Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1893)
- Date
- 1893-07-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1613 Gedanke an Gott, der Gedanke an die Stunde der Verantwortung vor seinem Richterthrone. Daß diese Wahrheit aber gelehrt, weiter verbreitet und durch die ganze Welt getragen werde, das ist Ziel und Zweck Israels, ist die Lebens- und Todesaufgabe eines jeden Einzelnen. Und wie wird diese Aufgabe verkannt und mit verfehlten Mitteln gerade in unserer Zeit angestrebt! Vielleicht ist noch niemals so viel über Gottlosigkeit, Jrreltgiösität geklagt und über Mittel und Wege zur Hebung des religiösen Sinnes geplant worden, als heutzutage. Man schlägt dagegen Gottesdienst, veredelten, geläuterten Gottesdienst, Vereine und Vorträge und wie die Quacksalbereien alle heißen, vor. Aber unter Gottesdienst verstehen die Rathgeber nicht Gott zu dienen, d. h. seinen Willen zu erfüllen und seine Gebote zu beobachten, sondern man versteht darunter die allwöchentliche Anstandsvisite bei Shnagogenparaden, damit die theuern Chöre nicht vor leeren Häusern singen und die Prediger nicht vor leeren Bänken predigen. Statt Gott durch die lebensfrische, rückhaltlose That zu bekunden, lehrt man ihn in Katechismen und glaubt nun wirklich den Kindern Gottesfurcht beigebracht zu haben, wenn sie auf die Fragen: Was ist Gott? Was heißt, Gott ist einzig? allmächtig? u. f. w.. die Antwort aus ihren Schreibheften ablesen können. — Schon länger als ein halbes Jahrhundert experimentirt man mit diesen Mittelchen und trotz des Schwindens des religiösen Sinnes, trotz der Abnahme der Gottesfurcht, trotz der erschreckenden Zunahme von Abfall und Leichtsinn hält man an dieser Sorte Religion fest, die Gott lieber durch die Phrase, als durch die That lehren möchte. Man braucht nur das, um was es sich hier handelt, einander gegenüberzustellen, um an dem Gegensatz die Unzulänglichkeit und Lächerlichkeit dieser Hausmittelchen würdigen zu können. Auf der einen Seite die höchsten Probleme des Lebens: Geburt, Tod, Auferstehung, Rechenschaft, Gott und auf der anderen Seite Orgeln, Bäffchen, Talare und Katechismusschablone mit Frag- und Antwort- Spielen! Wird man mit diesen Spielfächelchen wirklich die dunkelsten Räthsel des Lebens lösen? Wie reichten doch diese Armseligkeiten an den Hochberus auch nur hinan, 'n ww j/**nnb jnb, zu wissen, zu lehren und kund zu thun, es gibt einen Gott! und gar an die jesajanische Mahnung: U’DNni ljnn \ynb tnro ton nnyi 'n dnj ny ons .rriT np nriNi 's iim n^> «in ijn ’J warn »p „Ihr seid meine Zeugen, spricht Gott, und mein Diener, den ich erwählte, damit ihr wisset, mir vertraut und etnsehet, daß Ich bin, vor mir war nie ein Gott gebildet und nach mir wird keiner sein!" (Jesajas, Cap. 42, V. 31.) (Fortsetzung folgt.) ZeitnrrgSrrachrichten und Correfporrderrze«. Deutschland. Berlin. (Zur Deutschen- und Judenhetze in Rußland). Die Auswanderung deutscher Kolonisten aus dem Saratow'schen Gouvernement in Rußland dauert fort. Ein Teil der Auswanderer begab sich in den letzten Tagen mit dem Dampfer „Erik" über Antwerpen nach Amerika, ein anderer schlug auf dem Dampfer „Europa" den Weg über Lübeck und Bremerhaven ein. Es macht einen ergreifenden Eindruck, die biederen, treuherzigen Leute mit Thränen in den Augen von dem Lande, das sie so lange gastlich beherbergt hatte und jetzt feindselig hinausstößt, Abschied nehmen zu sehen. Unter Anstimmung feierlicher altlutherischer Kirchenlieder mit kummervollem, aber entschlossenem Ausdruck in den des Bartschmuckes beraubten, viereckigen Schwabengesichtern, treten die braven Kolonisten ihre weite Reise über das große Wasser an. Bezeichnend für die Stimmung, die vielfach in der russischen Gesellschaft allen Deutschen gegenüber herrscht, ist, daß man hier von Russen häufig Aeußerungen, wie die folgenden zu hören bekommt: „Da ziehen sie nun hin, diese Privklegirten (die Sonderrechte der deutschen Kolonien find, wohlgemerkt, längst aufgehoben), nachdem sie sich an russischem Brod und russischem Schweiß gemästet, um mit ihrer zusammengerafften Beute in einem anderen Lande weiter zu spekuliren." Aus den Gesprächen mit den Kolonisten ersah der Berichterstatter der „Voff. Ztg." zu seiner großen Verwunderung, daß diesen Leuten, so deutsch sie sich in Sprache und Tracht erhalten haben, das Bewußtsein ihres genaueren Ursprungs, ihrer engeren Stammeszugehörigkeit vollständig abhanden gekommen ist. Es giebt an der Wolga schwäbische, obersächsische nnd anderweitige Kolonien, und da die Dialekte sich teilweise aneinander abgeschliffen haben, so ist es nicht immer so leicht, den Unterschied herauszufinden, namentlich da das wie o gefärbte a sich sowohl bei schwäbischen, wie auch bei fächsisch-thüringischen Kolonisten findet. Als ich die Auswanderer fragte, von woher ihre Voreltern denn nach Rußland gekommen seien, antworteten sie naiv: „Nu, doch woll aus Praiße." Ich erwiderte, ich hätte gehört, sie wären aus Würtenberg oder Sachsen etngewandert, erhielt aber darauf die Antwort: „Rain, nain, mer wisse ganz bestimmt, aus Daitschland!" Wie die Leute erzählen, rüsten sich im Saratowschen für diesen Sommer noch zahlreiche Kolonisten zur Auswanderung. Zusammengerechnet