Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 52 (29.6.1893)
- Date
- 1893-06-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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m Der Rio Parana von Brasilien, der tropischen Zone kommend, durchläuft Missiones, die Provinzen Corrientes Entre-Rios und Santa Fee und bildet nach seiner Vereinigung mit dem Rio Uruguay den großen Rio de la Plata, der breiteste Strom der Erde, welcher in den atlantischen Ocean mündet und dann im Ocean mehrere Meilen weit seine Wasser ungemischt forttreibt. Im Süden wollen wir noch den Rio Colorado und den Rio Negro, welche Patagonien in seiner ganzen Ausdehnung durchlaufen, als die bedeutendsten erwähnen. Eine große Zahl von Seen und Lagunen tragen ebenfalls zur Bewässerung des Landes und zur Erleichterung der Colonisation bei. Viele dieser Flüffe sind schiffbar; die Rios de la Plata, Uruguay, Parana und Paraguay werden jährlich von mehreren Tausend Segler und Dampfer befahren, welche bis tief ins Innere des Erdtheils den Fortschritt des Lebens und der Civilisation tragen. Für das von Dr. Loewenthal projectirte Colonisations- Unternehmen war es zur Lebensfrage geworden, ob und wie wett der mächtige Rio Bermejo, ein Nebenfluß des Rio Paraguay, schiffbar ist; denn die einzig practische und mögliche Communication mit den nordl. Gebieten ist die Wafferoute. Die zwei von Dr. Loewenthal nach dem Chaco und Formosa geführten Expeditionen waren derMeinung, daß durch Sprengung der im Oberlauf dieses Flusses vorhandenen Hindernisse die Schiffbarkeit hergestellt werden könne. Dieses Urtheil stimmte überein mit der Meinung bekannter Forscher, welche sich schon vorher mit dieser Frage beschäftigt hatten. Ein so großes Territorium wie das der argentinischen Republik, welches sich über 33 Längengrade und 17 Breitengrade erstreckt, bietet natürlicherweise alle Klimate: so kann der Süden als kalt, das Centrum als gemäßigt und der Norden als heiß betrachtet werden; als vorherrschend kann aber gemäßigtes Klima angenommen werden- Infolge der geographischen Lage des Landes sind die Jahreszeiten Argentiniens, mit Bezug auf diejenigen Europas, intervertirt und eS erfolgt, ^daß das Frühjahr in die Monate September, October, November, der Sommer Dezember, Januar, Februar, der Herbst März, April, Mai und der Winter in die Monate Juni, Juli, August fällt. Nach diesem kurzen Ueberblick auf die geologischen, orographischen, hydrographischen und klimatischen Verhältniffe des Landes wollen wir zu unseren Mittheilungen über das große Unternehmen zurückkehren. Baron Hirsch spendete zur Stiftung der „Jewish- Colonisation-Association" 50,000,000 Francs. Die Jewish-Colonisation-Affociation ist eine Actien-Gesellschaft, die ihren Sitz in London hat. Das Actien-Kapital ist voll eingezahlt und trägt, den Statuten der Gesellschaft gemäß, keine Zinsen. Der Werth einer jeden Actie beträgt 5000 Francs resp. 200 L. Ctrl-, also 10,000 Actien, von welchen 9,990 im B esitze des Baron H irsch sind; die zum Totale fehlenden Actien sind zu Händen des Baron Rothschild, London, Goldschmidt, London und einiger anderen jüdischer Magnate. Mit der dem Ereigniffe entsprechenden Geschwindigkeit verbreitete sich in ganz Rußland die Kunde dieser Stiftung und viele Tausende Bittgesuche liefen im Palast des Baron Hirsch ein. Um diese Auswanderung, welche die größten Dimensionen zu nehmen schien, zu organisiren, forderte die „Jewish- Colonisation-Association" die in den diversen Städten Rußlands und in den deutschen Grenzstädten wohnenden jüdischen Notabilitäten auf, Comit6s zu bilden, um die Auswanderer nach den Häfen, von welchen ab die Ueberfahrt erfolgen sollte, zu expediren. Gleichzeitig entsandte Baron Hirsch als persönlichen Vertreter Mr. White nach Petersburg, um von der russischen Regierung freien Abzug für die Auswanderer zu erwirken. Anfänglich scheiterten die Bemühungen Mr. White's, weil sich die russische Regierung in eine offizielle Parlamentirung mit dem Vertreter des Baron Hirsch nicht einlassen wollte. Mittlerweile hatten viele jüdische Familien ihre Habseligkeiten mit großem Verluste zu Geld gemacht und mit Lebensgefahr die deutsche Grenze erreicht. Viele haben bei dieser Flucht ihr letztes Hab, ihr letztes Gut eingebüßt, das ihnen theils ganz, theils beinahe ganz von den russischen Grenzsoldaten abgenommen wurde. Ueber die bei dieser Gelegenheit verübten Rohheiten und Grausamkeiten gehen wir hinweg, da die Tageszeitungen dieselben s. Z. erörterten. Die Aufgabe der jüdischen Comitees war eine sehr große. Es handelte sich nicht blos darum die Flüchtlinge nach Hamburg, Bremen oder Havre — wo die Einschiffung erfolgen sollte — zu expediren, es mußte vor allem den Fliehenden, welche zum Theil in wirklich trostloser Lage, zum Theil sogar nicht genügend gekleidet waren, Hilfe geleistet werden. Ein weites Feld war Wohlthätern eröffnet. In wirklich anerkennenswerther Weise entledigten sich die jüdischen Wohlthätigkeits - Comitees ihrer aus Humanität übernommenen Mission. Die in Buenos Aires eingetroffenen Einwanderer konnten nicht Worte genug finden, um uns die gastliche Aufnahme und die reiche Unterstützung die ihnen seitens der jüdischen Comitees in Deutschland zu Theil wurde, mit rührender Dankbarkeit zu schildern: sie wurden reichlichst bewirthet, bekleidet, erhielten Cigarren und Tabak für die Reise und überdies noch Geld: sie fanden da, erzählten sie uns, nicht blos Hilfe, sie fanden gefühltes Mitleid, innige Theilnahme an ihrem Unglück. Trotz der Warnungen der Comitees und der jüdischen Zeitungen in Rußland ließen sich viele nicht abhalten vorzeitig auszuwandern. Die vorzeitige Auswanderung hatte nicht nur für diese Ungeduldigen böse Folgen, die vorzeitige Auswanderung war für das ganze Unternehmen von Nachtheil — es war eben keine organisirte Emigration — es war eine wilde Flucht. Zu dieser Zeit war die „Jewish Colonisation Association" noch gar nicht gebildet, hatte sich Baron Hirsch doch kaum für die Colonisation in Argentinien entschlossen. Die ganze Frage war bis dahin nur im Princip behandelt und war