Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 52 (29.6.1893)
- Date
- 1893-06-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIV. Jahrgang Erste Beilage zu M des „Israelit". Leitende Artikel. Die Kolonien des Waron Kirsch. Von Lueien Gerbel. (Nachdruck verboten.) Ueber die Lage der Juden in Rußland wurde bereits so viel geschrieben, daß wir darauf nicht zurückzukommen brauchen: eine enorme Bevölkerung war heimathslos. Das war es, was in Baron Moritz Hirsch von Gereuth den Wunsch erweckte, das Loos seiner in Rußland lebenden Glaubensgenoffen zu verbessern. Einige Angaben aus der osficiellen Statistik Rußlands werden dem Uneingeweihten auch die Ungerechtigkeit des Vorgehens der russischen Regierung beleuchten. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung Rußlands beträgt 5,250,000 Seelen — was fünf Procent der ganzen Einwohnerzahl ausmacht. Dieser Theil der Bevölkerung ist, wie aus den staiistischen Aufnahmen erfolgt, nüchterner, gesunder, nimmt auch rascher zu als die übrige Bevölkerung und stellt dem Lande 150,000 Soldaten. Er ist fleißiger und in Folge deffeu wohlhabender als die andere Bevölkerung, was schon daraus hervorgeht, daß die jüdischen Unterthanen mehr als die Hälfte des Handels und die Halste des Capitals besitzen. Vier Procent des Grundeigenthums gehört den Juden und 64,000 jüdische Ackerbauer bearbeiten mit Erfolg den Boden. Die Leistungen der jüdischen Handwerker werden wir in der Folge, in unseren Mittheilungen über „Mauricio" — die erste große jüdische Eolonie in Argentinien — eingehender besprechen. Die Resultate der Colonisation in Palästina waren nicht die günstigsten und da der Entschluß, den in Rußland Verfolgten eine neue Heimath zu gründen gefaßt war, so lag doch nichts näher, als an Amerika zu denken. In der „Neuen Welt" sollten die russischen Juden ein besseres, ein neues Leben beginnen; als freie Bürger, als gleichberechtigte Mitglieder einer großen Familie wirken und schaffen. Professor D r. Wilhelm Loewenthal, seiner Zeit Dozent an der medizinischen Facultät in Berlin, trat für die Niederlassung der aus Rußland vertriebenen Juden in Argentinien ein. Er war von der Regierung der argentinischen Republik beauftragt, sämmtliche Colonien des Landes zu besuchen und einen Bericht über die sanitären und hygienischen Verhältnisse in denselben dem Ministetium des Innern zu unterbreiten- Die Prosperität der Ackerbau-Colonien, die er besuchte und die während dieser Reisen gemachten Beobachtungen ließen Dr. Loewenthal an die Möglichkeit einer erfolgreichen Colonisirung der aus Rußland vertriebenen Juden in diesem Lande denken und veranlaßten ihn, die landwüthschaftlichen und Colonisations-Verhältnisse Argentiniens einem eingehenden Studium zu unterziehen. Nach sorgfältigem Studium war Dr. Loewenthal zur Ueberzeugung gelangt, daß gewisse Gegenden Argentiniens alle für eine erfolgreiche Mafsen- Colonisation erforderlichen Eigenschaften bietet; er arbeitete ein ernst durchdachtes Project unter Berücksichtigung der Lebensgewohnheiten, der Eigenschaften, Leistungsfähigkeit und Thatkrast des zu colonistrenden Elementes aus, welches er dem Baron Hirsch vorlegte. Baron Hirsch interessirte sich sehr für das projektirte Unternehmen und sandte unter Oberleitung Dr. LoewenthalS eine Landstudien-Commission nach Argentinien, welche die von Dr. Loewenthal vorgeschlagenen Gegenden (Ckaco-Formosa) zu erforschen hatte. Wir gebrauchen vielleicht mit Recht das Wort „erforschen', denn ein großer Theil des Chacos Formosas blieb bis dahin unbetreten. Die Berichte der Commission waren außerordentlich günstig und Baron Hirsch entschloß sich, in Argentinien, der „südamerikanischen Pampa" seinen in Rußland bedrängten Glaubensgenossen eine neue Heimath zu geben. Bevor wir weitergehen, wollen wir dem geehrten Leser einiges über das Land sagen, das zur „neuen Heimath" für die Vertriebenen gewählt wurde. Die argentinische Republik ist eine der Nationen Südamerikas und existirt als solche seit dem Jahre 1810, zu welcher Zeit sie sich von Spanien trennte, dem sie als „Vice- Königreich des Fa Plata“ zugehörte. Das argentinische Territorium erstreckt sich von Süd nach Nord, östlich einer mächtigen Gebirgskette, die Cordilleren der Andes, welche es von Chili trennt, ist im Osten durch den atlantischen Ocean, Uruguay, Brasilien und Paraguay, im Norden durch Paraguay und Bolivia und im Süden durch den Beagle-Canal begrenzt. In diesen Grenzen hat die argentinische Republik einen Flächeninhalt von 2,894,257 Quadrat Kilometer, mit andern Worten: Argentinien ist viel größer als Oesterreich-Ungarn, Deutschland, Frankreich, Italien, England, die Schweiz, Belgien, Dänemärk und die Niederlande zusammengenommen. Die Einwohnerzahl ist nach der letzten Volkszählung auf 4,750,000 Seelen festgestellt, während die soeben genannten Länder Europas, deren Flächeninhalt, wie wir bereits gesagt haben, nicht ganz so groß wie derjenige der argentinischen Republik ist, von 208,961,885 Einwohnern bewohnt sind. Der allgemeine Charakterder geologischen Bodenbeschaffenheit Argentiniens ist im Osten Flachland, im Westen Bergland, nach der chilenischen Grenze zu aufsteigend; die höchsten Spitzen der Cordilleren bilden die Demarkationslinie dieser zwei Staaten. Einige der mächtigsten Flüsse Amerikas gehören zum argentinischen Gebiet. Ueberdies entspringen eine Unzahl kleiner Flüsse und Bäche den Cordilleren, welche ihren Lauf nach verschiedenen Richtungen nehmen und das andinische Territorium bewässern.