, und Fahrzeuge, die für Passagierbeförderung durchaus nicht hergerichtet sind, werden in aller Eile zu schwimmenden Menschenställen hergerichtet. Den Löwenanteil der russischen Auswanderung hat bisher Rotterdam an sich gezogen, das die Leute vielfach auch nach Südafrika befördert, wo schon zahlreiche Juden ansässig sind. Die Auswanderung mittelloser Juden nach den Vereinigten Staaten und Argentinien wird bald ein Ende nehmen, da die dortigen Behörden gegen zuwandernde „Paupers" immer schroffer Vorgehen und sie ohne Rücksicht auf ihre Lage meist umgehend nach Europa zurücksenden, wo sie elender eintreffen, als sie abgereist waren. Einstweilen ist ja der Zwischendecks- Verkehr zwischen Hamburg und Amerika der Choleragefahr wegen so gut wie eingestellt und die Massenschwärme von Auswanderern aus den mittleren Gouvernements müssen nach all' den fruchtlosen Mühen, Sorgen und Entbehrungen sich einen Unterschlupf in dem von ihren Glaubensgenossen überfüllten jüdischen „Ansässigkeits-Rayon" suchen. In der Tragödie der Menschheit bildet die gegenwärtige russische Judenbewegung wohl einen der düstersten und erschütterndsten Akte. Hamburg. Dem Geschäftsbericht des Israelitischen Stellenvermittlungs-Vereins zu Hamburg über das I. Geschäftsjahr vom 1. April 1892 bis 31. März 1893 entnehmen wir: Am hiesigen Platze herrschte ein reges Interesse für die Bestrebungen unseres Vereines und unsere Vorschläge wurde von den Herren Prinzipälen vorzugsweise berücksichtigt. Daß das all 3 mitgetheilte Resultat (Commis außerhalb Hamburgs) ein wesentlich schlechteres ist, hat seine Ursache in dem Umstande, daß viele Vacanzen uns erst nach bereits erfolgter Annoncirung aufgegeben wurden, und unsere Vorschläge daher oft zu spät kamen. Abtheil. 4 (von auswärts gemeldete Lehrlingsvacanzen) repräsentirt den schwierigsten Theil unserer Arbeit. Einerseits fehlte es bei dem Uebermaß der in letzter Zeit im Geschäftsbetriebe benutzten Lehrlinge an einer genügenden Anzahl junger Leute, anderseits ist es uns in den seltensten Fällen möglich, in großen Städten Lehrlingsvacanzen zu besetzen, da die Prinzipäle daselbst im allgemeinen freie Pension nicht gewähren und die Bewerber solche in den meisten Fällen beanspruchen. Im Ganzen betrachtet, müssen wir das erzielte Resultat als ein recht günstiges bezeichnen, zumal es sich um das erste Geschäftsjahr und um eine nur ca. 8 monatliche Thätigkeit handelt; hingen müssen wir von den pecuniären Mitteln des Vereins das Gegentheil berichten. Die Vermittlung, wie sie betrieben wird, und, um einen Zweck zu haben, wohl betrieben werden muß, erfordert sehr viele Kosten, welche im ersten Jahre nicht vollständig gedeckt wurden, obwohl wir pro 1892/3 einmalige größere Beiträge zu verzeichnen hatten. Die Zahl der Mitglieder unseres Vereins betrug im ersten Geschäftsjahr 310 mit einer Beilragssumme von Mk. 1194. — Obwohl der als Mitglied zu zahlende Minimal-Beitrag nur Mk. 3. — beträgt, also sehr gering ist, traten doch meistens nur Stellung suchende junge Leute dem Vereine bei, dagegen Geschäftsinhaber und sich in festen Stellungen befindliche junge Leute nur ausnahmsweise. Wir sehen deshalb mit einiger Besorgniß dem kommenden Geschäftsjahre entgegen und richten an alle Glaubensgenossen die dringende Bitte, unfern Verein sowohl durch Anmeldung aller ihnen bekannten Vacanzen als auch durch Erwerbung der Mitgliedschaft und pecuniäre Unterstützung des ungemein nützlichen Unternehmens zu fördern. Mögen auch im kommenden Geschäftsjahre manche Ausgaben des verflossenen ersten fortfallen, so werden dagegen wieder andere, zur weiteren Ausdehnung unseres Vereins erforderlich werden. Wir wiederholen deshalb die dringende Bitte an Prinzipäle und junge Leute in fester Stellung, daß auch sie Mitglieder unseres Vereins werden mögen. Wer möchte nicht dazu beitragen, die im Glauben Schwankenden demselben zu erhalten, und dies bewirkt der Israelitische Stellenvermittlungs-Verein, indem er für Heilighaltung des Sabbaths und der Feiertage mit aller Energie eintritt. Wenn wir unsere aus der diesjährigen Thätigkeit gemachten Erfahrungen mittheilen dürfen, so können wir wohl sagen, daß es G. s. D. noch eine große Anzahl solcher Geschäfte giebt, welche an den jüdischen Feiertagen geschlossen haben. Wenn trotzdem so viele junge Leute Stellungen nicht finden können, so liegt es oftmals daran, daß sie zu wenig Kenntnisse besitzen. Diejenigen Herren Geschäftsinhaber, welche einen Comtoiristen zu engagiren wünschen, sehen fast immer darauf, daß der von ihnen zu engagirende junge Mann eine schone Handschrift, sowie Kenntnisse der deutschen Correspondenz und der doppelten Buchführung besitzt. In sehr vielen Fällen wird auch Stenographie, sowie Fertigkeit in englischer und französischer, sowie auch in spanischer Correspondenz verlangt. Sucht ein Prinzipal für sein Haus einen Verkäufer, so soll der junge Mann, im Falle dieses ein Detailgeschäft ist, gleichzeitig das Decoriren der Schaufenster übernehmen u. s. w. Aus diesen Gründen ist es für jeden jungen Mann unbedingt rathsam, sich oben erwähnte Kenntnisse anzueignen. Von unfern diesjährigen Bewerbern genügten nur sehr wenige obigen Anforderungen, und diese wenigen fanden auch in der Regel durch uns Stellung, während, es sehr schwer fällt, jungen Leuten mit schlechter Handschrift und ungenügenden Kenntnissen einen Platz zu verschaffen. Die Besetzungen vertheilten sich auf folgende Branchen: